Gay Romance - Teil 1
Jan. 25th, 2012 12:19 pmKleine Geschichten von homosexueller Liebe
Jugendfreier Original Slash
Gay Romance
Weihnacht im Camp
Marvin saß auf seiner Pritsche, die Beine angezogen, die Hände vor den Knien verschränkt. Sein Kopf lehnte rückwärts gegen die Wand, seine Augen starrten auf das stabile Drahtgeflecht, das die Matratze über seinem Schlafplatz an ihrem Ort hielt. Die Gedanken traten ihre Wanderung an, verirrten sich, stockten immer wieder an der gleichen Stelle, bevor sie zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrten.
Das Training war hart, unerträglich fast, und dauerte bereits viel zu lang. Marvin konnte kaum fassen, dass er die Hälfte bereits überstanden hatte. Doch noch viel weniger konnte er fassen, erst jetzt erkannt zu haben, dass er die lange Zeit niemals ohne diesen einen Menschen überstanden hatte. Und am meisten wunderte ihn die Festigkeit der Überzeugung, mit der er diese Tatsache als gegeben ansah. Ohne Ian hätte er längst aufgegeben. Ohne Ian hielt ihn nichts in diesem schäbigen Camp, dieser öden Umgebung. Ohne Ian fiele es ihm nicht ein, auch nur in Erwägung zu ziehen, die unzumutbaren Befehle und Aufgaben, die sich die Schleifer aus den Fingern sogen, zu befolgen.
Was für einen Sinn sollte es auch haben, sich Menschen zu unterwerfen, die lediglich aufgrund ihrer Uniformen und ihrer Dienstjahre glaubten, sich alles herausnehmen zu können.
Wenn er das wollte, dann wäre er auf der Straße geblieben. Wenn er sich aufzugeben wünschte, dann bekäme er dort ausreichend Gelegenheit. Doch jedes Mal, wenn ihn das Bedürfnis überkam, alles hinter sich zu lassen, wenn er den Drang in sich spürte, davon zu laufen, so wie er damals aus seinem Elternhaus davongelaufen war, dann tauchte Ians Bild in seiner Vorstellung auf. Dann sah er Ian vor sich, so wie er ihm das erste Mal begegnet war, an ihrem ersten Tag. Er sah dessen dunkle Augen, das schwarze Haar, mit Wasser glatt an den Kopf gekämmt. Den warmen, kräftigen Haut-Ton, der irgendwo zwischen Bronze und Kupfer schwankte. Den aufrechten Wuchs, die schlanke Gestalt, die ihn, wie Marvin selbst aus der Entfernung erkannt hatte, um mindestens einen Kopf überragte.
Erst viel später, als sie sich besser kannten, erfuhr er, dass Ians Vorfahren aus Südostasien stammten, dass darin der Grund für sein exotisches Aussehen lag. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass irgendwo in dem Mix seiner Ahnen sich ein Cherokee tummelte. Vielleicht verlieh ihm die Unklarheit seiner Herkunft den Zauber, das Unwiderstehliche, dem Marvin sich nicht entziehen konnte.
So jemandem wie Ian war er nie zuvor begegnet. Ruhig, fast einsilbig, und doch klarer in seinen ausgewählten Aussagen, als jeder andere es zu sein vermochte, der redenschwingend versuchte, sich aus der Menge hervorzuheben. Wenn Ian sprach, dann hörte man ihm zu. Wenn er einen Entschluss fasste, dann hatte dieser Hand und Fuß. Es kam Marvin beinahe so vor, als wüsste Ian immer genau, was er zu tun hatte, als führte eine unsichtbare Macht den Dunkelhaarigen durch dessen Leben.
Eine Macht, die in Marvins Leben fehlte, die für ihn nicht existierte. Die er vielleicht aber auch einfach nicht erkannte. Die sich unter all dem anderen Müll, den Unsicherheiten und Seelenqualen verbarg, die er Tag für Tag mit sich herumschleppte.
Marvins Augen folgten den Linien über seinem Kopf, die sich, je länger er auf sie starrte, immer mehr verwirrten und verzerrten. Die Muster wanderten, verzogen sich und begannen vor ihm zu tanzen, bis er es nicht mehr aushielt und die Augen schloss.
Ein Geräusch ließ ihn aus seinem Traum aufschrecken. Marvin blinzelte und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Abschnitt der Baracke, den er von seiner Position aus wahrnehmen konnte.
Eine schlanke Gestalt hielt in ihrem Weg inne. Ian bückte sich, bis Marvin auch sein Gesicht erkennen konnte und sah den Blonden erstaunt an. „Was tust du noch hier?“, fragte er mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Marvin wich Ians Blick aus. „Ich fahr nicht“, antwortete er kurz.
„Okay?“ Ians Augenbrauen wanderten nach oben. „Ich dachte nur…“ Er verstummte.
Marvin zögerte, doch entschlossen rutschte er vorwärts und schwang seine Beine über die Bettkante.
„Was dachtest du?“, fragte er neugierig.
Ian sah ihn wieder an, lächelte kurz. „Ich dachte, ich wäre der einzige, der die Feiertage hier verbringt. Bis jetzt war ich es zumindest.“
Jetzt war es an Marvin erstaunt auszusehen. „Du warst schon öfter über Weihnachten alleine?“
Ian nickte und zuckte mit den Schultern. „Bin ich gewohnt. Weihnachten ist kein Festtag für mich.“
Marvin biss sich auf die Lippen. „Und Familie?“, rutschte es ihm heraus, noch bevor er sich bremsen konnte.
Wieder zuckte Ian mit den Achseln. „Existiert nicht. Bis auf meinen Onkel sind alle gestorben, und der ist froh, wenn er von mir nichts hört oder sieht.“
„Aber…“ Marvin errötete, peinlich berührt, dass er den anderen praktisch ausgefragt hatte.
Ian legte seinen Kopf schief. „Ist schon okay“, meinte er, als habe er Marvins Gedanken gelesen. „Ich könnte dich dasselbe fragen.“
Das Rot in Marvins Gesicht vertiefte sich.
Ian grinste. „Ich tu’s aber nicht“, sagte er und richtete sich auf, schickte sich an, den Raum zu durchqueren und seinen eigenen Schlafplatz aufzusuchen.
„Warte.“ Marvin beugte sich vor. „Wenn du…“
Er wollte ihm mitteilen, dass es kein Problem für ihn darstellte, wenn der andere ihn ebenso ausfragen wollte, doch im letzten Moment besann er sich eines Besseren. Eigentlich wünschte er sich wirklich nicht, dass irgendjemand aus diesem Leben, über seine Vergangenheit Bescheid wusste. Die war abgeschlossen und beendet. Die Akten unter Verschluss. Watson hatte ihm versichert, dass niemand außer ihm Zugang zu Marvins richtigem Namen, zu seiner Geschichte und seiner Herkunft erhielte. Ohne Watson befände er sich immer noch in der aussichtslosen Situation, aus welcher der Mann ihn aufgelesen hatte.
Und doch – manchmal – nur manchmal – fragte Marvin sich, ob er sich wirklich eine Verbesserung eingehandelt hatte, indem er sich damals in die Hände des ehemaligen Studienfreundes seines verhassten Vaters begeben hatte.
Er biss sich auf die Zunge, kehrte in die Gegenwart zurück.
„Wir… wir könnten doch… also, ich meine, wenn du sowieso auch hier bleibst…“
Ian stand schon in der Tür, doch sah sich über die Schulter um. In seinen Augen glitzerte es belustigt.
„Klar, Marvin. Warum nicht?“
Marvin ließ sich erleichtert zurücksinken. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ein Lächeln, das vielleicht mehr dümmlich als selig wirken mochte. Aber das störte ihn nicht. In diesem Moment konnte er an nichts anderes denken, als an das Glitzern in Ians Blick und an die Möglichkeit mindestens drei Tage mit ihm zu verbringen. Mit ihm in seiner Nähe. Ohne dass ihn Trainer, Schleifer oder gehässige Kameraden ablenkten. Es genügte ihm, dass er Ian einfach besser kennenlernen konnte, dass er Gelegenheit bekam, sich mit ihm zu unterhalten, etwas über ihn zu erfahren. Hoffentlich viel mehr, als er bisher über ihn gelernt hatte.
Das Camp war gähnend leer. Die eisige Kälte, der pfeifende Wind, der über Ausbildungsplätze, Gebäude und durch die dünnen Wände fuhr, befahlen den wenigen Posten, die das Los gezogen hatten, den Ort vor unliebsamen Besuchern zu schützen, sich innerhalb von mindestens vier Wände zurückzuziehen. Nicht dass es an dieser vergessenen Ecke der Welt etwas zu stehlen gäbe. Es hatte durchaus seinen Grund, das Ausbildungscamp fernab von jeder Zivilisation aufzuschlagen. Wurden dort doch Kräfte ausgebildet, die, bevor sie zur Anwendung gelangen konnten, an ihre Grenzen und darüber hinaus katapultiert wurden.
Ohne Verletzungen, ohne Schmerzen, ohne dass eine Seele nach der anderen gebrochen wurde, ließ sich das gesetzte Ziel nicht erreichen. Und jede Form der Ablenkung, jede Form von Versuchung erschwerte das Vorhaben, Männer zu Soldaten zu formen, die weder Rücksicht, noch Erbarmen kannten. Die bereit waren, alles und jeden zu opfern, inklusive der eigenen Person, wenn es um das Große und Ganze ging, um das hehre und zugleich bedeutungslose Ziel, dem diese Einrichtung sich verschrieben hatte.
‚Leere Worte‘, dachte Marvin und wiederholte damit einen Gedanken, der ihn seit seinem Eintritt plagte. Er schlug seine Arme um den Körper im vergeblichen Versuch, sich zu wärmen. ‚Anscheinend ist es ihnen bei mir noch nicht gelungen. Anscheinend steht mir der Zusammenbruch noch bevor, oder auch das totale Versagen.‘
Dabei war die Entscheidung zu diesem Leben nicht von ungefähr gekommen, nicht schwergefallen. Sie war die natürliche Konsequenz seiner bisherigen Handlungen, der einzige Weg, der ihm geblieben war.
Mit vor Kälte brennenden Augen verfolgte er die Atemwolke, die in der kalten Luft aufquoll, bevor sie langsam begann sich aufzulösen, ohne dass ihre Wärme an der Temperatur der Umgebung etwas änderte.
Ian hatte er seit dem Vormittag nicht mehr gesehen. Als habe der sich wissentlich vor ihm zurückgezogen. Marvin scheute sich, in den benachbarten Schlafraum einzutreten. Obwohl er nicht wirklich wusste, was ihn davon abhielt. Vielleicht fürchtete er die Ablehnung, vielleicht fürchtete er, seinen Enthusiasmus zu offen darzulegen.
Vielleicht ahnte er, dass Ian auf seine eigene unnachvollziehbare Art, mehr über ihn wusste, als er durfte. Fürchtete, dass dieser ihn ablehnte, wenn er erst in seine Seele gesehen hatte. Vielleicht war es Ian kein Geheimnis geblieben, dass Marvin zu manchen Zeiten, wenn es besonders schwer für ihn war, sich nicht scheute, von Bett zu Bett zu gehen auf der Suche nach Ablenkung, nach Erleichterung, nach Erlösung.
Ian sah mehr als andere. Davon war Marvin überzeugt. Und ebenso überzeugt war er von Ians Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen und Konsequenzen unerbittlich durchzusetzen. Vielleicht war es nicht der Gedanke an Zurückweisung, der Marvin fernhielt. Mit Zurückweisung konnte er umgehen.
Seinen Stolz, seine Selbstachtung hatte er verloren, als er zum ersten Mal vor einem Mann für Geld in die Knie gegangen war. Aber der Gedanke, in diesen schwarzen Augen ein Gefühl wie Verachtung zu lesen, erschreckte Marvin mehr, als er vor sich zugeben konnte.
Ian hatte zugegeben, allein zu sein. Sein Leben war mit Sicherheit nicht leichter gewesen als Marvins eigenes. Das bewiesen schon die zahlreichen Narben, die Ians Hüften und Schultern bedeckten. Dennoch trug der sein Schicksal mit Würde. Ian wäre nie zu dieser erbärmlichen Figur geworden, zu diesem Schatten eines Menschen, als der Marvin sich durch die langen Jahre seiner Jugend geschleppt hatte.
Plötzlich legte sich eine kalte Hand auf seine Schulter. „Was machst du hier draußen?“, fragte Ian.
„Ich… ähm. Frische Luft schnappen“, murmelte Marvin verlegen, als wäre er bei einer Indiskretion ertappt worden.
„Ah.“ Ian schwieg, ließ jedoch seine Hand auf Marvins Schulter ruhen. Erst nach einer Weile hob er an zu sprechen. „Wenn du noch länger hier bleibst, ohne dich zu rühren, holst du dir eine Lungenentzündung. Dann wird es schwierig werden, dreißig Kilometer am Stück zu laufen.“
„So besorgt?“ Marvin hatte nicht beabsichtigt, bitter zu klingen, doch die Kälte und eine seltsame Anspannung ließen die Worte aus seinem Mund strömen, ohne dass er direkten Einfluss auf deren Tonfall nehmen konnte.
Ians Hand glitt von Marvins Schulter herab. Marvin hörte, wie der andere scharf den Atem einsog. Rasch drehte er sich um.
„Ich meine, du hast recht“, beeilte er sich zu murmeln, ohne Ian anzusehen. „Es ist nicht sehr schlau, hier in der Kälte zu warten und sich die Füße abzufrieren.“
Ian sah ihn prüfend an. „Dann komm doch rein“, sagte er. Ich hab Tee aufgesetzt. Eigentlich nutze ich es immer aus, die Alleinherrschaft über alles zu besitzen.“
„Kein lästiges Anstehen mehr“, ergänzte Marvin.
„Endlich Zeit zum Duschen“, grinste Ian.
„Ausschlafen?“, fragte Marvin.
„Es ist Weihnachten“, bestätigte Ian. „Irgendetwas müssen doch auch wir davon haben.“
Ein dankbares Lächeln auf den Lippen folgte Marvin dem Größeren ins Innere des Gebäudes. Sie durchquerten die verlassenen Gänge, deren dünne Wände die Kälte nicht vermochten abzuhalten und gelangten schließlich in den vorderen Schlafraum, der eine kleine Kochnische als besonderen Luxus enthielt.
Für gewöhnlich achteten die Besitzer der nahe gelegenen Betten genau auf die Exklusivität dieser Ausstattung. Was bedeutete, dass die Wenigsten in den Genuss kamen, sie für sich nutzen zu durften. Umso behaglicher war es, dem brodelnden Teekessel bei seiner Arbeit zuzusehen, den Geruch der frisch überbrühten Blätter mit allen Sinnen aufzufangen und sich schließlich an dem warmen Getränk zu laben.
Erst als Marvins Körper sich an das wohlige Gefühl, das seinen Magen durchströmte, gewöhnt hatte, ergriff Ian die blecherne Kanne, sowie seine eigene Tasse und winkte Marvin wie selbstverständlich, ihm zu folgen. Marvin zögerte ein wenig, als sie an der Schwelle zu Ians, nun von ihm allein besetzten Schlafraum, ankamen. Doch Ian drehte sich zu ihm um, lächelte dunkel, als könnte er seine Zurückhaltung verstehen. „Komm“, sagte er leise. „Ich habe da etwas, das dich sicher interessieren wird.“
Marvin hob die Augenbrauen, doch er folgte Ian. Was auch immer der im Sinn haben mochte, Marvin fiele sicher schwer, es ihm zu verwehren.
Ian führte ihn quer durch den Raum, knipste lediglich das kleine Oberlicht an der Seite an, gegen deren Wand sein Bett gelehnt war. Er zog den klapprigen Tisch, der die Ecke des Zimmers ausfüllte und für gewöhnlich am ehesten von den wenigen Briefe-Schreibern oder lesefreudigen Camp-Bewohnern besetzt wurde, hervor. Nun war der leer und Ian setzte mit elegantem Schwung seine Tasse und die Kanne darauf ab. Er lächelte als Marvin beinahe zaghaft näher kam, streckte langsam die Hand aus und nahm ihm die Tasse ab, um sie neben seine zu stellen.
Er winkte einladend in Richtung seines Bettes und ließ sich gleichzeitig mit Schwung selbst darauf nieder. Er beugte sich hintenüber, so dass sich seine lange Gestalt zusätzlich dehnte und griff mit geübter Hand unter das Nachbarbett. Als er wieder hoch kam, umklammerten seine Finger eine viereckige Flasche mit einer golden schimmernden Flüssigkeit.
„Hier.“ Lächelnd hielt er sie Marvin entgegen. „Was sagst du?“
Marvin erwiderte das Lächeln und legte den Kopf schief, eine eingehende Prüfung vortäuschend. „Nicht übel. Wo hast du die her?“
Ian zuckte mit den Schultern. „Verdient“, antwortete er. „Ich trinke nur normalerweise nicht.“
Marvin nahm ihm die Flasche ab und hielt sie schräg gegen das Licht, so dass ihr Inhalt mild glänzte.
„Wie kommt es, dass du sie hast bewahren können?“ Marvin stellte sich nur für einen Augenblick vor, wie seine Schlafgenossen reagieren würden, bekämen sie Wind von einer seltenen Kostbarkeit wie dieser.
Ian sah ihn prüfend an. Beinahe schien es Marvin, als könne der die Bilder in seinem Kopf empfangen. Doch dann wandte der Dunkelhaarige den Blick ab. Sein Lächeln verbreiterte sich.
„Es würde sich keiner getrauen, mir etwas weg zu nehmen“, stellte er fest. Marvin stellte die Flasche ab und sah Ian entwaffnend an.
„Das kann ich mir vorstellen“, sagte er schließlich. Wenn er ehrlich war, dann konnte er es sich sogar besser vorstellen, als er vermutet hätte. Auch wenn Ian kein Riese war, weder besonders groß, noch ein Muskelprotz, so bewiesen seine stets aufrechte Haltung und schlanke Gestalt, dass sein Körper durchtrainiert und gestählt eine Ahnung davon erlaubte, wie sich die Auseinandersetzung mit ihm anfühlen würde. Zudem hatte Marvin Ian mehr als einmal beim Sport beobachtet. Hatte ihn sogar genau genug beobachtet, um von dem Spiel der Muskeln unter dem leichten Baumwollshirt so abgelenkt zu werden, dass er seinen eigenen Einsatz wiederholt verpasste.
Es war ein Vergnügen, Ian zuzusehen. Sein Gang besaß etwas zugleich Federndes und doch auch Festes. Er drehte sich mit einer Eleganz, die Ihresgleichen suchte. Sein Sprung gewann von Mal zu Mal an Höhe. Die Sicherheit, mit der er den Ball fing und führte, vermittelte ausgeklügelte Präzision. Selbst wenn der Stoff schweißnass an seinem Oberkörper klebte, die Haare, die immer einen Tick zu lang waren für den Ort an dem sie sich befanden, doch die niemand sich getraute, ihm abzuschneiden, um sein Gesicht flogen, um schließlich daran kleben zu bleiben, erschien er Marvin immer noch als der erstrebenswerteste Mann in seinem Universum.
Nicht, dass Marvin dies etwa zugäbe. Zumindest nicht vor jemand anderem, als vor sich selbst. Seine Besorgnis, dass manch einem die Faszination nicht unbemerkt bliebe, mit der er Ian begegnete, war nicht unbegründet. So ziemlich jeder, der näher mit ihm zu tun hatte, wusste wie Marvin tickte.
Ian dagegen blieb ein Geheimnis. Hauptsächlich existierten Gerüchte, doch wenn es um konkrete Informationen ging, zeigten sich die Befragten, so bewandert sie auch sonst sein mochten, ratlos. Ian blieb ein Mysterium, in jeder Hinsicht. Sogar in der, die seine Sexualität betraf.
Doch die Frage existierte. Und je länger Marvin in Ians Nähe blieb, desto drängender wurde sie, wenigstens für ihn.
Ian hatte sich wieder aufgerichtet und begann am Verschluss der Flasche zu nesteln.
„Willst du stehen bleiben?“, fragte er belustigt und Marvin reagierte sofort. Peinlich berührt ob seiner Langsamkeit ließ er sich rasch neben den anderen sinken.
„Nein, bestimmt nicht“, beeilte er sich zu versichern und atmete genießerisch den Duft ein, welcher der geöffneten Flasche entströmte. „Guter Stoff“, meinte er anerkennend. „Was hast du dafür getan?“
Ian schenkte mit Schwung in beide Tassen eine beachtliche Portion des Getränks. „Das willst du nicht wissen“, erwiderte er. Als Marvin sich zu ihm drehte, bemerkte er zum ersten Mal einen bitteren Zug um den Mund des Dunkelhaarigen.
Schnell richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tassen und streckte unsicher die Hand nach seiner aus. Vermischt mit der Wärme des Tees, verteilte sich der Geruch des Alkohols im Raum. Die Moleküle tanzten in der Luft, schienen geradewegs durch die Nase in Marvins Gehirn zu wandern. Als er sich wieder zu Ian umblickte, war das Bittere aus dessen Gesichtszügen verschwunden, und Marvin kam es vor, als habe er es sich nur eingebildet.
Er ergriff seine Tasse und nickte Ian dankbar zu. Eigentlich war es kein Wunder, dass seine Phantasie ihm permanent Streiche spielte, nicht solange er seine Vergangenheit nicht endgültig abzuschütteln wusste.
Und wer behauptete, dass es jedem so gehen müsse, wie es ihm selbst ergangen war?
Es gab unzählige Möglichkeiten für einen Gefallen, den Ian jemandem für diesen Preis erwiesen hatte. Wahrscheinlich eine Arbeit abgenommen, einen Sieg im Sport errungen, oder auch nicht errungen. Marvin würde sich nicht erdreisten, eine Meinung darüber zu bilden, so geheim und verborgen sie auch sein mochte.
Er hob die Tasse an die Lippen, atmete genießerisch den Duft ein, der ihm nach den erzwungenen Wochen Abstinenz wie das göttlichste Ambrosia vorkam, und nahm schließlich einen kräftigen Schluck. Er schmeckte das scharfe Getränk auf seiner Zunge, fühlte, wie es die Kehle hinunter rann. Vielleicht war es nicht der beste Tropfen, aber dennoch einer der angenehmeren Wege, der trostlosen Wirklichkeit zu entfliehen.
„Danke“, seufzte Marvin und schloss die Augen. „Ist einfach schon zu lange her.“ Als er seine Augen wieder öffnete, sah er Ian vor sich, der ihn belustigt anblickte.
„Ist das so?“, fragte dieser neckisch. „Da bin ich ja froh, dass ich für die richtige Weihnachtsstimmung sorgen konnte.“
„Das kannst du allerdings“, bekräftigte Marvin und fühlte, wie sich die wohlige Wärme in ihm ausbreitete. „Das ist definitiv eines der besseren Weihnachtsfeste für mich.“
Ian verengte seine Augen zu Schlitzen und Marvin fiel auf, dass er zwar die Tasse hielt, aber noch immer nicht davon getrunken hatte, als er schließlich über ihren Rand hinweg sprach. „Die anderen können aber doch nicht so schlimm gewesen sein.“
Marvin schüttelte den Kopf. „Das kommt ganz auf den Blickwinkel an“, antwortete er ausweichend und nahm noch einen Schluck. Das warme Gefühl verteilte sich mit seinem Blut, strömte durch die Glieder und erhitzte ihn angenehm von innen. Nach einem weiteren Schluck spürte er, wie sich seine Zunge löste, und zu seinem Erstaunen empfand er auch dies als angenehm. Und ehe er sich versah, hatte Marvin sich komfortabel zurückgelehnt und betrachtete mit offenem Interesse die schlanken Finger, mit denen Ian seine Tasse hielt, während er sprach.
„Weihnachten gab es nur mich und meinen Vater. Seine Persönlichkeit gab dem Wort ‚eiskalt‘ eine vollkommen neue Bedeutung. Gelegentlich erinnerte er mich daran, wie meine Mutter Selbstmord begangen hatte. Damals war ich drei Jahre alt, aber er ließ es trotzdem immer so klingen, als sei es meine Schuld gewesen.“
„Das tut mir leid.“ Ians Augen trafen auf Marvins, der seine rasch niederschlug, um weiterzusprechen.
„Weglaufen wurde irgendwann zu einer echten Alternative. Nur ist…“ Er zögerte, fuhr dann fort. „Nur ist Weihnachten auf der Straße auch nicht gerade ein Hochgenuss.“
Er seufzte. „Wird dann zu einem Tag wie jeder andere. Einem, an dem man alles tut, um sein Überleben zu sichern. Und wenn es nur darum geht, einen Schlafplatz, etwas zu essen, die Droge, auf der man gerade ist, für diese eine Nacht zu finden.“
Ian nickte, als verstünde er auf einmal. „Aber du bist da heraus gekommen.“
Marvin trank ein weiteres Mal. Jetzt spürte er die Wärme bereits in seinem Gesicht. „Nicht direkt. Ich wurde eher an meinen Haaren hinausgezogen.“
Ian räusperte sich verlegen. „Wenn du nicht darüber reden willst, dann ist das okay.“
Marvin schüttelte den Kopf. „Ist schon in Ordnung.“ Er hob den Blick, starrte Ian verschmitzt an. „Nichts davon findet sich mehr in meinen Papieren. Dafür wurde gesorgt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es würde dir also niemand glauben, solltest du es weitererzählen.“
Ian presste die Lippen zusammen. „Das würde ich niemals tun“, erwiderte er ruhig.
Marvin sah ihn erschrocken an. „Ich weiß“, murmelte er. „Das war dumm… so etwas zu sagen.“
Ian setzte seine Tasse ab und ergriff Marvins Hand und führte sie ebenfalls zum Tisch, wo der sein eigenes Trinkgefäß losließ. „Das war es nicht“, meinte er, während er Marvin in die Augen blickte. „Du kannst nicht wissen, was ich tun werde.“
„Doch.“ Marvin nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Ich… ich habe so ein Gefühl…“
In Ians Augen blitzte es auf. „Das ist gut“, sagte er und fügte dann leiser ein paar Worte hinzu. Marvin musste sich nach vorne lehnen, um sie zu verstehen.
„Das habe ich auch“, wiederholte Ian und wandte sich Marvin zu, so dass sie beinahe mit ihren Gesichtern aufeinander trafen. Gleichermaßen irritiert entfernten sie sich rasch wieder voneinander. Doch nur für einen Moment. Dann beugte Ian sich wieder in Richtung des Tisches und fragte mit einem Nicken in Richtung Teekanne. „Möchtest du?“
Marvin blinzelte. Sein Blick wanderte zu der Flasche. „Ich hätte lieber noch etwas davon“, meinte er sehnsüchtig. Ian zog die Augenbrauen hoch, aber erfüllte doch den Wunsch des Blonden. Jedoch nicht ohne dem Schnaps noch eine gute Portion Tee hinzuzufügen.
„Danke.“ Marvin nahm seine Tasse wieder auf, nippte daran, stellte sie jedoch danach gleich wieder ab. Er atmete aus und wandte sich dann zu Ian, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte.
„Du… du denkst doch jetzt nicht schlecht von mir?“, fragte Marvin und leckte sich nervös die Lippen.
„Wieso sollte ich?“ Ian lehnte sich zurück. „Ich habe nicht das Recht zu beurteilen, was geschehen ist. Worauf es ankommt, ist nur, wer du jetzt bist.“
Marvin umfasste seine Knie mit den Händen. „In Wirklichkeit… in Wirklichkeit bin ich jetzt auch nicht besser.“
Marvin konnte sich selbst nicht erklären, woher das Bedürfnis rührte, Ian sein Herz auszuschütten. Er war für gewöhnlich gut darin, die Dinge für sich zu behalten. Darin bestand sogar eines der Prinzipien, die zu erlernen, er sich an diesem Ort befand. Trotzdem kam es ihm mit Ian anders vor. Er fühlte, dass er mit ihm ehrlich sein musste. Dass es keinen Sinn ergab, Ian etwas vorzuspielen. Dieses war ein Mann, wenn nicht sogar der erste, den er kennengelernt hatte, den er weder belügen konnte noch wollte. Es hing zu viel davon ab.
„Ich bin schwach“, fuhr er fort. „Wäre ich nicht von der Straße aufgesammelt worden, dann hätte man mich dort mittlerweile vermutlich längst in irgendeinem Loch verscharrt.“
Ian dachte nach. „Immerhin hast du zugelassen, dass dir geholfen wird“, sagte er. „Und… wenn ich das richtig sehe, hast du dich auf den Weg gemacht.“
Marvin lachte. „Auf den Weg? Nein, eher nicht. Ich bin auf den Weg gesetzt worden. Nachdem ich meinem väterlichen Beschützer zu alt geworden bin, und er es leid war, sich die Ausgaben zu machen, hielt er es für die beste Lösung, mich in einer anständigen Umgebung unterzubringen.“ Marvin schnaubte. „Vor allem in einer Umgebung, auf der er beide Daumen halten konnte, wenn er so wollte.“
Ian öffnete den Mund. „Es ist also…“ Er stockte.
Marvin schwieg betreten. „Scheiße passiert. Und alles in allem hatte ich noch Glück. Ich muss nur weiter mitspielen.“
Ian schüttelte den Kopf. „Das ist also das System, für das zu kämpfen wir ausgebildet werden.“
„Das Beste von allen“, brummte Marvin.
Um Ians Mund zuckte ein schiefes Lächeln. „Ich denke trotzdem, dass du auf dem richtigen Weg bist, Marvin.“
„Und wie kommst du darauf?“
Ian schwieg eine Weile, bevor er antwortete. „Ich habe dir zugesehen?“
„Mir?“ Marvins ohnehin schon erwärmtes Gesicht begann zu glühen. „Wieso… ich…“
Ian schüttelte tadelnd den Kopf. „Eigentlich sollten wir doch darauf trainiert werden, das zu bemerken. Ich habe bemerkt, dass du mich ansiehst.“
„Du hast…?“ Nun war Marvin sich sicher, eine verlegene Röte auf den Wangen zu zeigen.
„Klar.“ Ian nickte und sah Marvin von der Seite an. „Glaub mir, das fand ich schmeichelhaft. Mir ist nicht aufgefallen, dass du einen von den anderen so angesehen hast.“
„Das… das ist, weil du etwas Besonderes bist“, erwiderte Marvin. „Du… ich…“ Er stockte.
„Du findest mich gutaussehend?“, vergewisserte Ian sich lächelnd. „Keine Sorge, ich hab das schon gehört.“
Marvin lächelte zurück. „Dann weißt du, dass ich nicht anders konnte.“
„Genau wie ich“, sagte Ian und wurde ernst. „Du weißt gar nicht, wie sehr du auf andere wirkst.“
„Ich…“
„Du verkaufst dich unter Wert. Ich meine… du solltest nicht…“ Er schwieg.
„Entschuldige bitte“, fuhr Ian schließlich fort. „Ich habe kein Recht, so etwas zu sagen.“
Marvins Hitze wich einer Kälte, die von innen heraus in ihm hochstieg. „Doch, das hast du“, erwiderte er heiser. „Ich… ich schätze, es ist eine Art Macht der Gewohnheit.“
Ians Stimme wurde leise und sanft. „Das ist es nicht“, sagte er. „Du suchst nach etwas, und weißt nur nicht, wo du es finden kannst.“
Marvin holte tief Luft. „Ich weiß nicht, wonach ich noch suchen könnte.“
„Da gibt es etwas“, fuhr Ian fort. „Doch du musst es allein finden. Das muss wohl jeder.“
„Hast du…“
Ian schüttelte den Kopf. „Ich bin auch auf der Suche. Doch vielleicht…“ Er stockte, sah Marvin an mit seinen dunklen, samtenen Augen. „Vielleicht sollten wir zusammen weitersuchen. Vielleicht können wir gemeinsam etwas finden, das finden, was wir brauchen.“
Marvin schluckte. Dann nickte er. „Ich… das würde ich mir wünschen, Ian.“
Der Dunkelhaarige lächelte. Er legte seine Hand auf die Marvins, welche immer noch sein Knie umklammerte. Langsam, ein wenig zögernd beugte er sich vor. Ließ dem anderen ausreichend Zeit, ihm auszuweichen, sollte er so wollen.
Doch Marvin wich nicht aus. Im Gegenteil. Von unsichtbaren Fäden gezogen, bewegte er sich auf Ian zu, fühlte wie sich der Abstand zwischen ihren Körpern, zwischen ihren Lippen verkleinerte, bis sie schließlich aufeinandertrafen in einem ersten, zarten Kuss. Einem Kuss, wie keiner der beiden ihn je zuvor erlebt hatte. Vorsichtig, zerbrechlich, der zitternde Keim einer Pflanze, die es gerade, wenn auch mit Mühe geschafft hat, den Erdboden zu durchstoßen. Ein Kuss, der ein Anfang sein konnte, ebenso wie ein Ende. Ihre Lippen öffneten sich. Ihre Münder bewegten sich zaghaft zuerst, doch dann drängender, mit wachsendem Hunger, mit steigender Erregung.
Plötzlich trennten sie sich, fuhren auseinander, als wäre ihnen erst in diesem Augenblick bewusst geworden, was sie taten.
„Es… es tut mir leid“, wisperte Marvin. „Ich… ich wollte nicht.“
„Was wolltest du nicht?“ Ians Brustkorb hob und senkte sich in raschem Tempo. Ein leises Keuchen entfuhr ihm, gefolgt von einem Lächeln, das tief in seinem Inneren seinen Ursprung hatte, nach oben stieg und sich wie ein Leuchten auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Du…“ Marvin sah ihn ungläubig an. Sein Herz raste und er fühlte das Blut in seinen Adern pochen. Es gab für ihn kaum eine andere Erinnerung als die an Männer, die es nicht wagten, ihre Neigung zuzugeben, noch nicht einmal vor dem Menschen, den sie als ihren Partner ausgewählt hatten. Es war nur Sex, eine Notwendigkeit, ein Bedürfnis und nichts, das fälschlicherweise mit Gefühlen in Zusammenhang gebracht werden durfte.
Doch Ians offenes Lächeln belehrte ihn etwas Besseren. Und wie ein Wunder stieg die Erkenntnis in ihm auf, dass hier jemand war, der ihn verstand, der vielleicht sogar fühlte, dachte wie er selbst.
„Du…“
Ian nickte und sein Lächeln verbreiterte sich, wurde zu einem Strahlen. „Ich verstehe gut, viel zu gut, wovon du sprichst, was du erzählt hast. Daher glaube ich, dass wir uns auf einem ähnlichen Weg befinden. Vielleicht gelingt es uns, ein Stück davon gemeinsam zu gehen. Vielleicht…“
Er schwieg, strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht, wartete auf Antwort.
„Ja“, stieß Marvin hastig, etwas zu hastig hervor. „Ja, das würde ich gerne. Ich würde gerne…“
Doch Ian hatte sich bereits zu dem Blonden herüber gelehnt, verschloss seinen Mund mit einem weiteren Kuss. Und Marvins Arme wanderten wie von selbst den starken Rücken hinauf, umschlangen den Dunkelhaarigen fest und sicher, bezeugten und bestätigten das gegebene Versprechen, das mehr verhieß als ein Weihnachten, auf das es sich zu freuen lohnte. Ein Versprechen, das eine Zukunft in Aussicht stellte, zum ersten Mal in seinem Leben eine wirkliche Zukunft.
Augenblicke
Thomas hielt ihn fest, fester als er ihn je zuvor gehalten hatte.
„Wieso hast du mir das nie erzählt“, flüsterte er mit erstickter Stimme und barg sein Gesicht an der Schulter des anderen, als sei er es, der getröstet werden müsse.
„Wie konntest du mir das verheimlichen?“
Will versuchte, sich von den umstrickenden Armen zu befreien, doch zu stark war der Griff des Dunkelhaarigen, der sich an ihn klammerte, als sei er der Strohhalm, der Thomas vor dem Ertrinken bewahren würde. Will hatte ihn selten so erschüttert gesehen, nie so verletzlich wie in diesem Augenblick, in dem der Größere sich mit Macht an ihn presste.
„Was hätte ich dir sagen sollen“, wisperte er als Antwort. „Du wolltest es nicht wissen. Niemand will so etwas wissen.“
„Ich liebe dich, Will.“ Thomas löste sich von dem Blonden. „Natürlich hätte ich es wissen sollen, wissen müssen.“
Will schüttelte den Kopf, fuhr sich mit seinen langen Fingern durch das schweißnasse Haar. „Das alles ist zu lange her, eine Ewigkeit. Niemand sollte sich daran erinnern. Es… es tut mir leid, dass es mir herausgerutscht ist.“
„Nein.“ Thomas‘ Stimme klang sanft, als er Will wieder an sich zog, der sich nur allzu gern in die Umarmung schmiegte, die er zu lange hatte missen müssen. „Es war richtig so. Ich verstehe jetzt so vieles, ich verstehe, warum du dich zurückgezogen hast.“
Seine Hände glitten über den nackten Rücken des anderen, liebkosten die Spuren der Narben, die den geliebten Körper bedeckten. Sie gehörten zu Will ebenso wie die seelischen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der er war.
„Es war nicht deine Schuld. Denke nie, dass es deine Schuld war.“
„Ich weiß“, antwortete Will heiser. „Und doch ist damals etwas in mir zerstört worden, das sich nicht wieder reparieren lassen wird, niemals wieder.“
Thomas hielt ihn, und Tränen liefen über sein Gesicht, vermischten sich mit denen Wills, als ihre Wangen sich berührten.
„Dann nehme ich dich so, wie du bist“, flüsterte er. „So und nicht anders.“
Lakota
Floyd zügelte sein Pferd. Eine seltsame Unruhe ergriff ihn, die Vorahnung eines Ereignisses, das in seinen Visionen der vergangenen Tage noch immer keine konkreten Formen angenommen hatte.
Seit er in das Reservat zurückgekehrt war, hatte es nur ein einziges Ziel für ihn gegeben: die Lücke, die sein Vater hinterlassen hatte, zu füllen, so gut er es vermochte.
Je stärker seine Verbindung zu den Geistern seiner Väter wurde, je deutlicher er spürte, dass er dieses Land nicht mehr werde verlassen können, selbst wenn er es wünschte, um so schmerzhafter wurde die Erkenntnis für ihn, dass die kurze Begegnung mit Walter das Einzige sei, was er jemals an Nähe erfahren durfte. Sein Weg, der Weg des Schamanen, musste alleine beschritten werden. Es gab keinen Platz für eine Freundschaft, die noch dazu an den Widerständen, die sich ihr auf den ersten Blick entgegen stellten, scheitern musste. Und doch, und obwohl Floyd sich sicher war, dass Walter und er durch Welten getrennt waren, wanderten seine Gedanken immer wieder zu dem Mann zurück. In den wenigen Tagen, die sie zusammen erlebt hatten, war er ein anderer geworden, hatte er sich verändert und der Lakota begann erst in diesem Augenblick zu erkennen, wie tief diese Veränderung reichte.
Floyd legte die Hand über die Augen, schützte sie vor der Sonne und starrte auf den Streifen Staubes, den der einsame Wagen auf der Landstraße aufwirbelte.
Konnte es wirklich sein? Sein Herz machte einen Sprung.
Er war es. Floyd wusste nicht warum, doch Walter war zu ihm zurückgekehrt, hatte über endlose Meilen hinweg empfunden, was Floyd ebenso gefühlt hatte. Dass sie zusammen gehörten. Dass vor ihnen ein Pfad lag, den sie gemeinsam beschreiten sollten.
Floyd lachte und die Ahnen in seinem Herzen lachten mit ihm.
Theater
Liam war atemberaubend.
Auch an diesem Abend wurde er wieder mit stehenden Ovationen belohnt. Auch an diesem Abend stand das Publikum in seinem Bann, ebenso wie Nathan selbst.
Mit einem Seufzer fuhr sich der blonde Mann durch sein struppiges Haar. Es fühlte sich an wie trockenes Stroh und Nathan seufzte bei dem Gedanken, dass es auch in Zukunft so bliebe, egal mit wie viel Spray und Gel er noch experimentierte. Seidig glatt wie Liams konnte es nicht mehr werden, die Chance war vertan.
Nathan schmiegte sich enger in den Vorhang, seinen bevorzugter Standort, von dem aus er den besten Blick auf die Bühne genoss.
Liams Haar fiel in weichen Wellen auf seine Schultern. Die Scheinwerfer warfen samtene Schimmer über das dunkle Braun, verwandelten jede Bewegung des Kopfes in eine schwingende Woge.
Wenn Nathan nicht wüsste, dass sich der Glitzer, den die Maskenbildnerin noch kurz vor Liams Auftritt über seine Haare verteilte, nach und nach löste und wie herabfallende Sternschnuppen um ihn glitzerten, seinem Tanz in einer schimmernden Wolke folgte, so würde er dieses Bild noch zusätzlich zu der Magie des Augenblicks addieren, die Liam folgte, wohin er sich auch wandte.
Und das nicht nur während seiner Auftritte. Liam versprühte diesen Zauber ohne Einschränkungen. Egal wo er sich befand, egal worin seine Aufgabe bestand, er erfüllte sie mit einer graziösen Leichtigkeit, um die ihn jedermann beneidete. Er besaß diese Wirkung auf Menschen. Und mehr als alles andere bestimmte ihn dieses Talent für die Bühne.
Nathan, selbst ein Kind des Theaters, war sich nur allzu bewusst, dass er selbst diese Macht nie besitzen würde. Diese Macht über das Publikum, das gebannt an Liams Lippen hing, sobald er sprach, sobald seine samtene Stimme in ihrem dunklen Tief erklang. Und noch mehr, sobald er sang, sobald er die schwierigsten Melodien und Sprünge meisterte, ohne dass es nur nach der mindesten Anstrengung aussah.
Nur manchmal erhaschte Nathan einen Moment, in dem Liam sich ungesehen glaubte. In dem er sich vom Publikum abwandte, einen Augenblick Luft holte, einen Augenblick nur zuließ, dass die Beherrschung, die er benötigte, kurz, für den Bruchteil einer Sekunde, zerbrach, Raum ließ für den Anblick der Erschöpfung, für die strengen Falten um Mund und Augen, für die hohlen Wangen, das rasche Heben und Senken des Brustkorbes, das keiner bemerken durfte, das die Illusion zerstörte, die er so bemüht war, aufzubauen.
Die aufzubauen seine Arbeit war.
Nathan riss erschrocken seine Augen auf. Die Musik ertönte lauter als zuvor, stieg an, riss die Zuhörer mit sich. Sie entführte die Menschen in fremde, schönere Welten. In Welten, in denen Märchen und Träume Wahrheit wurden.
Nur für Liam funktionierte die Illusion nicht. Und nur Nathan sah ihn straucheln, sah das schmerzverzerrte Antlitz, das sich blitzartig dem Hintergrund zuwandte, um die eigene, verbotene Schwäche zu verbergen.
„Liam“, wisperte Nathan unhörbar und der Schreck erfasste ihn ebenso wie die Liebe in seinem Herzen aufwallte. Die Liebe, von der er nur allzu lange wusste, doch die zu gestehen, er noch nicht einmal sich selbst gegenüber in der Lage war.
Zu weit entfernt, zu unerreichbar war diese Gestalt, der Mensch, der auf der Bühne König war und dessen Bild in Rüstung und weißem Umhang, Nathan bis in die Nacht hinein verfolgte.
Nathan biss sich auf die Lippen und krallte sich in den Vorhang. Er wusste, dass er nicht auf die Bühne laufen durfte. So sehr es ihn auch drängte, dem anderen zu Hilfe zu eilen. So sehr er sich auch wünschte, die Versicherung einholen zu dürfen, dass es Liam gut ginge, dass er sich nicht ernsthaft verletzt hatte, so gewiss war auch, dass es ihm niemand und am allerwenigsten Liam danken würde, sollte er sich dazu hinreißen lassen, seinen Platz aufzugeben und die Vorstellung zu stören.
Eine Vorstellung, in der seine eigene, kleine Rolle so wenig auffiel, dass selbst ein Eingreifen seinerseits beim Publikum keinerlei Erkennen oder zusätzliche Verwirrung auslösen durfte. Trotzdem hielt er sich an die Regeln, wie er es immer tat, umklammerte krampfhaft die Falten den schweren Stoffes, fühlte mehr als er sah, wie seine Knöchel weiß wurden, während er beobachtete, wie Liam versuchte, seinen Atem zu beruhigen, wie er vorsichtig seinen linken Fuß erprobte, weitere Takte verstreichen ließ, bevor er sich mit einem Nicken zur Seite umdrehte, und seinen Gesang wieder aufnahm.
Nathan beobachtete, wie achtsam Liam seine Schritte ausführte, wie vorsichtig er seine Drehungen und Sprünge mehr andeutete, als sie wirklich zu tanzen. Nur mit den ersten Worten schwang ein leichtes Zittern mit. Danach erklang Liams Stimme voll und sicher, so wie es von ihm erwartet wurde.
Langsam ließ Nathan die Luft aus seinen Lungen entweichen, verbrauchte Luft, die er unbewusst angehalten hatte.
Liams Mimik erschien gewohnt selbstsicher, seiner Rolle als König Arthur mehr als gerecht. Seine Stimme beherrschte und erfüllte den Saal. Und wie einstudiert, bewegte Liam sich um die wochenlang, monatelang studierten und geübten Schritte herum, lenkte den Blick des unwissenden Zuschauers von den unvorhergesehenen Mängeln in seiner Performance mit wilden Schwüngen seines silbrig glänzenden Umhanges ab, mit der spielerischen Handhabung des Schwertes, das mit Hilfe der Scheinwerfer als Blickfang fungierte und spielerisch jegliche Aufmerksamkeit von seinem Besitzer stahl.
Niemand bemerkte den bitteren Zug um Liams Mundwinkel, als er mit einer Verbeugung zur Seite wich, den Raum seinen Kollegen überließ, die den Hauptteil der im Anschluss folgenden Szene zu bestreiten hatten.
Niemand außer Nathan sah, dass er sich gegen die Dekoration lehnte, unsicher tastend eine Hand nach dieser ausstreckte, bevor sie ihm Halt gewährte.
Niemand sah den harten Glanz in seinen Augen, der nur von absoluter Selbstbeherrschung und dem unbeugsamen Willen herrührte, die Aufführung zu beenden, koste es was es wolle.
Auch als Nathan schließlich an der Reihe war, das Schlachtfeld zu betreten und seinen Teil in dem Finale zu leisten, fielen ihm die rasselnden Atemzüge des Herrschers, die Anzeichen steigender Erschöpfung auf, lenkten ihn von seiner eigenen Aufgabe, so klein sie auch war, empfindlich ab.
Er fühlte, dass Liam litt, spürte dessen Qual, ohne sie sehen zu können. Auch wenn Liam sich stolz aufrecht hielt, auch wenn er die Vorführung tapfer beendete, ohne dass jemand außer Nathan etwas zu bemerken schien, so wusste, hörte Nathan doch allein an der Stimme des anderen, dass ihm weder Worte noch Töne so leicht und schwerelos von den Lippen perlten, wie es ansonsten ihre Gewohnheit war.
Der Vorhang sank und Beifall brandete auf. Nathan rollte sich zur Seite, erhaschte einen Blick auf Liam. Dieser stand vornübergebeugt, sein Gewicht lastete auf dem unbeschädigten Bein, erlaubte dem Publikum den Blick auf die erstarrte Szenerie, auf den geschlagenen König, der inmitten seiner gefallenen Krieger aufragte. Liam hatte sich erhoben, strahlte in die Menge, verbeugte sich mit einer eleganten Handbewegung, der Geste, die er allabendlich wiederholte.
Auch an diesem Abend büßte sie nichts von ihrer Magie ein, zwang die Zuschauer, sich von ihren Sitzen zu erheben und ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen.
Ein weiterer Vorhang folgte und mit ihm eine weitere Atempause. Danach das endlose Vorbeiziehen der einzelnen Darsteller, nachdem der Vorhang gefallen war. Und wieder von vorne, mit weniger oder mehr Personen. Die Hauptdarsteller einzeln. Ein nicht enden wollender Strom, eine nicht enden wollende Geräuschkulisse aus klatschenden Händen, begeisterten Rufen.
Der Zauber der Musik, die Entführung in das Leben phantastischer Sagengestalten, das war es, was die Menschen immer und immer wieder in dieses Theater zog. Das war es, was auch in Nathan die Sehnsucht erweckt hatte, Teil dieses Zaubers sein zu dürfen, auch wenn die Realität anders aussah.
Sich zurückziehende Darsteller schoben und drängten ihn zur Seite, wiesen ihm unabsichtlich den Weg zur Garderobe, zum Ausgang.
Nur fort von dem Ort hinter der Bühne, an dem das Geschehen stattfand. Dem Ort, an dem Glückwünsche ausgetauscht, Kontakte geknüpft, der Abend, die Arbeit einen Ausklang und ihr Ende fand.
Fort von Liam, dessen unter der Maske erblasste Miene, dessen schmerzerfüllter Gesichtsausdruck, durchzogen von bislang verborgen gebliebenen, zusätzlichen, doch urplötzlich hervorgetretenen Falten, sich für immer in Nathans Erinnerung gegraben hatte.
Der Abbau, ein Rückzug begann und Nathan schlängelte sich durch die Menge, zögerte den Moment heraus, der die Rückkehr in sein kaltes, unbequemes Zimmer bedeutete.
Was er wollte, wusste er nicht in Worte zu fassen. Nur, dass er bleiben musste, dass ihn etwas Unaussprechliches in diesem Gebäude allabendlichen Zaubers festhielt. Eine undefinierte Sehnsucht, die ihn zwang auszuharren, die ihn dazu brachte, das langsame Verlassen, Erkalten, Erlöschen der Pracht mitanzusehen, die keine Pracht mehr sein durfte, wurde ihr das Publikum entrissen.
Er spähte über die Köpfe. Versuchte einen Blick zu erhaschen, versuchte zu erkennen, wer Liam wegführte, wer dafür sorgte, dass der die Ruhe fand, die er brauchte. Wer sich um ihn kümmerte, jetzt, da er Fürsorge benötigte.
Die üblichen gesichtslosen Anhänger scharrten sich um seine aufrechte Gestalt, zogen ihn mit sich. Wollten ein Stück von ihm hier, ein Stück von ihm dort. Eine Feier, einen Umtrunk, eine Ehrung, zu der Nathan nicht zugelassen war, niemals zugelassen sein würde.
Bestimmt hatten sie ihn längst in Beschlag genommen. Mit Sicherheit fort geführt in die Welt, die nicht die seine, die nicht Nathans Welt war.
Das Lachen und Lärmen verstummte. Nathan vernahm das Klacken der letzten Scheinwerfer, die ausgingen. Türen fielen ins Schloss. Dunkelheit senkte sich über ihn.
Nathan schüttelte den Kopf, über sich und über seine Dummheit. Er biss sich auf die Lippen, zuckte mit den Schultern und ging schließlich entschlossenen Schrittes auf die Garderobe zu. Trug er doch immer noch die Samt Uniform, die dazu gedacht war, im Scheinwerferlicht überirdisch zu schimmern, doch unter der sich die Hitze staute, bis sie unerträglich wurde.
Aber dann erstarrte Nathan. Er war nicht alleine. Natürlich war er nicht alleine. Wie naiv auch, dergleichen anzunehmen.
Wasser plätscherte in der Dusche. Jemand hatte bis zu diesem Augenblick gewartet, gewartet, bis es still geworden war, um sich frisch zu machen. Jemand, der allein sein wollte.
Nathan zuckte instinktiv zurück. Doch der kurze Blick hatte genügt, hatte ihm mehr gezeigt, als er jemals gehofft, jemals vermutet hatte.
Liam war nicht gegangen. Liam schlang sich in diesem Augenblick ein weißes Handtuch um die Hüften und stellte das Wasser ab. Liam, der sich an der Wand abstützte. Liam, der vorsichtig und langsam auf den glatten Fliesen, den Weg zur Bank zurücklegte. Der sich mit einem leisen Stöhnen darauf niedersinken ließ und dann zu seinem Knöchel herabbeugte.
Nathan konnte nicht anders. Er beugte sich erneut vor. Wollte sich nur versichern, dass alles in Ordnung war. Nur versichern, ob er nicht doch eine Hilfe sein konnte. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Und doch musste er es tun.
Sein Blick fiel auf den verfärbten Knöchel. Nathan sog erschrocken die Luft ein. Ein leichtes Geräusch, das dennoch ausreichte, um Liam hochfahren zu lassen.
Zu Nathans großer Verwunderung bemerkte er, dass auch Liams Gesicht dunkel anlief, als fühlte er sich ertappt, erwischt bei etwas Verbotenem.
Nathan öffnete verlegen den Mund. Er wollte etwas sagen, etwas Belangloses, ein Wort der Erklärung, vielleicht der Entschuldigung, doch kein Laut kam über seine Lippen.
Ihre Blicke trafen sich kurz, sehr kurz, nur um wieder voneinander weg zu driften. Wasser tropfte aus Liams Haar, ließ es schwarz wirken. Obwohl der Glimmer im Abfluss verschwunden war, glänzten die Strähnen, die sich auf seiner bronzenen Haut kringelten, im grellen Licht der Leuchtröhren.
Schließlich räusperte Liam sich, leckte sich die Lippen, schüttelte sein Haar. Erst dann drehte er sich zur Seite, legte den Kopf schief und sah Nathan auffordernd an.
Dieser spürte, wie ihm noch mehr Blut ins Gesicht schoss und er verwünschte verzweifelt seine Verlegenheit.
„Ich… ähm…“, begann er. „Ich wollte nicht stören. Ich… ich dachte, ich wäre der Letzte hier.“
Liam zuckte mit den Schultern. „Du störst nicht…“ Er ließ eine Pause einfließen, deutlich genug, um seine Frage indirekt zu formulieren.
„Nathan“, ergänzte der Blonde. „Ich spiele…“
Doch Liam unterbrach ihn, noch bevor Nathan den Satz vollenden konnte.
„Ich weiß, wen du spielst“, sagte er schnell, beinahe verlegen. „Du bist seit drei Monaten bei uns.“
Nathan nickte erstaunt und fühlte gleichzeitig eine undefinierbare Wärme in sich aufsteigen. Liam erinnerte sich an ihn.
Es war nun an ihm, sich zu räuspern. „Wie geht es dem Knöchel?“, fragte Nathan mit einem Blick auf Liams Fuß, den dieser vorsichtig massierte.
„Ach…“ Liam verzog die Lippen. „So auffällig?“
Nathan schüttelte rasch seinen Kopf. „Nein, ich hab nur… während der Aufführung ist es mir aufgefallen.“
„Ja.“ Liam stöhnte. „Ich bin unglücklich aufgekommen. Hab mich wohl nicht gut genug aufgewärmt. Und all das nur, weil…“ Er verstummte, seufzte.
„Immer diese Hektik“, sagte er schließlich und betastete die Schwellung.
„Ich wollte nicht, dass es jemand bemerkt.“ Er lächelte leicht. „Dumm, nicht wahr? So etwas wird immer bemerkt.“
Er schüttelte über sich selbst den Kopf, so dass winzige Tropfen Wassers durch die Luft stoben.
„Das ist nicht dumm“, wandte Nathan ein. „Nur zu verständlich.“
„Ja.“ Liams Lächeln verbreiterte sich. „Aber ein König sollte keine Schwäche zeigen.“
„Nein, das wohl nicht.“ Nathan lächelte ebenfalls, doch wurde gleich wieder ernst. Er überlegte einen Moment, ob er die Frage stellen dürfe, überwand sich schließlich. „Soll… soll ich dich vielleicht ins Krankenhaus bringen, dass sich jemand den Knöchel mal ansieht?“
„Nein. Nein danke“, erwiderte Liam rasch und erhob sich. „Es ist nicht so schlimm“, lächelte er entschuldigend. „Nicht so schlimm, dass es nicht mit einem Eisbeutel und einer Schmerztablette in den Griff zu kriegen wäre.“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Nathan zweifelnd und beobachtete die kläglichen Versuche Liams, sich fortzubewegen, ohne seinen linken Fuß zu belasten. Die Schwellung hatte eine seltsame Färbung angenommen, irgendwo zwischen rot und lila.
„Ich weiß wirklich nicht“, wiederholte er. „Ein Arzt könnte doch nicht schaden.“
„Nein“, schnappte Liam und sein Blick flackerte mit der Ablehnung. „Das ist wirklich nicht notwendig.“
Er betonte seine Worte, stieß sie beinahe ärgerlich hervor, ließ keinen Zweifel an seiner Überzeugtheit.
Doch in diesem Moment glitt sein guter Fuß auf dem nassen Grund aus, und er rutschte. Nathan erhaschte gerade noch den Schreck in Liams Augen, als sich sein eigener Körper bereits automatisch in Bewegung setzte, er die wenigen Schritte nach vorne eilte, und den anderen auffing, noch bevor der einen schmerzhaften Fall erleiden konnte.
„Ich hab dich“, stieß Nathan keuchend hervor und balancierte mühsam. Er verlagerte sein Gewicht zu gleichen Teilen auf beide Füße, hielt Liam fester und zog ihn hoch, bevor der in die Knie sank.
„Autsch“, fluchte Liam, doch klammerte sich zugleich an Nathans Körper. Offensichtlich war ihm die Vorstellung, auf den harten Kachelboden zu stürzen, weniger unangenehm, als die Hilfe des Kollegen.
Sobald er wieder festen Halt auf seinem rechten Bein gefunden hatte, atmete er zufrieden aus, und klopfte Nathan dankbar auf die Schulter.
Ein Zwinkern blitzte in seinen Augenwinkeln auf, als er sich zu ihm hinunterbeugte. „Danke, Mann. Das hätte mir heute gerade noch gefehlt.“
„Schon in Ordnung.“ Nathan zuckte mit den Achseln, doch konnte das Lächeln nicht zurückhalten, das sich warm auf seinem Gesicht ausbreitete.
„War mir ein Vergnügen.“
Liam sah ihn an und Nathans Lächeln vertiefte sich, als der Größere es erwiderte.
„Glaub ich gern“, sagte Liam und räusperte sich. „Ich werde jetzt mal lieber…“
Er deutete auf die Umkleidekabinen.
„Natürlich.“ Nathan nickte, und wenn er nicht die Hitze in seinem Gesicht bereits fühlte, würde ihm sein erneutes Erröten spätestens jetzt bewusst.
„Ich… ähm… ich werde auch…“ Er sah an sich herunter und erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er immer noch in seinem Kostüm steckte. Nathan drehte sich um, doch bevor er ging, sah er noch einmal über seine Schulter.
„Wenn ich dir doch noch helfen kann… du weißt schon… mit deinem Fuß…“ Er stockte, sprach dann weiter. „Sag es ruhig“, fügte er hinzu. „Ich tu das wirklich gerne.“
„Danke.“ Liam sah ihn nicht an, doch Nathan spürte, dass er es ernst meinte.
Sein Herz sang, als er seinen Schrank suchte, die Alltagskleidung, die ihn wieder in einen wirklichen Menschen verwandelte, hervorkramte, aus seinem Kostüm stieg und es trotz oder gerade wegen der dadurch erlittenen Strapazen liebevoll glatt strich, bevor er es auf einen Bügel hängte.
Er atmete auf, als er in Jeans und Sweatshirt den Umkleideraum verließ, genoss es, den Lufthauch um seinen Körper wehen zu spüren, als ein Ächzen an sein Ohr drang, Nathan auf dem Absatz umdrehen ließ.
Eiligen Schrittes ging er dem Laut nach, der, obwohl längst verklungen, doch für ihn noch immer in der Luft hing.
Liams Garderobe war nicht weit.
Nathan zögerte unmerklich an der Tür, doch da sie nur angelehnt war, stieß er vorsichtig dagegen und beobachtete, wie sie aufschwang. Durch den Spalt erkannte er Liam, der gegen eine Schranktür lehnte. Sein Hemd war offen, ein Bein steckte bereits in einer verwaschenen Jeans, während das andere noch unbekleidet war. Der Rest der Jeans hing lose herab, denn offensichtlich war der Stoff Liams Händen entglitten, noch ehe er sich ankleiden konnte.
Liam blickte auf, sein Gesicht schmerzverzerrt; Anlass genug für Nathan, die Tür komplett aufzustoßen und in den Raum zu treten. Liams Ausdruck veränderte sich nicht. Nathan konnte nicht erkennen, ob sein Eindringen unangenehm oder willkommen war. Trotzdem ging er auf den anderen zu, zwang sich zu einem entspannten Lächeln.
Liam sah zur Seite, als Nathan sich näherte. Doch er ließ es zu, dass der ihn zu der Bank an der Wand führte, ihn sanft zum Niedersetzen dirigierte. Liam schüttelte seinen Kopf, öffnete den Mund, als wollte er Einwand erheben, doch schien es sich im letzten Augenblick noch einmal zu überlegen, senkte den Kopf und schwieg, als Nathan sich bückte, um ihm in das zweite Hosenbein zu helfen.
Mit geübten Bewegungen zog er den Stoff über Liams Knie, verharrte dort, um zu ihm aufzusehen. Ein Zwinkern in seinen Augen löste auch Liams Spannung und er lächelte befreit und griff dankbar nach Nathans Arm, den dieser ihm zum Aufstehen reichte. Liam biss sich auf seine Lippen und doch entwich ein leises Stöhnen seiner Kehle, als er probeweise erneut sein Gewicht auf den schmerzenden Fuß legte.
Nathan fasste ihn um seine Hüften und schüttelte den Kopf. „Bist du sicher, dass du nicht…“
Er hielt inne, als er merkte, wie Liam sich bereits versteifte, wie er mit zusammengepresstem Mund seinen Kopf ruckartig erst nach links und dann nach rechts bewegte.
„Ist gut“, sagte Nathan. „Aber dann erlaube mir wenigstens, dir nach Hause zu helfen.“
Er errötete, als Liam wieder in seinem Griff erstarrte, schluckte trocken.
„Ich meine… ich will dir nur helfen. Nicht dass du irgendwo…“
Nathan drehte seinen Kopf und sah zu Liam auf. „Ich bin nicht sicher, ob du mit diesem Fuß Autofahren kannst.“
Liam erwiderte den Blick ruhig. „Ich bin nicht mit dem Auto hier“, antwortete er. „Ich wohne hier gleich um die Ecke. Das schaffe ich auch alleine.“
„Natürlich“, stimmte Nathan verlegen zu. „Ich dachte nur… für den Fall, dass…“
Liam atmete aus und versuchte einen Schritt vorwärts. „Das ist wirklich nett“, stieß er angestrengt hervor. „Ich… ich bin sicher, es schmerzt nur, weil ich etwas erschöpft bin.“
„Ja. Wieso eigentlich…“ Nathan unterbrach sich selbst, als ihm bewusst wurde, als wie indiskret seine Frage aufgenommen werden konnte.
„Wieso was?“ Liam stützte sich auf den Blonden und humpelte ein Stück weiter Richtung Tür. Er ergriff dort seine Jacke, blieb jedoch stehen, als interessiere ihn die Antwort brennend.
„Ach… ich…“ Nathan räusperte sich, fasste sich dann jedoch ein Herz. „Ich habe mir nur gerade gedacht… mich nur gerade gefragt, warum du so lange gewartet hast mit…“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Duschräume und verstummte verlegen.
„Warum ich mit dem Duschen und Umziehen so lange gewartet habe?“ Liam schnalzte mit der Zunge. „Wahrscheinlich wollte ich vermeiden, dass mich jemand sieht.“
„Hat nicht so ganz funktioniert“, rutschte es Nathan heraus.
„Nein, das allerdings nicht.“ Liam lachte. „Aber zumindest bin ich die Leute los geworden, für die das ein gefundenes Fressen wäre.“
„Verstehe ich nicht.“
„Naja“, Liam räusperte sich. „Es ist nicht gut, verletzlich zu erscheinen. Nicht in meiner Lage zumindest.“
Nathan stieß leicht gegen die Tür und sie öffnete sich problemlos.
„Aber… an deiner Position ist doch nichts auszusetzen. Als Hauptdarsteller… erfolgreich… da wirst du doch bewundert und…“
„Beneidet“, ergänzte Liam leise und humpelte an Nathans Arm hinaus in den Gang. „Ich weiß, wie dämlich das klingen mag, aber es gibt mehr als einen hier, der mich lieber heute als morgen los wäre.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Nathan. „Wir sind jeden Abend ausverkauft. Das weiß doch jeder, dass…“
Liam grinste. „Lass nur… ich weiß, was du meinst.“ Er schwieg eine Weile, konzentrierte sich aufs Gehen.
„Und was ist mit dir? Wieso bist du noch hier? Mittlerweile dürfte so gut wie alles abgeschlossen sein.“
Nun war es an Nathan, sich zu räuspern. „Ich hab mir Sorgen gemacht“, bekannte er freimütig.
„Aber nicht um mich?“ Liams Stimme klang verwundert und auch ein bisschen heiser.
„Doch.“ Nathan sah auf seine Schuhe. Durchgelaufene Turnschuhe. Er wünschte, er hätte sich mehr Gedanken um die Auswahl seines Schuhwerks gemacht, als er zur Arbeit aufgebrochen war.
Liam schwieg. Als er wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme tiefer als zuvor, bewegt. „Wenn du… wenn es dir wirklich nichts ausmacht?“
„Bestimmt nicht“, beeilte Nathan sich zu versichern und atmete erleichtert auf. „Ich helfe dir gerne.“
Er drückte versichernd in Liams Seite und sah zu ihm hoch. Liam blickte starr nach vorne, aber dennoch spielte ein Lächeln um seine Mundwinkel.
Sie kämpften sich eine Treppe hinauf und gelangten an die Hintertür, die nie verschlossen wurde. Beide traten gleichzeitig hinaus, spürten, wie die kühle Nachtluft sie angenehm umfächelte.
Es hatte aufgehört zu regnen und das Licht der vereinzelten Straßenlaternen spiegelte sich in den Pfützen. Stille umfing sie. Die Gegend war ruhig. Mit Ausnahme des Theaters spielte sich in diesen Straßen keinerlei Nachtleben ab. Besucher, denen die Vorstellung nicht ausgereicht hatte, zögerten nicht, ihre Wagen zu besteigen und ein gastfreundlicheres Viertel zum Zwecke der weiteren Zerstreuung aufzusuchen.
Dennoch oder gerade deswegen begann Liam sich zunehmend besser zu fühlen, je weiter sie vorwärts kamen. Die frische Luft belebte ihn, und selbst sein gelegentliches Stolpern, das mit beiden Füßen in einer Pfütze und durchnässten Socken endete, beeinträchtigte sein Hochgefühl nicht. Vielleicht lag es auch daran, dass Nathan ihm trotz seines Handicaps ermöglichte, sich sicher und selbstständig auf den Beinen zu halten. Der leise Zweifel, der ihm eingeflüstert hatte, dass es dumm sei, auf den Arztbesuch zu verzichten, verschwand mit der Sicherheit, die ihm Nathans Gesellschaft verlieh.
Er zögerte nicht, Nathan den kurzen Weg zu seinem Apartment zu beschreiben, ließ es zu, dass der Blonde ihn stützte, während er seinen Hausschlüssel heraus kramte. Wie selbstverständlich und mit zunehmender Sicherheit half Nathan Liam die Treppen hinauf, nachdem er einen kurzen Blick auf das „Außer Betrieb“-Schild, das schief an der verschlossenen Fahrstuhltür hing, geworfen hatte.
Erst vor der Wohnungstür zögerte Nathan einen Moment, doch Liam legte seine linke Hand auf Nathans Schulter, stützte sich auf ihn, während er aufschloss und dirigierte Nathan ohne Umschweife ins Innere des kleinen Apartments.
Es machte wirklich nicht viel her, hatte nichts von dem Glanz und der Pracht, die das Publikum aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Darsteller einer Sagengestalt in Verbindung brachte. Auch Nathan musste zugeben, dass er etwas enttäuscht war. Was er erwartet hatte, konnte er nicht sagen, doch mit Sicherheit war es nicht diese beinahe armselig ausgestattete, Unordnung atmende Wohnung.
Benutztes Geschirr stand auf dem Couchtisch. Gebrauchte Kleidung hing wahllos über Couch und Stühlen. Die Vorhänge waren geschlossen, verhinderten tagsüber die Sicht auf graue Mauern und einen tristen Hinterhof. Auf den Regalen und den wenigen Bilderrahmen lag Staub, ebenso wie auf dem winzigen Fernseher und dem tragbaren CD Player.
Nathan brach seine Inspektion ab, als er den Blick Liams auf sich fühlte, der inmitten des Raumes stehen geblieben war, nachdem sie den winzigen Korridor gemeinsam durchquert hatten.
Liams Gesicht zeigte einen Ausdruck peinlicher Berührung, als sei ihm jetzt erst bewusst geworden, in welch wenig vorzeigbare Umgebung er Nathan ungeplant gebeten habe, und als suche er nun verzweifelt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Nathan warf ihm ein Lächeln zu, das Liams Unwohlsein zerstreuen sollte, doch der Ausdruck verfehlte seine Wirkung. Nathan schluckte trocken.
„Ähm… ich sollte dann wohl gehen.“ Er wischte sich nervös ein unsichtbares Staubkorn von seiner Jeans, bevor er wieder aufsah. Liam zeigte keine Reaktion. Erst einen Moment später löste der Dunkelhaarige seinen Blick vom Boden. Ein befreites Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als habe er gerade eine Entscheidung getroffen. „Nein“, antwortete er. „Nein, das brauchst du nicht.“
Nathan leckte sich nervös über die Lippen, unsicher, was er denken sollte.
„Bist du dir sicher?“, fragte er schließlich zögernd.
„Natürlich bin ich das“, antwortete Liam prompt. „Es sei denn natürlich…“ Er stockte. „Es sei denn, du möchtest gehen, dann steht dir das natürlich frei. Das weißt du.“
Nathan räusperte sich, blinzelte.
„Ich bleibe gerne“, sagte er dann. „Nur um dir behilflich zu sein“, beeilte er sich rasch zu versichern.
„Du… soll ich dir etwas holen, etwas herrichten…?“
Er lächelte unsicher, verlegen, spürte das Blut erneut in seinen Kopf schießen.
Liam grinste anstelle einer Antwort, humpelte auf Nathan zu und legte ihm leicht seine Hand auf die Schulter. Nathan schauderte, als Liam sich langsam zu ihm vorbeugte bis seine Lippen beinahe Nathans Ohrläppchen berührten.
„Das ist nicht notwendig“, flüsterte der Größere und richtete sich wieder auf. In seinen dunklen Augen funkelte es belustigt.
„Nein?“, hauchte Nathan als Antwort. Seine Ohren glühten und seine Kehle erschien ihm mehr als ausgetrocknet. Wie dumm von ihm, sich hier zu benehmen wie ein Teenager, sich zu fühlen wie ein Teenager. In seinem Alter sollte er es besser wissen. Als habe Liam Nathans Gedanken gelesen, zog er sich von ihm zurück und betrachtete ihn prüfend. Seine Lippen umspielte wieder ein Lächeln, als er eine Handbewegung in Richtung Couch vollführte.
„Ich habe mich vielleicht geirrt“, murmelte Liam, ohne Nathan aus den Augen zu lassen. „Möchtest du uns etwas zu trinken holen? Im oberen Küchenschrank sind Gläser.“
Nathan räusperte sich. „Klar.“
Er fühlte Liams Augen in seinem Nacken, als er sich der Küchennische näherte, sich auf die Zehenspitzen erhob und streckte, um den Schrank zu öffnen und zwei Gläser zu entnehmen.
Was er nicht ahnte, war, dass Liam ihn nun, da er ihm den Rücken zuwandte, zum ersten Mal offen und genau betrachtete. Und dass dem Dunkelhaarigen gefiel, was er sah.
Als Nathan sich streckte, hob sich der Stoff seines kurz geschnittenen Sweatshirts und zeigte ein Stück weißer Haut. Unwillkürlich leckte Liam sich die Lippen. Unwillkürlich wanderten seine Gedanken in Richtungen, die er nicht erwartet hatte. Zumindest nicht an diesem Abend, in einer solchen Situation, und mit diesem Mann.
Nathan war ihm nie zuvor aufgefallen, wenigstens nicht wissentlich. Nicht absichtlich. Vielleicht hatte er einen Blick mehr riskiert, als er es im Vergleich mit den übrigen Kollegen gewohnt war. Vielleicht war ihm das helle Haar aufgefallen, das im Licht der Scheinwerfer wie Gold glänzte. Vielleicht hatte er Nathans Blick aufgefangen, das strahlende Blau bemerkt, das kristallklar aufleuchtete, sobald die Sonne im richtigen Winkel hineinschien.
Liam fühlte, wie sein Herz schneller schlug. Natürlich hatte er Nathan bemerkt. Nicht bewusst, nicht allzu bewusst. Und doch erinnerte er sich nun deutlich an die erste Probe, an das erste Mal, als er seine Worte, seine Lieder an den Neuen gerichtet hatte. Einfach, weil es immer irgendjemand sein musste, auf den er sich konzentrierte, der ihm einen Fixpunkt bot, während er seinen Auftritt absolvierte. Zumeist bemerkte derjenige es auch nicht, war zu sehr versunken in seine eigene Darstellung, die persönlichen hundert Probleme, die sich unerwartet auftaten, während der heimlich von Liam Erwählte selbst versuchte, so gut wie möglich, so elegant wie möglich, so beeindruckend wie möglich zu sein.
Doch auch, wenn er es vor sich selbst nicht zugegeben hatte, so erkannte Liam nun, dass Nathan von Anfang an anders gewesen war, und dass er selbst es gewusst hatte. Mehr noch, Nathan hatte seine Aufmerksamkeit ungeachtet der eigenen Aufgaben fast ausschließlich auf Liam gerichtet.
Mit einem Mal erinnerte Liam sich nur allzu deutlich an die vielen, kleinen Momente, in denen ihre Augen sich begegnet waren. Daran, wie Nathan unbeweglich an der Seite der Bühne gestanden hatte, stets an demselben Ort, mit einer Hand im Vorhang, als müsste er sich festhalten. Und immer blieb sein Blick auf Liam gerichtet, hielt ihn, führte ihn durch die Vorstellung.
Natürlich war Nathan ihm aufgefallen. Er sah gut aus, war nicht besonders groß, aber schlank und drahtig. Wenn man genauer hinsah, bemerkte man, dass er nicht ganz so jung war, wie er von weitem erschien. Um seine Augen herum hatten sich bereits zahlreiche Falten in die Haut gegraben. Ein strenger Zug um den Mund, zarte Linien auf der Stirn, gerade so tief, dass die Theaterschminke sie nicht mehr vollständig verdecken konnte. Die Haut des Gesichts war leicht gebräunt, ganz im Gegensatz zu seinem Rücken, zumindest zu der kleinen Stelle, die Liam ausgemacht hatte. Diese war bleich wie die Innenseite von Nathans Armen, ein interessanter Kontrast zu Liams eigener, dunklerer Haut.
Liam zwang sich wegzusehen, auch wenn Nathan die Gläser bereits geangelt hatte und sich nun bückte, um eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu nehmen. Nur aus den Augenwinkeln begutachtete Liam wie sich die Jeans während Nathans Bewegungen an den Körper schmiegte. Wie sie Rundungen zeigte, die bisher verborgen geblieben waren, aber an die sich Liam durchaus erinnerte, dachte er an den Moment zurück, in dem er bemerkt hatte, wie Nathan sich seiner weiten Samtjacke entledigte, nur um in den obligatorischen Strumpfhosen hilflos am Rande der Bühne zu stehen, während ihm einer der Requisiteure eine schimmernde Rüstung brachte. In diesem Augenblick, während Nathan nichts hatte tun können, während er verlegen auf den Bretterboden geblickt hatte, in diesem einen Moment hatte er Liams Herz berührt. Und genau jetzt erinnerte Liam sich wieder an exakt diesen Augenblick, der es bislang vermieden hatte, sich in sein Bewusstsein vorzuarbeiten.
Er schloss die Augen, schloss die Erinnerung weg, konnte sie doch zu nichts führen, ihm nichts geben. Durfte er sich nichts erhoffen.
Liam öffnete seine Augen wieder und blickte auf Nathan, der, zwei Gläser in der Hand haltend, vor ihm stand und ihn besorgt anstarrte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Nathan und runzelte die Stirn.
Liam atmete aus, nahm eines der Gläser und zwang sich zu einem Lächeln.
„Ja“, antwortete er. „Natürlich ist es das.“
„Gut.“ Nathan blickte immer noch skeptisch. „Du solltest dich setzen“, meinte er dann, platzierte sein Glas auf dem Couchtisch und begann das Sofa von Kleidung und Decken zu befreien. Die durcheinander gewürfelten Kissen, arrangierte er seitlich, so dass sie als Lehnen fungierten.
Liam biss auf seine Unterlippe, während er Nathan zusah. Er war nahe daran, Einwände zu erheben, doch die ungewohnte Fürsorge rief ein warmes Gefühl in seinem Magen hervor. Ein fast vergessenes Gefühl und eines, an das er sich nicht mehr erinnern wollte. Hastig, als wollte er es betäuben, trank Liam einen Schluck Wasser. Er verschluckte sich, hustete, und ehe er sich versah, war Nathan bereits an seiner Seite, ergriff das Glas, bevor es Liams Händen entgleiten konnte, stellte es neben seinem auf dem Couchtisch ab, während er mit der freien Hand den Größeren stützte.
Liam hob entschuldigend seine Hände, versuchte Luft zu holen. „Es geht schon“, murmelte er. „Geht schon…“
Sanft, jedoch bestimmt dirigierte Nathan ihn zur Couch und drängte ihn, sich zu setzen. Dankbar, trotz gespielter Gegenwehr, ließ Liam sich fallen, genoss es, in dem sorgfältig hergerichteten Sitz zu versinken.
„Moment. Das haben wir gleich“, murmelte Nathan und schob die Gläser ein Stück zur Seite, legte ein freies Kissen auf den Tisch vor Liam, und ehe der sich wehren konnte, hatte Nathan mit vorsichtigem Griff das schmerzende Bein angehoben und auf das Kissen gleiten lassen.
Mit einem Seufzer sank Liam noch tiefer.
„Besser?“, fragte Nathan mit einem Lächeln.
Liam nickte und erwiderte das Lächeln.
„Hast du Eisbeutel?“, fragte Nathan mit hochgezogenen Augenbrauen und Liam nickte, wenngleich mit skeptischem Blick. „Es geht schon“, wollte er erwidern. „Ich weiß nicht einmal, ob Eis überhaupt das Richtige wäre.“ Doch die Worte blieben ihm wie zuvor im Halse stecken. Zu angenehm war es, sich umsorgen zu lassen. Jemanden bei sich zu haben, der nicht auf seinen Vorteil aus war. Der nichts von ihm wollte.
Zumindest noch nicht, dachte Liam und ein bitterer Zug entstand um seinen Mund.
„Tut es weh?“, fragte Nathan mit gerunzelter Stirn und war drauf und dran, den kalten Beutel wieder von Liams Fuß zu nehmen. Doch der schüttelte seinen Kopf und griff nach Nathans Hand, um ihn aufzuhalten.
„Nein gar nicht“, sagte er sanft und fühlte, wie sich das Lächeln in seinen Augen vertiefte. Seine Hand ruhte nur einen Moment zu lange auf der des anderen, doch lang genug, um ihnen beiden etwas bewusst zu machen. Hastig zog Liam seine Finger zurück. Ein Ausdruck von Wehmut huschte über Nathans Gesicht, verschwand jedoch sofort wieder, als ebenfalls zurückwich. Jedoch schwebte sein Arm noch einen Augenblick unschlüssig in der Luft, als könnte er sich nicht überwinden, den Rückzug anzutreten.
Nathan räusperte sich unsicher, sah fragend in Richtung Liams. Der fuhr sich nervös durch sein Haar. Er wusste genau, was er jetzt sagen sollte. Aber ebenso stark fühlte er, dass er es nicht sagen konnte, nicht aus freien Stücken. Stattdessen perlten andere Worte wie von selbst von Liams Lippen, beschritt er genau den Weg, von dem er wusste, dass er in die Irre führte.
„Setz dich doch“, rutschte es ihm heraus und er wand sich unbehaglich, als reagiere sein Körper unbewusst auf eine Ahnung, die sein Verstand ihm nicht erlaubte zuzulassen.
Seine Lider flatterten und Liam verfluchte sich für seine Inkonsequenz. Als es ihm gelang, wieder aufzusehen, traf er auf den nachdenklichen Blick Nathans.
„Es sei denn, du möchtest jetzt…“, beeilte Liam sich zu versichern.
„Nein, nein.“ Nathan hatte offensichtlich seine Entscheidung getroffen. Er hob abwehrend beide Hände, ließ sie jedoch sofort wieder sinken und lächelte sein unsicheres, schüchternes Lächeln, das dafür sorgte, dass Liams Herz einen zusätzlichen Sprung machte.
„Ich habe mich nur gefragt…“, Nathan stockte und zuckte mit den Schultern, „aber nicht daran gedacht, dass du vielleicht keinen Alkohol trinkst.“
Liam zog seine Augenbrauen in die Höhe und brach dann in befreites Lachen aus. „Ich trinke wirklich nicht viel“, sagte er und nickte in Richtung eines schmalen Schränkchens, das an der Seite, neben der Küchennische befestigt war. „Bedien dich ruhig“, sagte er warm. „Für deine Hilfe hast du mehr als das verdient. Es geht mir auch schon besser. Ich bin sicher, dass ich morgen wieder problemlos laufen kann.“
Nathan lachte auch und folgte der Geste des Dunkelhaarigen. „Zum Glück ist keine Vorstellung“, sagte er mehr zu sich selbst und wählte mit sicherem Blick eine viereckige Flasche Whiskey aus, die noch zu drei Vierteln gefüllt war. Erfreut betrachtete er das Etikett, schloss die Schranktür und begab sich zu Liam, an dessen Seite er sich niederließ. Mit einem fragenden Seitenblick und nachdem er das bestätigende Nicken erhalten hatte, schraubte Nathan die Flasche auf, und machte Anstalten, dem anderen einzuschenken. Liam schüttelte dankend den Kopf und bedeckte sein Glas zusätzlich mit der Hand.
Achselzuckend gönnte Nathan sich einen gehörigen Schluck, der sich mit dem Wasser in seinem Glas mischte und ihm einen warmen Farbton verlieh. Das herbe Aroma des Getränks stieg auf und ließ Nathan genießerisch die Luft einatmen. Er verschloss die Flasche, hob sein Glas grüßend in Richtung Liams und trank durstig.
Liam beobachtete, wie sich die Augen des anderen schlossen, seine Kehle arbeitete, als das scharfe Getränk sie benetzte. Es sah aus, als sei Nathan gewohnt, zu trinken. Als habe er darauf gewartet. Als habe sein Körper darauf gewartet.
Liam presste die Lippen zusammen. Er kannte die Anzeichen. Nathan war nicht der Erste und mit Sicherheit nicht der Letzte, der versuchte, seine Dämonen mit Alkohol auszutreiben. Wider besseres Wissen. Wider der Überzeugung, dass jede Droge deren Macht nur verstärkte. Trotzdem blieb die zeitweise Betäubung der Sinne nach wie vor der einfachste und ein naheliegender Weg. Ein Weg, den Nathan vielleicht nur ein kleines Stück ging, vielleicht nur ein paar Meter. Woher sollte Liam das wissen? Er kannte den anderen nicht, hatte nur allzu wenige Worte mit ihm gewechselt.
Von Nathans Lebensweise wusste er nichts. Zudem durfte er, und er vor allen anderen, sich kaum das Recht herausnehmen, ein Urteil zu fällen.
Der Glanz, der in Nathans Augen entstanden war, zauberte trotz all seiner Vorbehalte, ein Lächeln auf Liams Lippen. Seufzend lehnte er sich zurück, genoss es, in dem Bewusstsein zu relaxen, dass auch Nathan zur Entspannung gefunden hatte. Alles andere spielte keine Rolle, nicht in diesem Augenblick.
Auch Nathan begann, sich besser zu fühlen. Die automatische Unsicherheit, die mit dem Betreten einer fremden Wohnung einherging, verschwand allmählich. Sie wurde ersetzt von dem bekannten, warmen Gefühl im Magen, das ihm bedeutete, er sei angekommen. Mit dieser gewonnenen Ruhe durfte Nathan sich Neuem zu wenden. Durfte anfangen, zu suchen und zu finden. Doch zuallererst sollte er den Grund entdecken, der ihn genau in dieser Nacht in genau diese Wohnung geführt hatte. Zuallererst eine Ahnung davon erhalten, wohin all dies ihn führen sollte.
Neben ihm entspannte Liam sich zusehends. Nathan bemerkte es an dem leisen Seufzer, dem Eindruck, dass der schlanke Körper tiefer in die Polster sank, als passte er sich den Formen dort an. Nathan wunderte sich keineswegs, dass Liams Geschmeidigkeit nicht nur auf der Bühne ein Zeichen seiner Persönlichkeit war. Dessen Bewegungen erschienen ihm stets fließend, mühelos, natürlich, als könnte er sich in jede Situation, in jede Umgebung einfügen auf eine Weise, die ihn mit allem verschmelzen ließ, was sich in seiner Nähe befand.
Nathan wusste nicht, wie viel Kraft und Jahre harter Arbeit es Liam gekostet hatte, diesen Eindruck zu erwecken. Er konnte nur raten. Nur vergleichen mit den zahllosen Lehrstunden, die er selbst mit dem Erlernen eines Handwerkes verbracht hatte, das nur allzu oft nur allzu gering geschätzt wurde.
Vielleicht erschien Liam ihm auch deshalb als die Perfektion in Menschengestalt. Wie er neben ihm saß, wie sein muskulöses Bein ausgestreckt vor ihnen auf einem Kissen ruhte. Wie sein dunkles Haar voll auf die Schultern viel. Wie er trotz seiner Erschöpfung die aufrechte Haltung eines Tänzers zeigte, all das bezauberte Nathan mehr, als jeder Auftritt es bis jetzt getan hatte.
„Du… du trinkst nicht?“, fragte er in dem Bemühen, das sich ausdehnende Schweigen zwischen ihnen zu unterbrechen. Just in diesem Moment fiel ihm das Unhöfliche seiner Fragestellung ein, die Gefahr, in einen Bereich der Persönlichkeit einzudringen, den Liam möglicherweise lieber verborgen hielt, und er senkte verlegen den Blick.
Doch Liam lächelte nur still, wie er es an diesem Abend schon so oft getan hatte und schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, nicht mehr“, gab er schließlich zu, nachdem er den Sekunden gelauscht hatte, die vorbeirannen, unwiederbringlich, angezeigt nur durch das regelmäßige Ticken der Uhr an der Wand.
„Nicht mehr“, wiederholte er und drehte sich zu Nathan, um ihm ins Gesicht zu blicken. Dieser schlug erneut die Augen nieder, und Liam konnte sehen, was es ihn kostete, ein erneutes Erröten zu verhindern.
„Ich… ähm… ich trinke auch nur manchmal…“, stammelte Nathan, doch verstummte, als Liams Lächeln sich verbreiterte.
„Ist schon gut“, sagte der Dunkelhaarige. „Ich habe kein Problem damit.“
Und ehe Nathan sich versah, lehnte Liam sich zu ihm hinüber und legte seine Hand auf Nathans Schenkel. Kurz nur, sehr kurz. Eine winzige vertrauliche Geste, vergangen, bevor Nathan sie richtig wahrgenommen hatte. Verspätet zuckte er zurück, verwirrt. Und doch fühlte es sich an, als führe immer noch ein Blitz durch seine Nervenbahnen, lief ein Kribbeln durch seinen Körper, begann, noch bevor es aufhören konnte, von Neuem in einem nicht enden wollenden Zirkel. Nathans Augen wurden groß und dunkel, als er Liam anstarrte, der sich zurücklehnte. Das Lächeln war aus dem Gesicht des Dunkelhaarigen verschwunden. Aufmerksam betrachtete er Nathan, verfolgte die Reaktion des Mannes. Nathan sog zitternd den Atem ein, bemühte sich, sein pochendes Herz zu beruhigen, indem er den Atemzug ausdehnte. Es funktionierte nicht. Sein Puls begann zu galoppieren. Ihm schien es, als würden seine Blutgefäße gesprengt, als explodierte sein Herz, wenn nicht in diesem Augenblick, dann doch im nächsten.
„Was… was hat das zu bedeuten“, flüsterte er, ohne es zu bemerken.
Liam zuckte mit den Achseln. „Nichts. Entschuldige“, antwortete er leise, beugte sich vor und griff nach seinem Glas.
„Warte, ich helf dir“, rutschte es Nathan heraus. Doch da hatte er sich bereits vornüber gelehnt und mit seinen Fingern die Hand des anderen umschlossen.
„Entschuldige“, brachte Nathan heiser hervor. Doch es gelang ihm nicht, den Griff um Liams Hand zu lösen. Im Gegenteil. Seine Hand lag sanft auf der des anderen, umschloss die langen, schmalen Finger Liams, die ihrerseits das Glas hielten.
„Ich…“ Er wollte sich wieder entschuldigen, wollte sich zurückziehen, etwas sagen, eine Erklärung abliefern, doch der Blick, den Liam ihm zuwarf, ließ ihm den Atem stocken. Tief tauchten Liams Augen in Nathans, forschten, suchten, fanden in seinem Inneren.
„Ich…“, wollte er sprechen, wollte ablenken von dem reglos starrenden Bild, das er abgab, das er bereuen werde, sobald er ausreichend bei sich war, um einer derartigen Emotion fähig zu sein. Doch Liams Augen ließen ihn nicht los, lähmten seinen Körper bis zu der Fähigkeit, Worte zu formen. Stattdessen ertrank Nathan in ihrer Tiefe, fühlte, wie Wellen über ihm zusammenschlugen, ihn hinab saugten, durch einen Strudel hindurch bis in eine Falle, der zu entkommen er sich nicht mehr wünschte.
Und Liam fand in den blauen Augen des Blonden, was er gesucht hatte. Er erkannte in deren Klarheit, deren eigenen, kühlen Dunkelheit, hinter dem spiegelnden Blick eine Sehnsucht, die er verstand, an die er sich seit zu langer Zeit gewöhnt hatte.
Langsam lehnte er sich vor, ein Stück nur, ein kleines Stück, denn er ahnte, dass nicht nur er es war, den es zu dem anderen zog. Nathan kam ihm entgegen, geleitet von einer Kraft, die außerhalb seines Verstandes und seiner Vorstellungskraft existierte. Magnetismus führte sie zusammen. Und als ihre Lippen sich berührten, war es wie das Versprechen einer Erfüllung, die in ferner Zukunft auf sie wartete.
Nathan schloss seine Augen. Liams Lippen fühlten sich an, wie er sie sich erträumt hatte. Sanft und gleichzeitig fest. Fordernd und doch zärtlich zugleich. Ein Hauch von Unsicherheit, ein Moment des Zweifels schwebte in dem Kuss, der viel zu flüchtig, viel zu schnell beendet war. Eine Kostprobe nur, ein Test.
Nathan schmeckte herb, fast würzig. Nach Whiskey und Theaterluft. Liam atmete den Duft, schmeckte ihn noch, nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten. Nathan fühlte sich an, wie Liam ihn sich vorgestellt hatte. Fest, aber doch anschmiegsam. Liam ahnte Sehnsüchte und Verlangen in diesem einen, kleinen Moment und er verharrte mit geschlossenen Augen. Als er die Augen aufschlug, sah er, dass Nathans noch geschlossen waren, erkannte an den bebenden Wimpern, an dem Ausdruck in Nathans Gesicht, an dem raschen Heben und Senken seines Brustkorbes, dass der mehr wollte, sich mehr wünschte. Dass er dasselbe ersehnte, wie Liam.
Als habe er es nicht gewusst. Liams Mundwinkel umspielte ein Lächeln, als er vorsichtig zwei Finger unter Nathans Kinn legte, sein Gesicht anhob.
„Ist das in Ordnung für dich?“, fragte er leise und beobachtete, wie die Augenlider Nathans flatterten.
„Ja“, flüsterte Nathan als Antwort. „Das ist es.“ Um seine Mundwinkel zuckte es ebenfalls. „Das ist es wirklich.“
Berührung
Sie berührten sich oft. Lange war das Janine nicht aufgefallen. Erst als Simon, halb im Scherz, halb mit Ernst begann, seine Bemerkungen fallen zu lassen, da erkannte auch Janine, dass seine Beobachtungen keineswegs übertrieben waren.
Simon war der Clown am Set, immer hatte er einen Scherz auf den Lippen und darin lag wohl auch der Grund, dass niemand sein Geplänkel wirklich ernst nahm.
Zudem kannten sie alle Calvin, kannten dessen Art. Er umarmte alles und jeden, und mit besonderer Vorliebe seine Kollegen. Als müsse er sich mit jedem verbünden, ein auch körperliche Bindung aufbauen, der ihm in einer Szene zuspielte, so küsste, knuffte oder fuhr er demjenigen durchs Haar, ob derjenige dies nun gut hieß oder nicht.
Es war der Preis dafür, dass er sich wohlfühlte. Und wenn Calvin sich wohlfühlte in seinem Spiel, dann agierte er brillant, einer Oskar-Nominierung würdig, so zumindest die Zeitungen. Wenigstens die Zeitungen, die sich mit einer durchschnittlichen Fernsehserie wie der Ihren beschäftigten.
Obwohl es auf das Ensemble ankam, so gab es doch kaum einen Zweifel, dass Calvins Talent die Show in die erste Riege katapultieren konnte, ließe man ihm genug Freiraum. Doch soweit war es noch nicht. Sein Charakter war wichtig, unbestritten. Ebenso wichtig wie der Kevins.
Dabei begann alles mit der Konzentration auf Kevins Rolle, seine Entwicklung, sein Schicksal. Doch nur nach wenigen Folgen konnten Drehbuchautoren ebenso wenig wie verantwortliche Produzenten die Dynamik übersehen, die beide Schauspieler aus dem Nichts heraus kreierten. Sie reagierten und gebaren neue Handlungsstränge, neue Ideen, überraschende Wendungen.
Und Kevin wuchs über sich hinaus, seine Fähigkeiten überstiegen rasch alles, was er bislang gezeigt hatte. So erstaunte es niemanden, der die beiden zusammen erlebte, dass der Jüngere stets nur in den höchsten Tönen und voller tiefer Bewunderung von Calvin sprach. Sie ergänzten sich und die Freundschaft, die sich entwickelte, kam natürlich und fließend, unvermeidlich.
Vielleicht lag es auch am Altersunterschied, am Mangel kollegialen Neides oder einfach an dem lockeren Umgang beider Darsteller mit dem plötzlich eintretenden Erfolg, dass es keinerlei Misstöne gab, dass beide in Interviews den anderen über das werbetechnisch notwendige Maß hinaus lobten und verehrten.
Für Janine war es ihre erste Rolle, ihre erste größere Rolle. Sie war jung und neu in dem Geschäft, mehr durch Zufall dazu gekommen, als durch ihren Ehrgeiz. Und trotzdem liebte sie es, liebte die Schauspielerei, liebte die Spannung, die Konzentration, das Abrufen höchster Leistungen unter Zeitdruck mehr als alles andere, was sie bislang versucht hatte.
Ihre ersten Schritte als Modell ließen sich besser verwerten, als ihre Agentin geglaubt hatte und so stieg sie rasch zu einer der beliebtesten Charaktere der Serie auf. Nicht von ungefähr und mit Sicherheit hilfreich war die Tatsache, dass sie dazu erkoren war, die große und heimliche Liebe für Kevins Charakter darzustellen. Ein Umstand, der ihr sehr entgegenkam, musste sie doch zugeben, einen schwachen Punkt in sich zu bemerken, jedes Mal, wenn Kevin auf sie zukam.
Auch aus diesem Grund machte ihr Herz einen ordentlichen Sprung, als sich dieser ihr eines Abends nach Drehschluss näherte.
Janine bemerkte den hilfesuchenden Blick und das darauf folgende, beinahe unmerkliche Nicken, mit dem Calvin Kevin antwortete, obwohl er sich gerade im Gespräch mit der Regieassistentin befand. Breit lächelnd und seinen Charme in alle Richtungen versprühend unterhielt er sich, doch seine Augen huschten von Zeit zu Zeit zu Kevin herüber, der nun ein wenig unsicher vor Janine stand.
Für einen Augenblick nur fragte sie sich, wie Calvins Frau es wohl aushielt, dass dieser mit jedem weiblichen Wesen flirtete, mittlerweile offensichtlich ohne sich selbst dessen bewusst zu sein.
Janine legte den Kopf schief und strich ihr rötlich schimmerndes Haar zurück, sich sehr wohl bewusst, dass das Freilegen ihrer weißen Haut am Nacken und der Anblick der weichen Linie, die sich zwischen Hals und Schultern dehnte, ausreichten, um mehr als einen interessierten Betrachter in seinen Knien schwach werden zu lassen.
Auch Kevin schluckte trocken, lächelte dann sein typisches schiefes, jungenhaftes Lächeln und fragte sie,wie erwartet, ob sie nicht Lust habe, mit ihm auszugehen.
Natürlich hatte sie, und selbst wenn seine schlanke, beinahe schlaksige Gestalt und seine dunklen Locken ihr kein angenehmes Kribbeln im Unterleib verursacht hätten, so würde sie doch alleine zusagen, um der Presse eine hübsche Story aufzutischen und somit ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Janine hatte schnell gelernt, wie das Geschäft funktionierte.
Der Abend verlief nett und harmlos. Sie tasteten sich vorsichtig einander an, lernten sich kennen, doch ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Als die Paparazzi auftauchten, nahm Kevin ihre Hand und hielt sie, bis beide sicher gehen konnten, dass alle Schnappschüsse gemacht waren.
„Das war sehr schön“, sagte sie zum Abschied und bot ihm ihre Lippen, die er pflichtschuldig und doch zärtlich küsste. Viel zu kurz, wie sie fand, aber doch ein Anfang.
Und wie sie es sich hätten denken können, war Simon am nächsten Morgen der erste, der einschlägige Artikel und Schlagzeilen zitierte. „Die junge Liebe“, neckte er Janine, die ihm empfahl, seinen Text noch einmal durchzugehen, anstatt dumme Gerüchte zu verbreiten. Schließlich war für gewöhnlich nicht sie es, die Dreharbeiten verzögerte.
Simon jedoch ließ sich nicht beeindrucken. „Du willst also behaupten, es wäre nichts zwischen euch?“, stichelte er weiter.
Gegen ihren Willen fühlte Janine, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Gar nichts“, zischte sie zurück und verteilte Puder auf ihren Wangen. „Wir sind nur Freunde.“
„Ach so“, meinte Simon und steckte die zu seiner Uniform gehörende Marke an, die ebenso falsch war, wie alles andere am Set. „Nur Freunde, so wie Kevin mit Calvin nur befreundet ist.“
Janine entging der giftige Unterton, als sie bestätigte. „Genauso. Wir waren nur essen.“
Simon stand auf und pfiff vor sich hin, zwei der Zeitschriften, die er mitgebracht hatte, vor sich her wedelnd.
Janine zuckte zusammen, als eine lange Gestalt sich plötzlich über sie beugte. Zuerst dachte sie, Kevin würde ihr sanft ins Ohr pusten, doch dann verstand sie die leisen Worte.
„Ich muss mit dir sprechen“, flüsterte er und Janine nickte nur, unfähig zu antworten, da ihr ganzer Körper vibrierte und ihr Blut in den Ohren rauschte.
Doch es schien, als habe Kevin weiter nichts sagen wollen, denn als sie wieder zu sich kam, war er bereits verschwunden.
Sie spielten eine Szene zusammen und Janine glaubte, die Spannung knistern zu hören. Jedoch kam das leise Knistern nicht gegen die Funken an, die zwischen Kevin und Calvin flogen, als sie an einem einzigen Drehtag den Bogen zwischen Streit und Versöhnung ihrer Charaktere schlugen.
Janine ging es wie den meisten anderen, die gebannt zusahen, obwohl sie sich eigentlich bereits hätten zurückziehen können. Heimlich bestätigte das Gesehene sie in ihrer Überzeugung, dass die beiden miteinander geübt haben mussten.
Die Zweifel, der Verrat und die unausweichliche Versöhnung entfalteten sich zu perfekt, zu flüssig. Deshalb war Janine auch nicht überrascht, als nach der Aufnahme Kevin die Hand Calvins ergriff und ihn zu ihr führte. Sie berührten sich, während des Spiels und in Wirklichkeit. Ihre Vertrautheit unterstützte ihre Kunst.
Erst als er vor ihr stand, ließ Kevin den anderen Mann los. „Ist es in Ordnung, dass Calvin mitkommt?“, fragte er leise.
Janine sah ihn überrascht an, nickte dann. „Ja doch, warum nicht“, antwortete sie trotz widerstrebender Gefühle.
„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte Calvin beinahe entschuldigend. „Aber wir können mit meinem Wagen fahren und zurück nehmt ihr ein Taxi.“
Kevin lächelte, also lächelte auch Janine und erntete von Calvin einen spontanen Kuss auf die Wange.
Es dauerte nicht lange, den Drehtag zu beenden und sich umzuziehen. Dennoch wartete Calvin bereits auf sie und auch auf Kevin. Er schien es wirklich eilig zu haben, ein Umstand, der Janine nicht weiter beunruhigte.
„Wohin fahren wir?“, fragte sie, nachdem sie sich gemütlich in die Polster zurückgelehnt und ihren kurzen Seidenrock glattgestrichen hatte.
Calvin antwortete und Janine nickte erfreut. Ein kleines Weinlokal mit abgetrennten Nischen und großer Betonung auf Privatsphäre. Offenbar war dieser Abend nicht als Futter für die Fotographen geplant.
Der Wein war schwer und süß und Janine fragte sich einen Moment, ob beide Männer ihr zuliebe die gleiche Bestellung getätigt hatten.
Sie deutete auf Calvins Karaffe. „Kannst du danach noch fahren?“
Calvin lächelte und legte eine Hand auf Kevins Arm. Überhaupt saßen die beiden sehr eng zusammen. Janine kam es vor, als berührten ihre Knie sich unter dem Tisch.
Nicht, dass sie kein attraktives Bild boten, das musste sie unumwunden zugeben. Beide dunkles Haar, kaffeebraune Augen und beinahe die gleichen Hemden, weiß und steif im Kragen. Sie könnten die Brüder sein, als die sie besetzt worden waren.
„Ich trinke nicht aus“, sagte Calvin. „Kevin bekommt, was mir zu viel ist.“ Ihre beiden Augen trafen sich und Janine bemerkte etwas wie Trauer oder Schmerz in dem dunklen Blick.
Dann sah er auf seinen Teller, sprach jedoch weiter. „Ihr versteht euch also gut, Kevin und du.“
Janine blinzelte. „Ja, ich denke schon.“ Verwundert wandte sie ihre Aufmerksamkeit Kevin zu, bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.
„Das ist schön.“ Calvin blickte immer noch nach unten. Mit Messer und Gabel schob er lustlos das Stück Baguette auf seinem Teller hin und her. „Sehr schön.“
„Ich… ich weiß nicht…“ Janine runzelte die Stirn, fühlte sich mit einem Mal bloßgestellt, unvorbereitet auf einer Bühne, ohne auch nur die leistete Ahnung zu haben, was von ihr erwartet wurde.
„Es… es ist ein wenig kompliziert“, murmelte Kevin und Janine bemerkte, dass seine Augenlider flatterten.
Calvin bemerkte dies auch. Er beugte sich zu Kevin, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Möchtest du das lieber ohne mich…?“, fragte er leise.
Kevin seufzte, drehte dann seinen Kopf, um den anderen direkt anzusehen. „Ich glaube ja“, sagte er leise. „Entschuldige bitte. Ich dachte zuerst, es wäre leichter, wenn du dabei bist… aber jetzt.“
„Ich verstehe.“ Calvin lächelte und küsste ihn auf die Wange. „Ruf mich an“, sagte er, bevor er sich erhob und zu Janine ging, diese ebenfalls liebevoll küsste. „Sei nicht böse auf mich“, wisperte er, ein Hauch nur, so dass sie nicht sicher war, ob die Worte auch für Kevin gedacht waren.
Janines Frage, warum in aller Welt sie denn böse sein sollte, blieb unausgesprochen, als Calvin der Kellnerin winkte und in der weltgewandten Art, die Janine eher aus seiner Rolle kannte, die Rechnung beglich.
Seine Augen trafen noch für einen Augenblick die Kevins, bevor er sich abrupt umdrehte, als würde ihm der Abschied anders nicht gelingen, und das Restaurant verließ.
Das Schweigen zwischen Janine und Kevin dehnte sich aus, wuchs zur Unbeweglichkeit. Endlich hielt Janine es nicht mehr aus, räusperte sich. Als erwache Kevin aus seinen Gedanken, richtete er sich plötzlich auf, griff nach Calvins Glas und stellte es neben seines. Seine Finger hielten den Stiel und er betrachtete scheinbar konzentriert die Farbe des Getränks, als er anhob zu sprechen.
„Ich wollte Calvin dabei haben, weil ich dachte, dann wäre es leichter, dir unseren… meinen Vorschlag zu unterbreiten.“
Er schwieg wieder und Janine begann unruhig auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Das wurde eindeutig immer merkwürdiger.
„Was denn für einen Vorschlag?“, fragte sie schließlich.
Kevin hob das Glas, nippte daran, setzte es dann langsam wieder ab. Erst dann blickte er auf, suchte ihre Augen.
„Janine“, begann er.
„Ja?“ Sie lächelte.
„Du bist eine wunderschöne Frau und ein unglaublich nettes Mädchen.“
Janine hob ihre Augenbrauen. „Danke – denke ich.“
„Doch, das bist du. Und… und du hast eigentlich nicht verdient, was ich vorhabe, dich zu fragen. Du verdienst Besseres.“
„Das… hört sich wahrhaftig seltsam an.“ Janina runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht, was du meinst.“
Kevin lehnte sich mit einem Seufzer zurück und fuhr sich durch das dunkle Haar. Dann erst wieder sah er sie an.
„Ich… ich liebe Calvin“, sagte er.
„Ach.“ Janines Mund klappte auf.
„Ich liebe ihn“, wiederholte Kevin. „Und er liebt mich, wir lieben uns. Wir… wir sind ein Liebespaar.“
Janine spürte, wie verlegene Röte ihr Gesicht überzog und sich gleichzeitig eine vage Übelkeit in ihrem Bauch ausbreitete. Das verlief definitiv nicht so, wie sie es sich erhofft hatte.
„Und… und warum erzählst du mir das?“, brachte sie mit Mühe hervor. Ihr Mund war plötzlich trocken und sie griff nach ihrem Wein, trank einen großen Schluck.
Als sie wieder aufsah, kam es ihr vor, als habe auch Kevins Gesicht eine rosa Tönung angenommen. Der Gedanke an seine Verlegenheit in Zusammenspiel mit der Wärme, die der Wein in ihrem Inneren verursachte, hob Janines Stimmung ein wenig und sie fürchtete beinahe, in Kichern auszubrechen. Eine Reaktion, die ihr dann doch nicht angemessen erschien, zumal sie den Anflug einer aufkommenden Enttäuschung auch nicht unterdrücken konnte.
„Ich meine… warum bist du dann mit mir ausgegangen?“, fragte sie.
Kevin seufzte und blickte ihr direkt in die Augen. „Kannst du es dir nicht vorstellen?“
Langsam nickte Janine. „Calvin ist verheiratet“, murmelte sie dann. „Er… er wird sich wohl nicht scheiden lassen?“
Kevin schüttelte den Kopf. „Das… das würde ich auch nicht wollen“, gab er zu und senkte den Blick. „Nicht wirklich.“
„Und ihr… und jetzt braucht ihr eine Ablenkung?“, riet Janine. „Einen Aufhänger für die Presse, damit das Offensichtliche nicht zu offensichtlich ist?“
Kevin stöhnte. „Du weißt, wie das Studio denkt über… über…“
„Gleichgeschlechtliche Liebe?“, fragte Janine. „Bei mir fänden sie es gut.“
Sein schiefes Lächeln blitzte auf, als Kevin antwortete. „Das ist bei Frauen immer noch ein wenig anders.“
Janine nahm noch einen Schluck. „Ich denke, ich fange an zu verstehen.“ Sie konnte es nicht verhindern, dass Bitterkeit in ihrer Stimme mitklang. „Die Show gestern war ein Test, ob es funktioniert. Und nachdem die Presse angesprungen ist, dachte Calvin, es sei an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.“
„Das war nicht Calvins Idee“, entschlüpfte es Kevin in härterem Tonfall, als beabsichtigt. „Er… ich denke, er würde es sogar öffentlich machen… wenn… wenn seine Frau nicht wäre und er ihr nicht wehtun wollte.“
Janine schnaubte. „Da kommt er jetzt drauf?“
Kevins Blick traf den ihren und wirkte nun so flehentlich, dass Janine nicht anders konnte, als sich zu fragen, wer eigentlich den dominierenden Part in dieser Beziehung einnahm. Und Kevins folgende Worte bestätigten ihre Vermutung.
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn… wenn alle Bescheid wüssten“, gab er gequält zu. „Nicht nur wegen…“ Er vollführte eine ungenaue Handbewegung, sank dann, wenn überhaupt möglich, noch tiefer in sich zusammen.
„Ich kann es einfach nicht… es geht nicht. Nicht jetzt… nicht zu diesem Zeitpunkt.“
„Und ich… ich soll deine Freundin spielen?“
Janine holte tief Luft, bemühte sich den Schmerz fort zu atmen, der in ihr aufstieg.
„Nein.“ Kevin sah wieder auf. „Nicht nur spielen.“ Er biss sich auf die Unterlippe und sah sie so unglücklich an, dass sie fast gerührt war. „Ich… ich möchte wirklich mit dir zusammen sein.“
„In der Öffentlichkeit… auf Premieren…“, ergänzte sie fragend.
„Auch“, gab Kevin zu. „Aber nicht nur.“
„Du… du möchtest eine Frau, für die Zeit, wenn Calvin mit seiner Familie zusammen ist“, schloss Janine.
„Ein normales Leben“, sagte Kevin schwach. „Wenigstens so viel davon, wie ich haben kann.“
Janine schwieg und begriff endlich. Ein normales Leben. Etwas, wovon sie lange nicht mehr bewusst geträumt hatte. Und obwohl sie wusste, dass sie es nie haben könnte, im Grunde ihres Herzens wahrscheinlich auch niemals haben wollte, blieb doch die Illusion, das rahmenhafte Gebilde ein Gerüst, an dem festzuhalten, sie sich wünschte. Ein unterschwelliger Wunsch, einer, der niemals ausgesprochen, nicht einmal in Gedanken formuliert wurde, existierte dennoch, glich er einer Sehnsucht, an deren Unstillbarkeit sie sich gewöhnt hatte.
„Ein normales Leben“, wiederholte sie laut, aber nachdenklich. „Du sprichst von Premieren, gemeinsamen Auftritten, Gastspielen, wie dem gestern.“
Kevin nickte vage. „Vielleicht auch mehr.“
„Mehr, wie zusammen wohnen?“
Kevin zog eine Augenbraue hoch. „Vielleicht. Warum nicht? Eines Tages?“
„Hm.“ Janine begann es sich vorzustellen.
„Wie viel von alldem wäre Show?“, fragte sie nach einer Weile sachlich.
Und plötzlich lächelte Kevin. „So viel du willst“, antwortete er.
Sie sah ihn an, spitzte nachdenklich die Lippen. „Du machst mir demnach einen Antrag mit allem Drum und Dran, nur unter der Voraussetzung, dass ich die Sache zwischen dir und Calvin akzeptiere und geheim halte.“
Kevin atmete aus. „Das wäre so ungefähr der Deal.“
Janine wog Vorteile gegen Nachteile ab und kam zu einem Schluss. „Du würdest alles tun, was ich dir sage?“
„Nun, vielleicht nicht alles.“ Kevin lächelte wieder. „Aber sicher das, woran du denkst.“
Janine kicherte. „Du wärst mein Traumprinz?“
„Dein was?“ Kevins Blick weitete sich belustigt.
Janine zuckte mit den Schultern. „Nun – irgendetwas möchte ich auch davon haben. Und ein Verhältnis mit einem Mann wie dir, einem gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der mir sicher in mehr als einer Hinsicht Wege ebnen kann, mir helfen wird, aus meinem Namen einen Begriff zu machen und der mich zudem auf Händen trägt, mich ausführt, öffentlich beschenkt…“
Sie kicherte wieder, nickte dann. „Ich denke, das wäre es mir wert.“
„Wirklich?“ Kevin sah sie gespannt an und Janine nickte, seufzte und legte dann ihre Hand auf seine.
„Wirklich und ehrlich. Ich gebe zu, dass meine Vorstellungen von unserer Beziehung ein wenig romantischerer Natur waren, aber letztendlich geht es doch in unserem Job darum, so pragmatisch wie möglich zu sein.“
Kevin nahm ihre Hand auf, drehte sie in seiner und küsste ihre Handinnenfläche. „Ich wusste, dass du die Richtige bist“, sagte er leise. „Danke.“
Janine lächelte. Wenn dies das Beste war, was sie bekommen konnte, dann sollte der Teufel sie holen, wenn sie es sich nicht nähme.
Schmerz
Mark starrte auf den Boden. Er merkte nicht, wie er auf den Boden starrte, spürte nicht, wie die Zeit verging, wie seine Kollegen an ihm vorbeiliefen, viele achtlos, viele während sie einen merkwürdigen Ausdruck in ihrem Gesicht trugen.
Er wusste, dass er wenigstens den Anschein erwecken sollte, zu arbeiten oder es zumindest zu versuchen, und konnte sich doch nicht dazu überwinden, seinen Text in die Hand zu nehmen.
Das würde bedeuten, dass er ihn festhalten müsste, seine Augen auf die Buchstaben richten, auf das grelle Weiß des Papieres, das in seinem Kopf schmerzte, wenn die Scheinwerfer es erfassten.
Vielleicht sollte er sich zurückziehen, einen Ort aufsuchen, an dem er alleine sein konnte. Aber Mark brachte die Kraft dazu nicht auf. Er war erschöpft. Erschöpft seit langem. Seit Tagen, Wochen mit Sicherheit. Und er wusste warum.
Dazu kam, dass er, wenn er wirklich ginge, die Chance versäumte, ihn zu sehen. Ihn nur zu sehen. Mehr erwartete er gar nicht mehr und eigentlich war es traurig, wie bescheiden er geworden war.
Er, den einst niemand hatte stoppen können, zur Hölle, den auch jetzt niemand stoppte.
Schließlich war es nicht so, als habe er nichts zu tun. Im Gegenteil, er füllte seine Tage und Nächte mit Aktivitäten. Sein Glück bestand in dem Netzwerk aus Freunden, das er sich aufgebaut hatte, den vielen grundverschiedenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und Unternehmungen, in die sie ihn nur allzu gerne einbezogen.
Nicht nur, weil er gerne mitmachte, weil er gerne unter Menschen war. Gesellschaft hatte er von Kindheit an dem Alleinsein mit seinen Gedanken vorgezogen. Zu quälend erschienen ihm diese häufig. Sie gingen in Richtungen, die mit Traurigkeit zu tun hatten, und gefährlich nahe an die Depression führten.
Ablenkung und Arbeit gingen eine angenehme Symbiose ein, wenn er sich die Andeutung eines eigenen Lebens vorgaukelte, unabhängig von dem Mann, um den trotz allem seine Gedanken ohne Unterlass kreisten.
Für die Freunde, die nun seine Zeit in Anspruch nahmen, stellte sich jeder Schritt, den er in Richtung Bekanntheit machte, als doppelt positiv heraus.
Sein Name bedeutete Werbung, seine Anwesenheit bedeutete Mädchen und Frauen, die Schlange standen, um sich ein Autogramm abzuholen oder ein Foto mit ihm zu ergattern.
Er beteiligte sich gerne auch an den Bemühungen der anderen. Es waren die kleinen Schritte, die zum Erfolg führten, und Mark machte sich nichts vor.
In der heutigen Zeit, in der jeder ein Star sein wollte, war er ein kleines Licht. Gut – er hatte in einigen Serien Gastrollen, und in einigen Filmen Nebenrollen bekleiden dürfen, aber bis auf die aktuell laufende Produktion, reichte keine der Rollen wirklich aus, um seinen Namen den Zuschauern im Gedächtnis haften zu lassen.
Obwohl es gut für ihn aussah, war er doch weit davon entfernt, durch seine Darstellung aufzufallen. Er war weit davon entfernt, Preise zu erhalten, Auszeichnungen oder auch nur lobende Erwähnungen seitens der Kritiker.
Die waren ihm vorbehalten, Norbert.
Natürlich – Norbert befand sich schon weitaus länger in diesem Geschäft, als er es tat. Norbert hatte Hauptrollen gespielt, und sich schon vor vielen Jahren einen Ruf geschaffen.
Er gehörte nicht zu den Großen, aber dem Zielpublikum, an das ihre Serie sich richtete, war er ein Begriff.
Bei Mark dagegen handelte es sich für die meisten um nicht mehr, als ein hübsches Gesicht. Er war einer der vielen jungen Kerle, die sich die Seele aus dem Leib spielten, aber dennoch nur von einem kleinen Teil der Zuschauer wahrgenommen wurden. Hauptsächlich von jenen, die in seinem Charakter etwas von sich wiedererkannten, denen seine Rolle etwas bedeutete. Nicht er, nicht der Schauspieler.
Selbst wenn sie sein Autogramm wollten, sprachen sie ihn mit seinem Serien–Namen an. Und Mark lachte dazu.
Warum auch nicht. Es war ein Schritt. Und er hatte Geduld. In den meisten Dingen.
Er stellte sich vor die Produkte, die seine Freunde fabrizierten, lächelte pflichtschuldig, fand warme Worte, stellte sein eigenes Wirken in den Hintergrund.
Zumindest versuchte er es.
Denn je mehr sein Bekanntheitsgrad anstieg, desto mehr Interesse wuchs trotz allem an seiner Person. Ein Interesse, das sich nutzen ließ. Ein Interesse, das allerdings auch Nachteile mit sich brachte.
Und je mehr er darüber nachdachte, umso wahrscheinlicher kam es ihm vor, dass Norberts Verhalten der letzten Zeit damit zusammen hing.
Es konnte nicht daran liegen, dass Norbert ihn nicht mehr für anziehend hielt. Es konnte nicht daran liegen, dass der Ältere zu seiner Frau zurückgefunden hatte, sich seiner Verantwortung als Vater stellen wollte.
Es konnte auch nicht daran liegen, dass die Produzenten zu ihnen gekommen waren, zu ihnen beiden, um ihnen zu sagen, dass sie ihre Serienbeziehung distanzierter angehen sollten.
Aber vielleicht war es doch gerade das?
Vielleicht war dies der Weckruf gewesen, der Norbert hochschrecken und sein Verhalten überdenken ließ.
Sie spielten Kollegen, Anwälte, die nebeneinander, miteinander arbeiteten. Kollegen in Freundschaft verbunden. Eng genug, dass ihr Schulterschluss bei der Aufklärung ihrer Fälle vorprogrammiert war, dass sie ihre Aktionen gemeinsam durchführten.
Aktionen, die Körpereinsatz erforderten, die Kontakt erforderten, Körperkontakt.
Sie zogen, stießen, schubsten sich gegenseitig in Deckung, flüchteten vor der Mündung einer Waffe oder warfen sich zu Boden während hinter ihnen eine Explosion imitiert wurde.
Eine Scheinwelt, in der mit allem gerechnet werden musste.
Kein Wunder, dass Norbert und Mark ihre Charaktere als sich nah begriffen. Miteinander verschweißt durch Erlebnisse der Vergangenheit und Bedrohungen der Zukunft.
Kein Wunder, dass sie ihre Verbundenheit durch Gesten und Blicke ausdrückten. Zumal ihnen sowohl Gesten, als auch Blicke nur allzu natürlich zuflogen, sich von selbst ergaben, je stärker auch das Band zwischen ihnen selbst und nicht nur zwischen den dargestellten Charakteren wurde.
Zuerst war es Freundschaft, gegenseitige Sympathie. Man ging Texte und Abläufe zusammen durch, trank Kaffee oder nach getaner Arbeit auch ein Bier.
Das gegenseitige Schulterklopfen verwandelte sich in ein Ritual, die gelegentlichen Umarmungen in eine Gewohnheit.
Bis eines Tages daraus mehr wurde.
Obwohl es nicht richtig war, obwohl sie beide wussten, dass es nicht sein durfte.
Schon allein, weil Norbert vergeben war.
Und doch geschah es, und es geschah wieder. Einmal damit begonnen, konnten sie nicht voneinander lassen.
An einem jener Abende war es passiert. Nach einer der Shows, der Preisverleihungen, an denen sie teilnahmen, da ihre Serie nominiert worden war. Nicht, dass sie gewann, darauf kam es auch gar nicht an. Es war das Ereignis, das zählte, die Aufmerksamkeit, die ihrer Arbeit zuteilwurde, und die ihnen die zweite Staffel sicherte.
Sie tranken vielleicht ein wenig mehr als sonst, ein wenig mehr, als ihnen guttat, ihnen beiden guttat.
Mark zog es im Allgemeinen vor, mit dem Alkohol behutsam umzugehen. Er kannte seine Neigung zu Drogen, die ständige Versuchung, die von dieser Seite auf ihn lauerte, und er hatte nicht vor, seine Fehler zu wiederholen.
Und Norbert berichtete hin und wieder von ähnlichen Erfahrungen aus seiner Jugend, von der Notwendigkeit, ein kritisches Auge auf sich selbst zu werfen.
Doch an diesem Abend warf niemand ein Auge, weder auf sich selbst, noch auf den anderen.
Und ihr Regisseur ließ nicht davon ab, nachzuschenken. Er ließ nicht davon ab, wieder und wieder dazu aufzurufen, anzustoßen, das Fest in die Länge zu ziehen. Immerhin war es der erste Auftritt der Besetzung gemeinsam vor den Kameras der Welt. Ihre Bilder würden den Weg über so gut wie jeden Kanal finden, in einem Großteil der Klatschblätter landen, und ihre Namen, sowie den der Serie über Grenzen hinaus bekannt machen.
Alle waren albern. Sie alle umarmten sich, tanzten, lachten, ließen den Abend nur widerstrebend ausklingen.
Es war nichts dabei, sich ein Taxi zu teilen, schließlich übernachteten Norbert und er in dem gleichen Hotel. In Zimmern, die zufällig nebeneinander lagen.
Während der Fahrt lehnte Mark seinen Kopf an Norberts Schulter, und Norbert legte seinen Arm um den Jüngeren.
Sie fuhren durch die Nacht, und Mark blinzelte gegen die Lichter der Straße und stellte sich vor, es seien Sterne. Er stellte sich vor, sie flögen, sie brausten durch das Weltall, und der warme Körper neben ihm gab ihm Halt und Trost, die Versicherung, dass sie ihr Ziel wohlbehalten erreichten.
Und das taten sie. Das Taxi hielt, und Norbert half Mark, der sich etwas tapsig anstellte und vernehmlich gähnte, aus dem Wagen.
„Das war wohl ein wenig viel heute“, hörte Mark die raue Stimme des anderen an seinem Ohr, als der ihn sicher vorwärts geleitete.
Er lächelte leicht und sah auf die weichen Teppiche, die ihre Schritte aufsaugten. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und schwankte ein wenig mit dem Gefühl, dass er sich in einem Kreis von Lichtern um sich selbst drehte.
„Ein schönes Hotel“, murmelte er, und lächelte breiter, als er von weitem den verräterisch schleppenden Ton seiner Stimme als unverkennbares Anzeichen eines Rausches erkannte.
„Das ist es.“ Mark sah zur Seite, hoch zu Norberts Lippen, die sich langsam bewegten, die feucht und warm aussahen, verlockend.
Unter Einfluss des Alkohols gestand er sich ein, dass diese Lippen ihn bereits seit langem verlockten, dass sich der Arm auf seiner Schulter gut anfühlte, dass die Wärme an seiner Seite Trost versprach und vielleicht sogar mehr. Vielleicht sogar die eine Art von Liebe, nach der er ständig auf der Suche war, und die zu finden er schon seit langem nicht mehr hoffte.
Mark stand still, als Norbert sich ihre Schlüssel aushändigen ließ, Worte mit dem Mann an der Rezeption wechselte, die im Strom von Marks Gedanken untergingen.
Er kam wieder zu sich, als Norbert ihm erneut seine Hand auf die Schulter legte, seine warme Hand – er spürte sie durch den Stoff hindurch – und ihn zum Fahrstuhl führte, vor dem sie kurz warteten, bis die Türen sich mit einem leisen Klingen öffneten.
Sie standen in der kleinen Kabine, und Norbert sah ihn an. Mark lehnte mit dem Rücken gegen eine Wand und hielt sich mit beiden Händen an der waagrechten Stange fest, während Norbert nur reglos vor ihm verharrte, ihn nicht berührte, nichts sagte, ihn nur ansah.
Mark konnte nicht anders, als zurück zu starren. Er blickte in diese großen, braunen Augen, die er lachen gesehen hatte oder weinen, die in der Lage waren, jede Art von Emotion, die seine Rolle ihm gebot, auszudrücken, zu verstärken.
Und er bemerkte die Wimpern, die länger waren, als es sich eigentlich für einen Mann gehörte. Er bemerkte das dunkle Haar, das einen beinahe scharfen Kontrast bildete zu der fast zu blassen Haut.
Norbert hatte abgenommen in der letzten Zeit, Mark sah es nun deutlicher, als er es zuvor wahrgenommen hatte.
Er war schlanker geworden, und bleicher. Er sah jünger aus. Sein Haar fiel ihm in die Stirn, seine Hände blieben vergraben in den Taschen des Anzuges. Und er blickte Mark unverwandt an, der seinerseits still zurückblickte.
Ein Ruck und das Klingen ertönte erneut, als sich die Türen wieder öffneten, als Mark endlich seine Augen von denen des anderen löste, und hinaustrat in den Gang.
Er stolperte leicht, als ihm der Unterschied zwischen dem Boden des Fahrstuhls und dem flauschig roten Teppich auffiel.
Doch schneller noch als er sich wieder fangen konnte, griff Norbert nach ihm. Norbert, der neben ihn getreten war, ohne dass Mark es bemerkt hatte. Norbert, der ihn festhielt und ihn sicher weiterführte, bis sie die Nummern erreichten, die ihre Zimmer anzeigten.
„Kommst du klar?“ Mark mochte es sich einbilden, doch klang Norberts Stimme nicht ein wenig heiser, ein wenig unsicher – zu unsicher für einen Mann seines Alters, der gerade den Höhepunkt seiner Karriere erreichte?
Mark drehte sich zu ihm, und seine Augen blieben wieder an den Lippen hängen, an den sanften Kurven. Er sah zu, wie Norberts Zunge kurz und nervös hervor blitzte, wie sie über einen Teil der Unterlippe fuhr, einen glänzenden Streifen Speichel dort zurückließ.
Mark konnte nicht antworten. Er konnte auch nicht wegsehen. Er starrte den Größeren weiter an, starrte dessen Lippen an, die leicht zitterten, bevor sie sich bewegten.
Und dann drehte Norbert sich von ihm weg, und für einen Augenblick fühlte Mark sich verloren und allein, bis er hörte, wie der andere den Schlüssel in das Schloss schob und mit einem Klicken die Tür öffnete. Und ohne nachzudenken stolperte Mark hinter ihm in das Zimmer. Es spielte keine Rolle, ob es sich um seines handelte oder um das von Norbert. Spielte keine Rolle, was passierte. Er wusste nur, dass er jetzt nicht alleine sein wollte. Dass er es nicht ertragen konnte, von Norbert getrennt zu werden, und sei es auch nur durch eine Wand zwischen ihnen.
Er stolperte in das Zimmer, blinzelte als das Licht aufflammte, zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihm wieder schloss, und ein Schatten vor ihn trat.
„Brauchst du Hilfe?“ Norberts Stimme klang fast besorgt und Mark lächelte, hob sein Gesicht zu dem des anderem.
„Nein“, sagte er, und seine Stimme kam wie aus weiter Ferne. „Nur dich.“
Norbert schluckte. Mark fühlte mehr als er sah, wie sich dessen Adamsapfel bewegte. Danach spürte er nichts mehr außer zwei starken Armen, die ihn umschlangen, zwei Lippen, die sich hungrig auf seine pressten.
Er seufzte in den Kuss, als sich sein Mund zugleich mit dem des anderen öffnete, als eine Zunge die Konturen seiner Lippen nachfuhr, an seinen Zähnen entlang glitt, auf seine eigene Zunge traf, mit ihr spielte, bis Mark stöhnte, bis er zurückwich und nach Luft rang.
Doch Norbert ließ ihn nicht fort. Er hielt Mark nah genug, dass der seine Wärme fühlte, seinen Atem atmete.
„Ist es das, was du willst?“, fragte Norbert rau, und Mark konnte nur nicken. Dankbar nicken, aufgeregt und ein wenig beschämt, dass er es zugegeben hatte.
Daraufhin zog ihn Norbert näher an sich, barg sein Gesicht an Marks Schulter. „Ich kann nur nicht… ich… ich kann nicht…“
„Ich weiß.“ Marks Hand streifte Norberts Kopf, fuhr dann mit seinen Fingern durch die dunkelbraunen Strähnen, die sich jedem Versuch sie in Form zu halten, unermüdlich wiedersetzten.
Er wusste es wirklich. Er wusste, wovon Norbert sprach, wusste, dass dieser nie seine Frau aufgäbe, nie seine Familie verließe.
Mark kannte ihn, hatte zugehört, aufmerksam zugehört, wenn Norbert von Affären berichtete, schuldbewusst und trotzdem auf eine derart entwaffnende Art ehrlich, dass es Mark nicht möglich war, ihn zu verurteilen.
Er wusste selbst, wie leicht es sein konnte, wie hinterrücks sich die Versuchung heranschleichen, einen – den einen günstigen Augenblick abpassen konnte, um schließlich zu einer Handlung zu führen, die nicht zu verzeihen war, nicht wenn sie bekannt würde, nicht, wenn die Öffentlichkeit davon erführe.
Und so wusste er auch, dass Norbert seine Bindung ernst nahm, wusste und verstand es.
Er umfasste Norberts Kopf mit seiner ganzen Hand, und zog ihn näher, näher an seinen Hals.
„Ich weiß“, wiederholte er noch einmal. „Es macht nichts“, fügte er hinzu, als er fühlte wie sich Norberts Lippen gegen seine Haut bewegten, wie der sanfte Küsse seinen Nacken hinunter regnen ließ.
Als habe Norbert darauf gewartet, drückte er Mark näher an sich, drückte ihn fest genug, dass er dessen Erektion spürte, den Beweis dafür, dass es nicht nur Mark war, der sich die Nähe zwischen ihnen ersehnte.
Später, als sie im Bett lagen, ineinander verschlungen, ein konfuses Gemisch aus Armen, Beinen, aus verschwitzter Haut und erschöpften Gliedmaßen, küsste Mark die haarlose Brust auf der sein Kopf ruhte.
„Ich danke dir“, sagte er, und sah auf, als ein glucksendes Geräusch, ein Lachen an sein Ohr drang. „Du – dankst mir?“, fragte Norbert leise. „Ich bin es, der dir danken sollte. Du ahnst nicht, wie lange ich… wie sehr ich mich danach gesehnt habe.“
Mark stützte sich auf. „Dann ist es nicht zu Ende?“, fragte er, und erlaubte es seiner Stimme zu zittern.
„Nein“, antwortete Norbert. „Es ist nicht zu Ende.“ Und er ließ es zu, dass Mark sich über ihn warf, und sein Gesicht mit offenen Küssen bedeckte.
„Oh Gott… das ist… das ist…“
Mark fehlten damals die Worte, und er bewahrte diesen Augenblick in seinem Herzen wie einen Schatz, wohl wissend, dass er für eine lange Zeit der Vollkommenste in seinem Leben sein sollte.
Obwohl es viele schöne Momente gab. Die Momente, die sie teilten, in Abgeschiedenheit, in Heimlichkeit, gestohlene Momente, fern vom Set, fern von den Verpflichtungen, die das Leben ihnen auferlegte.
Es gelang. Sie teilten und sie unterstützten sich. Sie traten gemeinsam auf, nutzten die Möglichkeiten, die ihnen allein durch die Arbeit geboten wurde.
Wann immer sie konnten, schlossen sie eine Tür hinter sich, flohen vor den Augen der Öffentlichkeit, vor den Augen anderer, und ergaben sich ihrer Leidenschaft.
Bis… bis vor ein paar Monaten alles anders geworden war. Nicht plötzlich, nicht von einem Tag auf den anderen. Sondern langsam, stückweise, ohne dass Mark die Veränderung zunächst in Worte oder auch nur in Gedanken fassen konnte.
Eine langsam wachsende Distanz. Sie entstand mit dem Gespräch, das die Produzenten mit ihnen geführt hatten. Und mit jedem Tag vergrößerte sich der Abstand, weitete sich die Kluft zwischen ihnen. Mark kannte den Grund nicht. Ob es daran lag, dass Norbert seine Rolle in den Alltag übernahm, oder ob es andere Beweggründe gab, Vorsichtsmaßnahmen, Bedenken, die ihn zurückweichen ließen, blieb ein Rätsel.
Sie lernten nicht mehr zusammen, erhielten weniger gemeinsame Szenen. Ihre Charaktere trugen Differenzen aus, deren Intensität Mark auch noch spürte, wenn die Kameras längst ausgeschaltet waren.
Norbert war nicht mehr zu fassen. Er ließ sich nicht sprechen, nicht von ihm, und Mark ertappte sich dabei, wie er Nacht für Nacht dagegen ankämpfte, dass der Klumpen, den er in seinem Hals spürte, sich vergrößerte, stieg, sich in einem Schrei entlud oder in einem Sturzbach von Tränen.
Wie sollte er das erklären?
Wie jemand anderem, wie sich selbst deutlich machen?
Er hatte es gewusst, gewusst, dass es nicht von Dauer sein konnte, gewusst, dass Norbert nie für ihn da sein würde.
Und trotzdem wuchs der Schmerz in ihm an, bis er unerträglich war, bis Mark sich auf seinem Bett zusammenrollte und wartete, dass er vorüber ging, dass die Welle anstieg und dann wieder abflachte, erträglich wurde, wenigstens für eine Weile, bis die nächste Welle heran rollte.
Seine Tage vergingen in dumpfer Gleichgültigkeit. Bis er sich an einem Ort wie diesem wiederfand, umgeben von Kollegen, von Freunden, die nicht wussten, nicht wissen konnten, was er fühlte, die vielleicht über ihn lachten, oder ihn geflissentlich ignorierten, den Hoffnungsträger, der geholfen hatte, die Serie hochzubringen, doch der nun alle Anzeichen dafür aufwies, sich auf dem absteigenden Ast zu befinden.
Und er wartete, wartete auf ein Zeichen, auf ein Wort, einen Blick. Er wartete darauf, dass Norbert wiederkam, dass er zu ihm zurückkam, dass er seine Vorbehalte vergaß und vor ihm stand, seine dunklen Augen in die Marks tauchte und ihm versicherte, dass er es nun erkannt habe. Dass sie zusammengehörten. Dass es nichts auf der Welt gab, das sie trennen konnte, nichts und niemanden.
Doch nichts dergleichen würde geschehen. Nie geschehen.
Mark fühlte die Träne, die sich aus seinem Auge löste, die langsam, wie in Zeitlupe fiel, tiefer und tiefer, bis sie auf dem Boden aufkam und dort zerplatzte.
Es sollte nur eine sein, eine von vielen.
Held
Es machte Olaf verrückt, wenn Christian sein Haar aus der Stirn warf. Diese eine, lässige Kopfbewegung wirkte auf ihn gleichzeitig lächerlich und auf eine verbotene Art anziehend, die er nicht wagte, vor sich zuzugeben.
Manchmal fragte Olaf sich, was seinen Bruder dazu trieb, eine Frisur zu behalten, die derart unpraktisch war. Davon abgesehen, dass er sich nicht vorstellen konnte, warum Christian es ertrug, sein Gesichtsfeld permanent mit diesen dicken, schwarzen Strähnen einzuschränken.
Der Verdacht, er wollte sich hinter einem Vorhang verstecken, den er jederzeit nach Belieben zuziehen konnte, wollte er sich von der Welt abgrenzen, in seiner eigenen, verschrobenen Vorstellung des Lebens verbleiben, holte Olaf regelmäßig wieder ein.
Und doch musste er zugeben, dass Christians Haar zu dem Jungen passte, weitaus besser als die anderen Haarschnitte, die der während seiner rebellischen Jugendphasen ausprobiert hatte.
Anders als Olaf, der sein Haar stets kurz und praktisch geschnitten trug, funktionell, wie er sich ausdrückte.
Die beiden waren nicht nur in dieser Hinsicht vollkommen verschieden und der Grund dafür lag nicht nur in ihrem Altersunterschied, sondern vor allem in ihrem Wesen begründet.
Christian war ein Träumer, ein Weltverbesserer, wohingegen Olaf von dem Wunsch nach Macht angezogen und geleitet wurdet, nach Einfluss, getrieben von dem Drang, etwas zu seinen Gunsten zu verändern.
Olaf seufzte und stellte das Glas zurück, ohne davon getrunken zu haben. Manchmal fragte er sich, ob es seine Schuld war, seine Eigenheit, die Unruhe in ihm, die ihn stets wach hielt, in Alarmbereitschaft, die ihn zum handeln zwang. Oder ob es nicht doch an ihren Eltern lag, die ihm von Anfang an eine andere Behandlung hatten zukommen lassen als dem kleinen Bruder.
Als Erstgeborener lasteten von Anfang an die Erwartungen auf ihm, und damit ein Druck, den Olaf von Jahr zu Jahr zunehmend als Last empfand. Nicht, dass er sich je dagegen gewehrt hatte. Nein, keine Sekunde hatte er jemals gezögert, sich keinen einzigen Zweifel erlaubt. Es wäre ihm unfair vorgekommen, nach allem, was seine Eltern für ihn getan hatten, nach der teuren Ausbildung, den Elite-Internaten und den Chancen, die ihm auf dem Silbertablett dargeboten wurden.
Selbstverständlich waren sie auch immer deutlich gewesen, worin im Gegenzug seine Pflichten lagen, wie er zu Handeln habe und inwiefern er seine Dankbarkeit immer und immer wieder von Neuem zu Beweis stellen musste.
Und manchmal, wenn auch nur selten, beneidete Olaf Christian um dessen Freiheit, um die Möglichkeit, zu tun, was immer ihm in den Sinn kam, ohne den festgefahrenen Mustern folgen zu müssen, in die er selbst von Kindheit an gepresst worden war.
Und doch wusste Olaf sehr gut zu welch hohem Preis Christian sich diese Freiheit erkauft hatte, ob es denn in dessen Absicht gelegen hatte oder auch nicht.
Seit seiner Geburt hatte Christian sich nie mit den Erwartungen auseinandersetzen müssen, die auf Olaf lasteten. Christians Freiheit bestand in einer Gleichgültigkeit, die Olaf nur deshalb nicht spürte, weil seine Leere mit den Aufgaben und Pflichten erfüllt wurde.
Nur in den seltensten Momenten bemerkte Olaf die wohl verborgene Missachtung seiner Eltern. Es waren dies die Momente, in denen er selbst nicht ganz in der Spur lief, die wenigen Augenblicke, in denen er versuchte, eine eigene Meinung zu entwickeln, einen Gedankengang zu verfolgen, der nicht mit dem seiner Familie konform lief.
Dann fühlte er einen Hauch der Kälte, der Christian ständig ausgesetzt war und der sein Bruder nur entkam, indem er sich in Phantasien verstrickte, die ihn aus der Welt, wie sie sich ihm bot, entführten. Indem er Ziele entwickelte, die so entfernt von denen ihrer Eltern waren, dass sie zumindest die Geringste aller Reaktionen hervorriefen.
Standhaft hatte er sich geweigert, die Militärschule zu besuchen oder eines der anderen Internate, die ihm vorgeschlagen worden waren.
Olaf war ihm in dieser Beziehung spontan und für ihn selbst überraschend zur Hilfe gekommen. Sah er doch nicht, dass ein sensibles Kind wie Christian in einer Hierarchie, in der es hauptsächlich um Konkurrenzdenken und Ellbogen ging, bestehen konnte.
Nein, hatte er damals zu seinen Eltern gesagt, in einem der Augenblicke, die ihn in deren Augen neben die Spur brachten. Nein, das ist nichts für Christian. Und sie mussten ihm glauben, wusste er doch besser als jeder andere, wovon er sprach.
Als Christian dann Krankenpfleger werden wollte, anstatt in die Anwaltskanzlei einzusteigen, hatte er ihm wieder den Rücken gestärkt. Es war das Mindeste gewesen, was er für ihn tun konnte, ein winziges Zeichen von Solidarität, die jedoch niemals die langen Phasen seiner Abwesenheit von zu Hause gut machen konnte, die Zeiten, in denen er Christian allein ließ. Allein mit der Kälte und Lieblosigkeit eines großen und dunklen Hauses, allein in einer Hoffnungslosigkeit, die jeden Menschen früher oder später erdrückte.
Aber Christian erdrückte sie nicht. Irgendwie schaffte er es, diese Jahre zu überstehen, ohne den leeren und düsteren Blick ihrer Eltern anzunehmen, ohne die stumme Gefühllosigkeit zu übernehmen, welche diese atmeten.
Olaf gelang es meist, seine Schuldgefühle beiseite zu drängen. Immerhin war es nicht seine Aufgabe, sich um den kleinen Bruder zu kümmern. Er hatte Besseres zu tun, Wichtigeres. Er musste sein Leben führen, das Beste leisten, zu dem er imstande war, bis an die Grenzen gehen. Und er war bereit und willens, diese Aufgabe auf sich zu nehmen, war es immer gewesen.
Lediglich während der pflichtgemäßen Familientreffen, der wenigen Ferien, die er zu Hause verbrachte, bäumte sich das Gespenst auf, wollte ihn nicht los lassen. Bis er wieder fort war, eine Weile fort und eingebunden in sein eigenes Leben, das ihm alles abverlangte.
Mehr als auf alles andere, freute er sich dennoch jedes Mal darauf, Christian wiederzusehen. Mehr als auf seine Eltern, mehr als auf das Zimmer, in dem er seine ersten Jahre verbracht hatte, und das immer noch die Comics und Spielsachen enthielt, für die er damals bereits zu wenig Zeit gehabt hatte.
Und jedes Mal wieder war er überrascht, vielleicht sogar ein wenig erschrocken, sobald er der Veränderungen gewahr wurde, die in dem Jungen vorgegangen waren, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Christian wuchs für ihn in Schüben, verwandelte sich in Sekundenschnelle vom Kleinkind zum Sechsjährigen, vom Schulkind in einen Teenager.
Und immer sah er ihn an mit diesem Ausdruck, den Olaf nur als stumme Frage deuten konnte. Als die Frage, die er sich selbst auch immer stellte: Wie nur brachte Olaf es fertig, ihn so lange alleine zu lassen.
Als Christian größer wurde, sich der Schwelle zum Erwachsenwerden näherte, begann sich zu Olafs Schuldgefühlen etwas anderes zu addieren, etwas, das er lange nicht erkannte, dann verleugnete und das er sich immer weigern würde, zuzugeben. So dachte Olaf.
Und er gab Christian die Schuld. Christian, der sich so anhänglich zeigte, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, sobald er eingetroffen war. Christian, der seine Hände nicht von ihm lassen konnte, der ihn umarmte, sich an ihn hängte, ihm durch das kurze Haar strich, als gäbe es nichts Faszinierenderes auf der Welt. Nichts Faszinierenderes, als die Widerspenstigkeit von Olafs meist streng zurückgekämmten Haar, das er so sorgfältig in Schach hielt, und dem doch nicht viel fehlte, um ihm ein wildes, wirres Aussehen zu verleihen, kamen die Strähnen durcheinander, entwickelten ein Eigenleben und standen plötzlich in alle Himmelsrichtungen ab.
Zu dieser Zeit fiel Olaf auch Christians absurde Frisur auf, die Art, wie er die dunklen Strähnen während des Dinners über die Stirn fallen ließ, um mit seinen dunklen Augen darunter hervor zu linsen. Olaf wusste, dass Christian ihn beobachtete und er wusste ebenso gut, dass Christian glaubte, er würde es nicht merken, dass sein Haarschopf ihn vor der Entdeckung schützte.
Christian war sein kleiner Bruder und er würde es auch immer sein. Auch, wenn es Olaf bislang nicht gelungen war, seiner Rolle nur annähernd gerecht zu werden, so vergaß er doch nicht, worauf es dabei ankam.
Es war seine Pflicht, Christian zu beschützen. Und wenn es sein musste, dann auch vor sich selbst zu schützen.
So dachte Olaf und hob sein Glas an die Lippen, um endlich zu trinken.
Daran änderte sich auch nichts, nachdem Christian erwachsen geworden war, ihr Elternhaus verlassen und sich in einem kleinen, in Olafs Augen schäbigen Apartment eingemietet hatte.
Christian war nun ein Mann, er übte einen Beruf aus, so verächtlich ihre Eltern auch über diesen sprechen mochten, und er führte sein eigenes, selbstständiges Leben, unabhängig von all dem, womit die Familie Olaf für immer an sich gebunden hatte und immer an sich binden würde.
Und Olaf fühlte wieder den leisen Stachel der Eifersucht, der ihn doch noch gelegentlich quälte, erlaubte es sich vorzustellen, wie sein Leben aussähe, hätte er sich von Anfang an gegen die Bevormundung, gegen die Fremdbestimmung von außen gewehrt.
Olaf trank. Die Flüssigkeit rann scharf seine Kehle hinunter. Es hatte keinen Sinn darüber nachzudenken, und Olaf war zu pragmatisch, um weiterhin seine Zeit mit nutzlosen Betrachtungen zu verschwenden.
Selbst wenn es für ihn eine Wahl gegeben hätte, so stünde er nun nirgendwo anders. Er gehörte an diesen Ort, sein Leben gehörte zu ihm. Es war richtig und sofern etwas wie eine Bestimmung existierte, so war dies die seine.
Olaf sah auf, als sich der Schlüssel im Schloss drehte.
Rasch trank er einen weiteren Schluck und füllte dann sein Glas wieder, ohne dabei zuzusehen, wie die Tür sich öffnete. Er wusste auch so, wer es war.
Diese Stadtwohnung war Olafs heimliche Zuflucht. Den wenigsten Menschen gab er die Adresse und der Einzige, der einen Schlüssel besaß, war sein Bruder.
„Chris“, sagte Olaf ohne aufzusehen, lauschte nur dem vertrauten Schritt, dem Plumpsen des Rucksackes, den Christian neben der Tür fallen ließ, ebenso wie dem Geräusch der Jacke, aus der der Jüngere schlüpfte, nur um sie ebenso achtlos auf den Boden fallen zu lassen.
Olaf unterdrückte ein Lächeln. Der Einzige, dem er dies durchgehen ließ, war sein kleiner Bruder. Bei jedem anderen hätte er längst verlangt, dass er seine Sachen ordentlich aufräumte, doch bei Christian war er in der Lage, die Unordnung zu übersehen.
„Was tust du hier?“, fragte er immer noch ohne aufzusehen.
Schnelle Schritte näherten sich und Christian ließ sich mit einem Seufzer neben ihm auf das Sofa sinken.
Erst jetzt wand Olaf sich zu ihm um und erschrak leicht über die Blässe in Christians Gesicht.
„Was ist los?“, fragte er unwillkürlich und es gelang ihm gerade noch seine Hand zu stoppen, die sich wie von selbst auf Christians legen wollte.
„Was ist geschehen?“ Doch Christian schüttelte nur den Kopf, erlaubte es seinen Strähnen das bleiche Gesicht zu verdecken.
Und noch ehe Olaf wusste wie ihm geschah, hatte der Jüngere seine Arme um ihn geschlungen und sich gegen ihn gelehnt. So wie er es Jahre zuvor, noch ehe er zum Mann geworden war, noch ehe er zumindest ein Mindestmaß an Zurückhaltung gelernt hatte, stets getan hatte.
Olaf erschauerte und er verwünschte den letzten Drink, wusste er doch nur zu gut, wie es um seine Selbstkontrolle unter Alkoholeinfluss bestellt war. Auch ohne benötigte er wenig Überredungskunst, gab er seinem Verlangen zu oft und zu rasch nach, als gut für ihn war.
Doch wenn er getrunken hatte, fand er sich gelegentlich in Situationen wieder, die ihm noch im Nachhinein die Schamesröte in die Wangen trieben.
Am schlimmsten war es, wenn er sich am Morgen den großen Augen eines jungen Mannes gegenübersah, eines Mannes, der verdächtige Ähnlichkeit mit Christian aufwies, der lange, dunkle Haare trug, hinter denen er sein jugendliches Gesicht versteckte. Eines Mannes, der für sein Alter fast zu schmächtig wirkte und der dennoch, wenn es um das Eine ging, eine Direktheit an den Tag legte, die Olaf erröten ließ.
Jedes Mal wieder verabscheute er sich selbst im Nachhinein, verabscheute sich für diese kranke Begierde, für das Verlangen, von dem er genau wusste, dass er es niemals zulassen durfte, wenn nicht alles noch viel schlimmer, noch viel schwieriger werden sollte, als es ohnehin schon war.
Deshalb bemühte Olaf sich, seinen Alkoholkonsum in Grenzen zu halten. Deshalb trank er meist nur hinter verschlossenen Türen, wenn er sicher war, und wenn er sich in ausreichender Entfernung zu Christian aufhielt.
Doch jetzt war Christian bei ihm und Olaf spürte die Wärme seines Körpers, fühlte das seidig weiche Haar, das seinen Hals kitzelte. Und er stöhnte leise.
„Was ist?“, war es diesmal an Christian zu fragen. „Was hast du?“
Doch Olaf schüttelte nur seinen Kopf, unfähig zu antworten. Er presste seine Zähne zusammen, spürte seinen Körper erzittern, als Christians Hand seinen Arm hinauf wanderte.
„Es ist in Ordnung“, flüsterte Christian. „Ich fühle es auch.“
Nieselregen
Er stand auf dem Dach und hielt sein Gesicht dem Regen entgegen, als fühle er ihn zum ersten Mal.
Sein Haar klebte an der Stirn und seine Kleider waren bereits durchtränkt, obwohl es sich um nicht mehr als ein leichtes Nieseln handelte.
Doch er befand sich inzwischen lange genug an dieser Stelle, um die kalte Flüssigkeit wie eine nasse Folie auf seiner Haut zu spüren.
Es war ein gutes Gefühl. Der Regen kühlte die Hitze, die in ihm aufstieg. Hitze, die einzuordnen ein Problem darstellte, über das Sebastian sich noch weigerte nachzudenken.
Und wenn doch, dann versuchte er sich davon zu überzeugen, dass es Scham war, die sein Gesicht glühen ließ, Scham, die ihn dazu trieb, sich vor den Blicken anderer zu verstecken, indem er über die Nottreppe den Weg auf das flache Dach des Gebäudes wählte.
Andererseits glich die Scham, die er fühlte, gefährlich der Erregung, die er zu leugnen suchte.
Sebastians Augen blieben geschlossen, als er den Mund öffnete, spürte, wie die feinen Tropfen Lippen und Zunge benetzten.
Es war einfach zu lächerlich. Wie ein kleiner Junge stand er dort in der Dunkelheit und versuchte vergeblich, den tobenden Herzschlag zu besänftigen, das Rauschen des Blutes in seinen Ohren zu ignorieren. Und das nur, weil er sich endlich überwunden hatte, die Wahrheit zu sagen.
Sebastian öffnete mit einem Ruck die Augen, presste zugleich seine Lippen zusammen. Bis jetzt war es ihm gelungen, die Konsequenzen seines Handelns zu verdrängen.
Doch nun überfielen sie ihn mit wilder Macht, legten sich schwer auf seine Brust und lähmten seine Atmung, bis er plötzlich zu ersticken glaubte.
Sebastian nahm einen tiefen Atemzug und starrte in die Nacht. Er konnte nichts erkennen mit Ausnahme der dünnen Fäden des Regens, in denen sich das Licht der Straßenlaternen spiegelte, eine ständige Bewegung erzeugte, die zu seiner Nervosität beitrug.
Was, wenn Adam ihn nun hasste. Er hatte keinen Grund zu glauben, dass der Mann seine Gefühle erwiderte. Und nur weil Sebastian in einem weinseligen Moment seinen Kopf verlor, nicht anders konnte, als ihn in den Lagerraum des Büros zu ziehen, und ihm mit gesenktem Blick zu offenbaren, dass er, seit er unter ihm arbeitete, sich auch wünschte unter ihm zu liegen, hieß das lange nicht, dass Adam diese Meinung teilte, geschweige denn dass er sie tolerierte.
Sebastian schloss seine Augen. Diese verdammten Betriebsfeiern. Er schüttelte den Kopf, dass sein nasses, ein wenig zu langes Haar zusätzliche Tropfen versprühte.
Oder dieser verdammte Alkohol, wenn er schon ehrlich zu sich war. Es war schließlich nichts Neues, dass er nichts vertrug, was sich auch nur geringfügig auf seine Gehirnchemie auswirkte. Jeder einzelne Schluck führte unweigerlich in eine Peinlichkeit oder Katastrophe. Oder wie in diesem Fall in beides.
Sebastian wischte sich mit beiden Händen durch sein Gesicht. Die Hitze verflog und seine Finger berührten klamme Haut. Eine Rasur konnte er auch vertragen. Sebastians Gedanken sprangen im Quadrat, als er seine Finger wieder senkte und die bleichen Handrücken betrachtete.
Wie käme er auch darauf, dass Adam sich nur im Geringsten von einem Anfänger wie ihm angezogen fühlte. Von jemandem, der zu tief ins Glas sah, und sich dann zu viel herausnahm.
Wieder biss er sich auf die Lippen. Das hatte er großartig hingekriegt. Sein Mantel klebte inzwischen an seinem Körper und Sebastian erschauerte.
Was für ein Dilemma.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sebastian blinzelte. Eine dunkle Gestalt stand neben der Tür, die ihn auf das Dach geführt hatte.
Sebastian blinzelte erneut, doch mehr als einen Umriss konnte er nicht erkennen. Er senkte den Kopf und strich sich nervös das nasse Haar aus der Stirn.
Die Gestalt kam näher und Sebastians Herz stockte. Das konnte nicht sein. Es war nicht möglich.
Doch mit jedem Schritt schwand ein Stück seines Zweifels, bis er sich sicher war.
Sebastian drehte sich verlegen zur Seite. Und obwohl er nur unter dem Vorhang seiner nassen Haare und aus seinen Augenwinkeln hervor blinzelte erkannte er mit jeder Faser, jedem Nerv seines Körpers den Mann, der letztendlich vor ihm stehen blieb.
Sebastian fühlte Adams Lächeln auf seinem Gesicht und neigte sein Gesicht tiefer, wohl wissend dass sein Haar nun dazu diente, die aufsteigende Röte zu verbergen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagte die sanfte Stimme tadelnd. Wie oft hatte Sebastian sich gewünscht aus diesem Mund Worte zu hören, die nicht mit der Arbeit zu tun hatten, Worte, die persönlicher waren als „Guten Morgen“ oder „Auf Wiedersehen.“
Er wollte sich räuspern, wollte etwas erwidern, doch die Laute blieben in seinem Hals stecken.
Und plötzlich fühlte Sebastian, wie eine Hand sein gesenktes Kinn berührte, wie dieses behutsam angehoben wurde. Und anstatt zurückzuzucken gab Sebastian der Bewegung willig nach, hob sein Gesicht und blinzelte unter den Regentropfen, die in seinen Wimpern hingen, hervor.
„Ich …“, versuchte er zu sagen, doch in diesem Moment sah er es. Adam lächelte. Trotz der Dunkelheit erkannte Sebastian den warmen Schein in den Augen des Älteren. Adam neigte sich näher zu ihm. „Hast du gedacht, du könntest davonlaufen?“
„Ich wollte nicht …“ Sebastians Stimme klang heiser, brach, als Adam sich noch ihm noch ein weiteres Stück näherte, als sein Mund sich Sebastians Ohr näherte. „Was wolltest du nicht?“, flüsterte er. „Mich dazu bringen, dir zu folgen? Dich zu suchen?“
Adam schüttelte den Kopf und lachte leise, eine Vibration, die Sebastian zittern ließ, sich in Hitze verwandelte, die direkt in seinen Schoß wanderte.
„Ich bin fast verrückt geworden, als ich dich nicht sofort gefunden habe“, wisperte Adam. „Nach dem, was du mir gesagt hast?“ Er legte seine Hand auf Sebastians klammen Ärmel. „Und dann einfach wegzulaufen.“ Adam schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich glaube, du möchtest, dass dir jemand Manieren beibringt?“
Sebastian schluckte, wandte den Kopf, so dass er direkt in Adams Augen sah. Kleine Fältchen bildeten sich in dessen Augenwinkeln und Sebastian sehnte sich danach, diese küssen zu dürfen.
„Ja“, flüsterte er. „Bitte.“
Und Adam lächelte.
Stern
„Geh nicht“, flüsterte Lasse in Giovannis Ohr. „Ich kann nicht so lange ohne dich sein.“
Giovanni hielt den jüngeren Mann fester, zog ihn näher an sich, obwohl größere Nähe physisch kaum möglich schien. „Ich muss“, antwortete er leise in Lasses Ohr. „Ich habe es dir doch erklärt. Es… es ist zu schwer für mich.“
Lasse lehnte seinen Kopf an Giovannis Schulter, rieb seine Wange gegen den kratzigen Wollpullover. „Bitte bleib bei mir“, flehte er noch einmal.
Giovanni atmete mit einem Seufzer aus, einem Laut, der zugleich Schmerz als auch Erleichterung ausdrückte. „Dann komm mit mir“, flüsterte er. „Wir könnten zusammen sein. Wir könnten an Deck schlafen, über uns die Sterne.“
Lasse schluchzte. „Du weißt, dass ich nicht gehen kann“, wisperte er. „Es gibt zu vieles hier, zu viele Verpflichtungen, zu viele Zwänge.“
„Und genau deshalb muss ich gehen“, antwortete Giovanni. „Ich kann dir nicht dabei zusehen, wie du dich zerstörst, wie du all das versteckst, was dich ausmacht, wofür du bestimmt bist.“
„Ich verstecke nichts“, wehrte sich Lasse. „Das ist mein Leben. Meine Pflichten, meine Beziehung, meine Familie – alle verlassen sich auf mich. Keiner könnte es verstehen.“
„Du gibst ihnen auch keine Chance.“ Giovanni drückte Lasse einen Kuss auf die Stirn. „Aber das ist in Ordnung. Das bist du. So bist du, und ich liebe dich auch aus diesem Grund, weil du so bist.“
„Giovanni“, flüsterte Lasse und barg sein Gesicht an Giovannis Schulter. „Es… es tut mir so leid.“
„Stell dir nur vor, wie es sein könnte“, sagte Giovanni auf einmal heiser. „Stell dir nur für einen Augenblick vor, was wäre, wenn wir uns nicht auf diesem Steg befänden. Wenn ich nicht die Leine des Bootes hinter mir wüsste, bereit gelöst zu werden, sobald ich meinen Fuß auf das Schiff setze. Wenn wir nicht hier wären, Gefangene unserer Leben, all der Pflichten, die uns eine verschwendete Zeit, die wir ohne einander verbringen, auferlegten.
Lasse schloss die Augen und stellte es sich vor. Seine Hände krallten sich in den Stoff der Kleidung, die Giovanni trug, und er fühlte, wie der andere seine Arme enger um ihn schlang, wie er ihn emporhob, ihn in eine Fantasie entführte, die er bislang nur vage und mit wenigen Worten entworfen hatte.
Die Luft trug ihn, ebenso wie Giovanni ihn trug, bis sie mit einem Ruck an ihrem Ziel ankamen. Lasse blinzelte, als der Boden unter seinen Füßen zuerst vibrierte und dann begann zu schwanken. Oder er hatte schon immer geschwankt, nur dass Lasse die Bewegung jetzt erst wahrnahm. Keine unangenehme Bewegung, eher ein sanftes Schaukeln, das weder Sorgen noch Unruhe verursachte. Nicht, solange Giovanni ihn festhielt, solange er seine starken Arme um Lasse geschlungen hielt und keine Anstalten unternahm, keinen Versuch, ihn jemals wieder loszulassen. Lasse schloss die Augen erneut und stieß einen zufriedenen Seufzer aus, der von einem tiefen Lachen beantwortet wurde, welches schwach an sein Ohr drang, welches er mehr in Giovannis Brust spüren konnte, als dass er es hörte.
„Was ist so lustig“, flüsterte er gegen den warmen Stoff, ohne seine Augen wieder zu öffnen. Stattdessen rieb er seine Stirn gegen den Körper des Größeren und seufzte erneut zufrieden.
„Nichts“, wisperte Giovanni zurück. „Nur deine Fantasie. Sieh, wohin du uns gebracht hast.“
Lasse deutete ein schwaches Kopfschütteln an. „Ich will es nicht wissen“, gab er zu. „Ich will nur sein, wo du bist.“
„Sieh nur hin“, ermunterte ihn Giovanni erneut. „Wir sind alleine. Du hast uns an den ruhigsten, einsamsten und gleichzeitig schönsten Ort geführt, den ich mir nur erträumen könnte.“
„Und wo sollte das sein?“ Nun blinzelte Lasse doch, drehte seinen Kopf und schmiegte seine Wange gegen den Stoff, während er aufsah. „Oh“, stieß er hervor.
„Nicht wahr?“, lachte Giovanni glücklich.
„Wo sind wir?“, fragte Lasse. „Es sieht aus als flögen wir… durch die Sterne.“
Amüsiert schüttelte Giovanni seinen Kopf. „Auf ruhiger See“, antwortete er leise. Die Sterne spiegeln sich in der glatten Oberfläche und wir schweben. Wir schweben über das Wasser.“
„Ja“, murmelte Lasse. „Und wir sind allein.“
„Niemand kann uns sehen“, bestätigte Giovanni. „Niemand wird je wissen, wo wir sind, oder was wir tun.“
„Dann lass uns hier bleiben“, antwortete Lasse. „Auf unserem eigenen Stern. Wie ich wünschte, dass es immer so sein könnte. Wenn du nur wüsstest wie sehr.“
„Aber das weiß ich doch“, flüsterte Giovanni zärtlich. „Glaub mir, ich weiß es.“
Jugendfreier Original Slash
Gay Romance
Weihnacht im Camp
Marvin saß auf seiner Pritsche, die Beine angezogen, die Hände vor den Knien verschränkt. Sein Kopf lehnte rückwärts gegen die Wand, seine Augen starrten auf das stabile Drahtgeflecht, das die Matratze über seinem Schlafplatz an ihrem Ort hielt. Die Gedanken traten ihre Wanderung an, verirrten sich, stockten immer wieder an der gleichen Stelle, bevor sie zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrten.
Das Training war hart, unerträglich fast, und dauerte bereits viel zu lang. Marvin konnte kaum fassen, dass er die Hälfte bereits überstanden hatte. Doch noch viel weniger konnte er fassen, erst jetzt erkannt zu haben, dass er die lange Zeit niemals ohne diesen einen Menschen überstanden hatte. Und am meisten wunderte ihn die Festigkeit der Überzeugung, mit der er diese Tatsache als gegeben ansah. Ohne Ian hätte er längst aufgegeben. Ohne Ian hielt ihn nichts in diesem schäbigen Camp, dieser öden Umgebung. Ohne Ian fiele es ihm nicht ein, auch nur in Erwägung zu ziehen, die unzumutbaren Befehle und Aufgaben, die sich die Schleifer aus den Fingern sogen, zu befolgen.
Was für einen Sinn sollte es auch haben, sich Menschen zu unterwerfen, die lediglich aufgrund ihrer Uniformen und ihrer Dienstjahre glaubten, sich alles herausnehmen zu können.
Wenn er das wollte, dann wäre er auf der Straße geblieben. Wenn er sich aufzugeben wünschte, dann bekäme er dort ausreichend Gelegenheit. Doch jedes Mal, wenn ihn das Bedürfnis überkam, alles hinter sich zu lassen, wenn er den Drang in sich spürte, davon zu laufen, so wie er damals aus seinem Elternhaus davongelaufen war, dann tauchte Ians Bild in seiner Vorstellung auf. Dann sah er Ian vor sich, so wie er ihm das erste Mal begegnet war, an ihrem ersten Tag. Er sah dessen dunkle Augen, das schwarze Haar, mit Wasser glatt an den Kopf gekämmt. Den warmen, kräftigen Haut-Ton, der irgendwo zwischen Bronze und Kupfer schwankte. Den aufrechten Wuchs, die schlanke Gestalt, die ihn, wie Marvin selbst aus der Entfernung erkannt hatte, um mindestens einen Kopf überragte.
Erst viel später, als sie sich besser kannten, erfuhr er, dass Ians Vorfahren aus Südostasien stammten, dass darin der Grund für sein exotisches Aussehen lag. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass irgendwo in dem Mix seiner Ahnen sich ein Cherokee tummelte. Vielleicht verlieh ihm die Unklarheit seiner Herkunft den Zauber, das Unwiderstehliche, dem Marvin sich nicht entziehen konnte.
So jemandem wie Ian war er nie zuvor begegnet. Ruhig, fast einsilbig, und doch klarer in seinen ausgewählten Aussagen, als jeder andere es zu sein vermochte, der redenschwingend versuchte, sich aus der Menge hervorzuheben. Wenn Ian sprach, dann hörte man ihm zu. Wenn er einen Entschluss fasste, dann hatte dieser Hand und Fuß. Es kam Marvin beinahe so vor, als wüsste Ian immer genau, was er zu tun hatte, als führte eine unsichtbare Macht den Dunkelhaarigen durch dessen Leben.
Eine Macht, die in Marvins Leben fehlte, die für ihn nicht existierte. Die er vielleicht aber auch einfach nicht erkannte. Die sich unter all dem anderen Müll, den Unsicherheiten und Seelenqualen verbarg, die er Tag für Tag mit sich herumschleppte.
Marvins Augen folgten den Linien über seinem Kopf, die sich, je länger er auf sie starrte, immer mehr verwirrten und verzerrten. Die Muster wanderten, verzogen sich und begannen vor ihm zu tanzen, bis er es nicht mehr aushielt und die Augen schloss.
Ein Geräusch ließ ihn aus seinem Traum aufschrecken. Marvin blinzelte und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Abschnitt der Baracke, den er von seiner Position aus wahrnehmen konnte.
Eine schlanke Gestalt hielt in ihrem Weg inne. Ian bückte sich, bis Marvin auch sein Gesicht erkennen konnte und sah den Blonden erstaunt an. „Was tust du noch hier?“, fragte er mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Marvin wich Ians Blick aus. „Ich fahr nicht“, antwortete er kurz.
„Okay?“ Ians Augenbrauen wanderten nach oben. „Ich dachte nur…“ Er verstummte.
Marvin zögerte, doch entschlossen rutschte er vorwärts und schwang seine Beine über die Bettkante.
„Was dachtest du?“, fragte er neugierig.
Ian sah ihn wieder an, lächelte kurz. „Ich dachte, ich wäre der einzige, der die Feiertage hier verbringt. Bis jetzt war ich es zumindest.“
Jetzt war es an Marvin erstaunt auszusehen. „Du warst schon öfter über Weihnachten alleine?“
Ian nickte und zuckte mit den Schultern. „Bin ich gewohnt. Weihnachten ist kein Festtag für mich.“
Marvin biss sich auf die Lippen. „Und Familie?“, rutschte es ihm heraus, noch bevor er sich bremsen konnte.
Wieder zuckte Ian mit den Achseln. „Existiert nicht. Bis auf meinen Onkel sind alle gestorben, und der ist froh, wenn er von mir nichts hört oder sieht.“
„Aber…“ Marvin errötete, peinlich berührt, dass er den anderen praktisch ausgefragt hatte.
Ian legte seinen Kopf schief. „Ist schon okay“, meinte er, als habe er Marvins Gedanken gelesen. „Ich könnte dich dasselbe fragen.“
Das Rot in Marvins Gesicht vertiefte sich.
Ian grinste. „Ich tu’s aber nicht“, sagte er und richtete sich auf, schickte sich an, den Raum zu durchqueren und seinen eigenen Schlafplatz aufzusuchen.
„Warte.“ Marvin beugte sich vor. „Wenn du…“
Er wollte ihm mitteilen, dass es kein Problem für ihn darstellte, wenn der andere ihn ebenso ausfragen wollte, doch im letzten Moment besann er sich eines Besseren. Eigentlich wünschte er sich wirklich nicht, dass irgendjemand aus diesem Leben, über seine Vergangenheit Bescheid wusste. Die war abgeschlossen und beendet. Die Akten unter Verschluss. Watson hatte ihm versichert, dass niemand außer ihm Zugang zu Marvins richtigem Namen, zu seiner Geschichte und seiner Herkunft erhielte. Ohne Watson befände er sich immer noch in der aussichtslosen Situation, aus welcher der Mann ihn aufgelesen hatte.
Und doch – manchmal – nur manchmal – fragte Marvin sich, ob er sich wirklich eine Verbesserung eingehandelt hatte, indem er sich damals in die Hände des ehemaligen Studienfreundes seines verhassten Vaters begeben hatte.
Er biss sich auf die Zunge, kehrte in die Gegenwart zurück.
„Wir… wir könnten doch… also, ich meine, wenn du sowieso auch hier bleibst…“
Ian stand schon in der Tür, doch sah sich über die Schulter um. In seinen Augen glitzerte es belustigt.
„Klar, Marvin. Warum nicht?“
Marvin ließ sich erleichtert zurücksinken. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ein Lächeln, das vielleicht mehr dümmlich als selig wirken mochte. Aber das störte ihn nicht. In diesem Moment konnte er an nichts anderes denken, als an das Glitzern in Ians Blick und an die Möglichkeit mindestens drei Tage mit ihm zu verbringen. Mit ihm in seiner Nähe. Ohne dass ihn Trainer, Schleifer oder gehässige Kameraden ablenkten. Es genügte ihm, dass er Ian einfach besser kennenlernen konnte, dass er Gelegenheit bekam, sich mit ihm zu unterhalten, etwas über ihn zu erfahren. Hoffentlich viel mehr, als er bisher über ihn gelernt hatte.
Das Camp war gähnend leer. Die eisige Kälte, der pfeifende Wind, der über Ausbildungsplätze, Gebäude und durch die dünnen Wände fuhr, befahlen den wenigen Posten, die das Los gezogen hatten, den Ort vor unliebsamen Besuchern zu schützen, sich innerhalb von mindestens vier Wände zurückzuziehen. Nicht dass es an dieser vergessenen Ecke der Welt etwas zu stehlen gäbe. Es hatte durchaus seinen Grund, das Ausbildungscamp fernab von jeder Zivilisation aufzuschlagen. Wurden dort doch Kräfte ausgebildet, die, bevor sie zur Anwendung gelangen konnten, an ihre Grenzen und darüber hinaus katapultiert wurden.
Ohne Verletzungen, ohne Schmerzen, ohne dass eine Seele nach der anderen gebrochen wurde, ließ sich das gesetzte Ziel nicht erreichen. Und jede Form der Ablenkung, jede Form von Versuchung erschwerte das Vorhaben, Männer zu Soldaten zu formen, die weder Rücksicht, noch Erbarmen kannten. Die bereit waren, alles und jeden zu opfern, inklusive der eigenen Person, wenn es um das Große und Ganze ging, um das hehre und zugleich bedeutungslose Ziel, dem diese Einrichtung sich verschrieben hatte.
‚Leere Worte‘, dachte Marvin und wiederholte damit einen Gedanken, der ihn seit seinem Eintritt plagte. Er schlug seine Arme um den Körper im vergeblichen Versuch, sich zu wärmen. ‚Anscheinend ist es ihnen bei mir noch nicht gelungen. Anscheinend steht mir der Zusammenbruch noch bevor, oder auch das totale Versagen.‘
Dabei war die Entscheidung zu diesem Leben nicht von ungefähr gekommen, nicht schwergefallen. Sie war die natürliche Konsequenz seiner bisherigen Handlungen, der einzige Weg, der ihm geblieben war.
Mit vor Kälte brennenden Augen verfolgte er die Atemwolke, die in der kalten Luft aufquoll, bevor sie langsam begann sich aufzulösen, ohne dass ihre Wärme an der Temperatur der Umgebung etwas änderte.
Ian hatte er seit dem Vormittag nicht mehr gesehen. Als habe der sich wissentlich vor ihm zurückgezogen. Marvin scheute sich, in den benachbarten Schlafraum einzutreten. Obwohl er nicht wirklich wusste, was ihn davon abhielt. Vielleicht fürchtete er die Ablehnung, vielleicht fürchtete er, seinen Enthusiasmus zu offen darzulegen.
Vielleicht ahnte er, dass Ian auf seine eigene unnachvollziehbare Art, mehr über ihn wusste, als er durfte. Fürchtete, dass dieser ihn ablehnte, wenn er erst in seine Seele gesehen hatte. Vielleicht war es Ian kein Geheimnis geblieben, dass Marvin zu manchen Zeiten, wenn es besonders schwer für ihn war, sich nicht scheute, von Bett zu Bett zu gehen auf der Suche nach Ablenkung, nach Erleichterung, nach Erlösung.
Ian sah mehr als andere. Davon war Marvin überzeugt. Und ebenso überzeugt war er von Ians Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen und Konsequenzen unerbittlich durchzusetzen. Vielleicht war es nicht der Gedanke an Zurückweisung, der Marvin fernhielt. Mit Zurückweisung konnte er umgehen.
Seinen Stolz, seine Selbstachtung hatte er verloren, als er zum ersten Mal vor einem Mann für Geld in die Knie gegangen war. Aber der Gedanke, in diesen schwarzen Augen ein Gefühl wie Verachtung zu lesen, erschreckte Marvin mehr, als er vor sich zugeben konnte.
Ian hatte zugegeben, allein zu sein. Sein Leben war mit Sicherheit nicht leichter gewesen als Marvins eigenes. Das bewiesen schon die zahlreichen Narben, die Ians Hüften und Schultern bedeckten. Dennoch trug der sein Schicksal mit Würde. Ian wäre nie zu dieser erbärmlichen Figur geworden, zu diesem Schatten eines Menschen, als der Marvin sich durch die langen Jahre seiner Jugend geschleppt hatte.
Plötzlich legte sich eine kalte Hand auf seine Schulter. „Was machst du hier draußen?“, fragte Ian.
„Ich… ähm. Frische Luft schnappen“, murmelte Marvin verlegen, als wäre er bei einer Indiskretion ertappt worden.
„Ah.“ Ian schwieg, ließ jedoch seine Hand auf Marvins Schulter ruhen. Erst nach einer Weile hob er an zu sprechen. „Wenn du noch länger hier bleibst, ohne dich zu rühren, holst du dir eine Lungenentzündung. Dann wird es schwierig werden, dreißig Kilometer am Stück zu laufen.“
„So besorgt?“ Marvin hatte nicht beabsichtigt, bitter zu klingen, doch die Kälte und eine seltsame Anspannung ließen die Worte aus seinem Mund strömen, ohne dass er direkten Einfluss auf deren Tonfall nehmen konnte.
Ians Hand glitt von Marvins Schulter herab. Marvin hörte, wie der andere scharf den Atem einsog. Rasch drehte er sich um.
„Ich meine, du hast recht“, beeilte er sich zu murmeln, ohne Ian anzusehen. „Es ist nicht sehr schlau, hier in der Kälte zu warten und sich die Füße abzufrieren.“
Ian sah ihn prüfend an. „Dann komm doch rein“, sagte er. Ich hab Tee aufgesetzt. Eigentlich nutze ich es immer aus, die Alleinherrschaft über alles zu besitzen.“
„Kein lästiges Anstehen mehr“, ergänzte Marvin.
„Endlich Zeit zum Duschen“, grinste Ian.
„Ausschlafen?“, fragte Marvin.
„Es ist Weihnachten“, bestätigte Ian. „Irgendetwas müssen doch auch wir davon haben.“
Ein dankbares Lächeln auf den Lippen folgte Marvin dem Größeren ins Innere des Gebäudes. Sie durchquerten die verlassenen Gänge, deren dünne Wände die Kälte nicht vermochten abzuhalten und gelangten schließlich in den vorderen Schlafraum, der eine kleine Kochnische als besonderen Luxus enthielt.
Für gewöhnlich achteten die Besitzer der nahe gelegenen Betten genau auf die Exklusivität dieser Ausstattung. Was bedeutete, dass die Wenigsten in den Genuss kamen, sie für sich nutzen zu durften. Umso behaglicher war es, dem brodelnden Teekessel bei seiner Arbeit zuzusehen, den Geruch der frisch überbrühten Blätter mit allen Sinnen aufzufangen und sich schließlich an dem warmen Getränk zu laben.
Erst als Marvins Körper sich an das wohlige Gefühl, das seinen Magen durchströmte, gewöhnt hatte, ergriff Ian die blecherne Kanne, sowie seine eigene Tasse und winkte Marvin wie selbstverständlich, ihm zu folgen. Marvin zögerte ein wenig, als sie an der Schwelle zu Ians, nun von ihm allein besetzten Schlafraum, ankamen. Doch Ian drehte sich zu ihm um, lächelte dunkel, als könnte er seine Zurückhaltung verstehen. „Komm“, sagte er leise. „Ich habe da etwas, das dich sicher interessieren wird.“
Marvin hob die Augenbrauen, doch er folgte Ian. Was auch immer der im Sinn haben mochte, Marvin fiele sicher schwer, es ihm zu verwehren.
Ian führte ihn quer durch den Raum, knipste lediglich das kleine Oberlicht an der Seite an, gegen deren Wand sein Bett gelehnt war. Er zog den klapprigen Tisch, der die Ecke des Zimmers ausfüllte und für gewöhnlich am ehesten von den wenigen Briefe-Schreibern oder lesefreudigen Camp-Bewohnern besetzt wurde, hervor. Nun war der leer und Ian setzte mit elegantem Schwung seine Tasse und die Kanne darauf ab. Er lächelte als Marvin beinahe zaghaft näher kam, streckte langsam die Hand aus und nahm ihm die Tasse ab, um sie neben seine zu stellen.
Er winkte einladend in Richtung seines Bettes und ließ sich gleichzeitig mit Schwung selbst darauf nieder. Er beugte sich hintenüber, so dass sich seine lange Gestalt zusätzlich dehnte und griff mit geübter Hand unter das Nachbarbett. Als er wieder hoch kam, umklammerten seine Finger eine viereckige Flasche mit einer golden schimmernden Flüssigkeit.
„Hier.“ Lächelnd hielt er sie Marvin entgegen. „Was sagst du?“
Marvin erwiderte das Lächeln und legte den Kopf schief, eine eingehende Prüfung vortäuschend. „Nicht übel. Wo hast du die her?“
Ian zuckte mit den Schultern. „Verdient“, antwortete er. „Ich trinke nur normalerweise nicht.“
Marvin nahm ihm die Flasche ab und hielt sie schräg gegen das Licht, so dass ihr Inhalt mild glänzte.
„Wie kommt es, dass du sie hast bewahren können?“ Marvin stellte sich nur für einen Augenblick vor, wie seine Schlafgenossen reagieren würden, bekämen sie Wind von einer seltenen Kostbarkeit wie dieser.
Ian sah ihn prüfend an. Beinahe schien es Marvin, als könne der die Bilder in seinem Kopf empfangen. Doch dann wandte der Dunkelhaarige den Blick ab. Sein Lächeln verbreiterte sich.
„Es würde sich keiner getrauen, mir etwas weg zu nehmen“, stellte er fest. Marvin stellte die Flasche ab und sah Ian entwaffnend an.
„Das kann ich mir vorstellen“, sagte er schließlich. Wenn er ehrlich war, dann konnte er es sich sogar besser vorstellen, als er vermutet hätte. Auch wenn Ian kein Riese war, weder besonders groß, noch ein Muskelprotz, so bewiesen seine stets aufrechte Haltung und schlanke Gestalt, dass sein Körper durchtrainiert und gestählt eine Ahnung davon erlaubte, wie sich die Auseinandersetzung mit ihm anfühlen würde. Zudem hatte Marvin Ian mehr als einmal beim Sport beobachtet. Hatte ihn sogar genau genug beobachtet, um von dem Spiel der Muskeln unter dem leichten Baumwollshirt so abgelenkt zu werden, dass er seinen eigenen Einsatz wiederholt verpasste.
Es war ein Vergnügen, Ian zuzusehen. Sein Gang besaß etwas zugleich Federndes und doch auch Festes. Er drehte sich mit einer Eleganz, die Ihresgleichen suchte. Sein Sprung gewann von Mal zu Mal an Höhe. Die Sicherheit, mit der er den Ball fing und führte, vermittelte ausgeklügelte Präzision. Selbst wenn der Stoff schweißnass an seinem Oberkörper klebte, die Haare, die immer einen Tick zu lang waren für den Ort an dem sie sich befanden, doch die niemand sich getraute, ihm abzuschneiden, um sein Gesicht flogen, um schließlich daran kleben zu bleiben, erschien er Marvin immer noch als der erstrebenswerteste Mann in seinem Universum.
Nicht, dass Marvin dies etwa zugäbe. Zumindest nicht vor jemand anderem, als vor sich selbst. Seine Besorgnis, dass manch einem die Faszination nicht unbemerkt bliebe, mit der er Ian begegnete, war nicht unbegründet. So ziemlich jeder, der näher mit ihm zu tun hatte, wusste wie Marvin tickte.
Ian dagegen blieb ein Geheimnis. Hauptsächlich existierten Gerüchte, doch wenn es um konkrete Informationen ging, zeigten sich die Befragten, so bewandert sie auch sonst sein mochten, ratlos. Ian blieb ein Mysterium, in jeder Hinsicht. Sogar in der, die seine Sexualität betraf.
Doch die Frage existierte. Und je länger Marvin in Ians Nähe blieb, desto drängender wurde sie, wenigstens für ihn.
Ian hatte sich wieder aufgerichtet und begann am Verschluss der Flasche zu nesteln.
„Willst du stehen bleiben?“, fragte er belustigt und Marvin reagierte sofort. Peinlich berührt ob seiner Langsamkeit ließ er sich rasch neben den anderen sinken.
„Nein, bestimmt nicht“, beeilte er sich zu versichern und atmete genießerisch den Duft ein, welcher der geöffneten Flasche entströmte. „Guter Stoff“, meinte er anerkennend. „Was hast du dafür getan?“
Ian schenkte mit Schwung in beide Tassen eine beachtliche Portion des Getränks. „Das willst du nicht wissen“, erwiderte er. Als Marvin sich zu ihm drehte, bemerkte er zum ersten Mal einen bitteren Zug um den Mund des Dunkelhaarigen.
Schnell richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tassen und streckte unsicher die Hand nach seiner aus. Vermischt mit der Wärme des Tees, verteilte sich der Geruch des Alkohols im Raum. Die Moleküle tanzten in der Luft, schienen geradewegs durch die Nase in Marvins Gehirn zu wandern. Als er sich wieder zu Ian umblickte, war das Bittere aus dessen Gesichtszügen verschwunden, und Marvin kam es vor, als habe er es sich nur eingebildet.
Er ergriff seine Tasse und nickte Ian dankbar zu. Eigentlich war es kein Wunder, dass seine Phantasie ihm permanent Streiche spielte, nicht solange er seine Vergangenheit nicht endgültig abzuschütteln wusste.
Und wer behauptete, dass es jedem so gehen müsse, wie es ihm selbst ergangen war?
Es gab unzählige Möglichkeiten für einen Gefallen, den Ian jemandem für diesen Preis erwiesen hatte. Wahrscheinlich eine Arbeit abgenommen, einen Sieg im Sport errungen, oder auch nicht errungen. Marvin würde sich nicht erdreisten, eine Meinung darüber zu bilden, so geheim und verborgen sie auch sein mochte.
Er hob die Tasse an die Lippen, atmete genießerisch den Duft ein, der ihm nach den erzwungenen Wochen Abstinenz wie das göttlichste Ambrosia vorkam, und nahm schließlich einen kräftigen Schluck. Er schmeckte das scharfe Getränk auf seiner Zunge, fühlte, wie es die Kehle hinunter rann. Vielleicht war es nicht der beste Tropfen, aber dennoch einer der angenehmeren Wege, der trostlosen Wirklichkeit zu entfliehen.
„Danke“, seufzte Marvin und schloss die Augen. „Ist einfach schon zu lange her.“ Als er seine Augen wieder öffnete, sah er Ian vor sich, der ihn belustigt anblickte.
„Ist das so?“, fragte dieser neckisch. „Da bin ich ja froh, dass ich für die richtige Weihnachtsstimmung sorgen konnte.“
„Das kannst du allerdings“, bekräftigte Marvin und fühlte, wie sich die wohlige Wärme in ihm ausbreitete. „Das ist definitiv eines der besseren Weihnachtsfeste für mich.“
Ian verengte seine Augen zu Schlitzen und Marvin fiel auf, dass er zwar die Tasse hielt, aber noch immer nicht davon getrunken hatte, als er schließlich über ihren Rand hinweg sprach. „Die anderen können aber doch nicht so schlimm gewesen sein.“
Marvin schüttelte den Kopf. „Das kommt ganz auf den Blickwinkel an“, antwortete er ausweichend und nahm noch einen Schluck. Das warme Gefühl verteilte sich mit seinem Blut, strömte durch die Glieder und erhitzte ihn angenehm von innen. Nach einem weiteren Schluck spürte er, wie sich seine Zunge löste, und zu seinem Erstaunen empfand er auch dies als angenehm. Und ehe er sich versah, hatte Marvin sich komfortabel zurückgelehnt und betrachtete mit offenem Interesse die schlanken Finger, mit denen Ian seine Tasse hielt, während er sprach.
„Weihnachten gab es nur mich und meinen Vater. Seine Persönlichkeit gab dem Wort ‚eiskalt‘ eine vollkommen neue Bedeutung. Gelegentlich erinnerte er mich daran, wie meine Mutter Selbstmord begangen hatte. Damals war ich drei Jahre alt, aber er ließ es trotzdem immer so klingen, als sei es meine Schuld gewesen.“
„Das tut mir leid.“ Ians Augen trafen auf Marvins, der seine rasch niederschlug, um weiterzusprechen.
„Weglaufen wurde irgendwann zu einer echten Alternative. Nur ist…“ Er zögerte, fuhr dann fort. „Nur ist Weihnachten auf der Straße auch nicht gerade ein Hochgenuss.“
Er seufzte. „Wird dann zu einem Tag wie jeder andere. Einem, an dem man alles tut, um sein Überleben zu sichern. Und wenn es nur darum geht, einen Schlafplatz, etwas zu essen, die Droge, auf der man gerade ist, für diese eine Nacht zu finden.“
Ian nickte, als verstünde er auf einmal. „Aber du bist da heraus gekommen.“
Marvin trank ein weiteres Mal. Jetzt spürte er die Wärme bereits in seinem Gesicht. „Nicht direkt. Ich wurde eher an meinen Haaren hinausgezogen.“
Ian räusperte sich verlegen. „Wenn du nicht darüber reden willst, dann ist das okay.“
Marvin schüttelte den Kopf. „Ist schon in Ordnung.“ Er hob den Blick, starrte Ian verschmitzt an. „Nichts davon findet sich mehr in meinen Papieren. Dafür wurde gesorgt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es würde dir also niemand glauben, solltest du es weitererzählen.“
Ian presste die Lippen zusammen. „Das würde ich niemals tun“, erwiderte er ruhig.
Marvin sah ihn erschrocken an. „Ich weiß“, murmelte er. „Das war dumm… so etwas zu sagen.“
Ian setzte seine Tasse ab und ergriff Marvins Hand und führte sie ebenfalls zum Tisch, wo der sein eigenes Trinkgefäß losließ. „Das war es nicht“, meinte er, während er Marvin in die Augen blickte. „Du kannst nicht wissen, was ich tun werde.“
„Doch.“ Marvin nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Ich… ich habe so ein Gefühl…“
In Ians Augen blitzte es auf. „Das ist gut“, sagte er und fügte dann leiser ein paar Worte hinzu. Marvin musste sich nach vorne lehnen, um sie zu verstehen.
„Das habe ich auch“, wiederholte Ian und wandte sich Marvin zu, so dass sie beinahe mit ihren Gesichtern aufeinander trafen. Gleichermaßen irritiert entfernten sie sich rasch wieder voneinander. Doch nur für einen Moment. Dann beugte Ian sich wieder in Richtung des Tisches und fragte mit einem Nicken in Richtung Teekanne. „Möchtest du?“
Marvin blinzelte. Sein Blick wanderte zu der Flasche. „Ich hätte lieber noch etwas davon“, meinte er sehnsüchtig. Ian zog die Augenbrauen hoch, aber erfüllte doch den Wunsch des Blonden. Jedoch nicht ohne dem Schnaps noch eine gute Portion Tee hinzuzufügen.
„Danke.“ Marvin nahm seine Tasse wieder auf, nippte daran, stellte sie jedoch danach gleich wieder ab. Er atmete aus und wandte sich dann zu Ian, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte.
„Du… du denkst doch jetzt nicht schlecht von mir?“, fragte Marvin und leckte sich nervös die Lippen.
„Wieso sollte ich?“ Ian lehnte sich zurück. „Ich habe nicht das Recht zu beurteilen, was geschehen ist. Worauf es ankommt, ist nur, wer du jetzt bist.“
Marvin umfasste seine Knie mit den Händen. „In Wirklichkeit… in Wirklichkeit bin ich jetzt auch nicht besser.“
Marvin konnte sich selbst nicht erklären, woher das Bedürfnis rührte, Ian sein Herz auszuschütten. Er war für gewöhnlich gut darin, die Dinge für sich zu behalten. Darin bestand sogar eines der Prinzipien, die zu erlernen, er sich an diesem Ort befand. Trotzdem kam es ihm mit Ian anders vor. Er fühlte, dass er mit ihm ehrlich sein musste. Dass es keinen Sinn ergab, Ian etwas vorzuspielen. Dieses war ein Mann, wenn nicht sogar der erste, den er kennengelernt hatte, den er weder belügen konnte noch wollte. Es hing zu viel davon ab.
„Ich bin schwach“, fuhr er fort. „Wäre ich nicht von der Straße aufgesammelt worden, dann hätte man mich dort mittlerweile vermutlich längst in irgendeinem Loch verscharrt.“
Ian dachte nach. „Immerhin hast du zugelassen, dass dir geholfen wird“, sagte er. „Und… wenn ich das richtig sehe, hast du dich auf den Weg gemacht.“
Marvin lachte. „Auf den Weg? Nein, eher nicht. Ich bin auf den Weg gesetzt worden. Nachdem ich meinem väterlichen Beschützer zu alt geworden bin, und er es leid war, sich die Ausgaben zu machen, hielt er es für die beste Lösung, mich in einer anständigen Umgebung unterzubringen.“ Marvin schnaubte. „Vor allem in einer Umgebung, auf der er beide Daumen halten konnte, wenn er so wollte.“
Ian öffnete den Mund. „Es ist also…“ Er stockte.
Marvin schwieg betreten. „Scheiße passiert. Und alles in allem hatte ich noch Glück. Ich muss nur weiter mitspielen.“
Ian schüttelte den Kopf. „Das ist also das System, für das zu kämpfen wir ausgebildet werden.“
„Das Beste von allen“, brummte Marvin.
Um Ians Mund zuckte ein schiefes Lächeln. „Ich denke trotzdem, dass du auf dem richtigen Weg bist, Marvin.“
„Und wie kommst du darauf?“
Ian schwieg eine Weile, bevor er antwortete. „Ich habe dir zugesehen?“
„Mir?“ Marvins ohnehin schon erwärmtes Gesicht begann zu glühen. „Wieso… ich…“
Ian schüttelte tadelnd den Kopf. „Eigentlich sollten wir doch darauf trainiert werden, das zu bemerken. Ich habe bemerkt, dass du mich ansiehst.“
„Du hast…?“ Nun war Marvin sich sicher, eine verlegene Röte auf den Wangen zu zeigen.
„Klar.“ Ian nickte und sah Marvin von der Seite an. „Glaub mir, das fand ich schmeichelhaft. Mir ist nicht aufgefallen, dass du einen von den anderen so angesehen hast.“
„Das… das ist, weil du etwas Besonderes bist“, erwiderte Marvin. „Du… ich…“ Er stockte.
„Du findest mich gutaussehend?“, vergewisserte Ian sich lächelnd. „Keine Sorge, ich hab das schon gehört.“
Marvin lächelte zurück. „Dann weißt du, dass ich nicht anders konnte.“
„Genau wie ich“, sagte Ian und wurde ernst. „Du weißt gar nicht, wie sehr du auf andere wirkst.“
„Ich…“
„Du verkaufst dich unter Wert. Ich meine… du solltest nicht…“ Er schwieg.
„Entschuldige bitte“, fuhr Ian schließlich fort. „Ich habe kein Recht, so etwas zu sagen.“
Marvins Hitze wich einer Kälte, die von innen heraus in ihm hochstieg. „Doch, das hast du“, erwiderte er heiser. „Ich… ich schätze, es ist eine Art Macht der Gewohnheit.“
Ians Stimme wurde leise und sanft. „Das ist es nicht“, sagte er. „Du suchst nach etwas, und weißt nur nicht, wo du es finden kannst.“
Marvin holte tief Luft. „Ich weiß nicht, wonach ich noch suchen könnte.“
„Da gibt es etwas“, fuhr Ian fort. „Doch du musst es allein finden. Das muss wohl jeder.“
„Hast du…“
Ian schüttelte den Kopf. „Ich bin auch auf der Suche. Doch vielleicht…“ Er stockte, sah Marvin an mit seinen dunklen, samtenen Augen. „Vielleicht sollten wir zusammen weitersuchen. Vielleicht können wir gemeinsam etwas finden, das finden, was wir brauchen.“
Marvin schluckte. Dann nickte er. „Ich… das würde ich mir wünschen, Ian.“
Der Dunkelhaarige lächelte. Er legte seine Hand auf die Marvins, welche immer noch sein Knie umklammerte. Langsam, ein wenig zögernd beugte er sich vor. Ließ dem anderen ausreichend Zeit, ihm auszuweichen, sollte er so wollen.
Doch Marvin wich nicht aus. Im Gegenteil. Von unsichtbaren Fäden gezogen, bewegte er sich auf Ian zu, fühlte wie sich der Abstand zwischen ihren Körpern, zwischen ihren Lippen verkleinerte, bis sie schließlich aufeinandertrafen in einem ersten, zarten Kuss. Einem Kuss, wie keiner der beiden ihn je zuvor erlebt hatte. Vorsichtig, zerbrechlich, der zitternde Keim einer Pflanze, die es gerade, wenn auch mit Mühe geschafft hat, den Erdboden zu durchstoßen. Ein Kuss, der ein Anfang sein konnte, ebenso wie ein Ende. Ihre Lippen öffneten sich. Ihre Münder bewegten sich zaghaft zuerst, doch dann drängender, mit wachsendem Hunger, mit steigender Erregung.
Plötzlich trennten sie sich, fuhren auseinander, als wäre ihnen erst in diesem Augenblick bewusst geworden, was sie taten.
„Es… es tut mir leid“, wisperte Marvin. „Ich… ich wollte nicht.“
„Was wolltest du nicht?“ Ians Brustkorb hob und senkte sich in raschem Tempo. Ein leises Keuchen entfuhr ihm, gefolgt von einem Lächeln, das tief in seinem Inneren seinen Ursprung hatte, nach oben stieg und sich wie ein Leuchten auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Du…“ Marvin sah ihn ungläubig an. Sein Herz raste und er fühlte das Blut in seinen Adern pochen. Es gab für ihn kaum eine andere Erinnerung als die an Männer, die es nicht wagten, ihre Neigung zuzugeben, noch nicht einmal vor dem Menschen, den sie als ihren Partner ausgewählt hatten. Es war nur Sex, eine Notwendigkeit, ein Bedürfnis und nichts, das fälschlicherweise mit Gefühlen in Zusammenhang gebracht werden durfte.
Doch Ians offenes Lächeln belehrte ihn etwas Besseren. Und wie ein Wunder stieg die Erkenntnis in ihm auf, dass hier jemand war, der ihn verstand, der vielleicht sogar fühlte, dachte wie er selbst.
„Du…“
Ian nickte und sein Lächeln verbreiterte sich, wurde zu einem Strahlen. „Ich verstehe gut, viel zu gut, wovon du sprichst, was du erzählt hast. Daher glaube ich, dass wir uns auf einem ähnlichen Weg befinden. Vielleicht gelingt es uns, ein Stück davon gemeinsam zu gehen. Vielleicht…“
Er schwieg, strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht, wartete auf Antwort.
„Ja“, stieß Marvin hastig, etwas zu hastig hervor. „Ja, das würde ich gerne. Ich würde gerne…“
Doch Ian hatte sich bereits zu dem Blonden herüber gelehnt, verschloss seinen Mund mit einem weiteren Kuss. Und Marvins Arme wanderten wie von selbst den starken Rücken hinauf, umschlangen den Dunkelhaarigen fest und sicher, bezeugten und bestätigten das gegebene Versprechen, das mehr verhieß als ein Weihnachten, auf das es sich zu freuen lohnte. Ein Versprechen, das eine Zukunft in Aussicht stellte, zum ersten Mal in seinem Leben eine wirkliche Zukunft.
Augenblicke
Thomas hielt ihn fest, fester als er ihn je zuvor gehalten hatte.
„Wieso hast du mir das nie erzählt“, flüsterte er mit erstickter Stimme und barg sein Gesicht an der Schulter des anderen, als sei er es, der getröstet werden müsse.
„Wie konntest du mir das verheimlichen?“
Will versuchte, sich von den umstrickenden Armen zu befreien, doch zu stark war der Griff des Dunkelhaarigen, der sich an ihn klammerte, als sei er der Strohhalm, der Thomas vor dem Ertrinken bewahren würde. Will hatte ihn selten so erschüttert gesehen, nie so verletzlich wie in diesem Augenblick, in dem der Größere sich mit Macht an ihn presste.
„Was hätte ich dir sagen sollen“, wisperte er als Antwort. „Du wolltest es nicht wissen. Niemand will so etwas wissen.“
„Ich liebe dich, Will.“ Thomas löste sich von dem Blonden. „Natürlich hätte ich es wissen sollen, wissen müssen.“
Will schüttelte den Kopf, fuhr sich mit seinen langen Fingern durch das schweißnasse Haar. „Das alles ist zu lange her, eine Ewigkeit. Niemand sollte sich daran erinnern. Es… es tut mir leid, dass es mir herausgerutscht ist.“
„Nein.“ Thomas‘ Stimme klang sanft, als er Will wieder an sich zog, der sich nur allzu gern in die Umarmung schmiegte, die er zu lange hatte missen müssen. „Es war richtig so. Ich verstehe jetzt so vieles, ich verstehe, warum du dich zurückgezogen hast.“
Seine Hände glitten über den nackten Rücken des anderen, liebkosten die Spuren der Narben, die den geliebten Körper bedeckten. Sie gehörten zu Will ebenso wie die seelischen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der er war.
„Es war nicht deine Schuld. Denke nie, dass es deine Schuld war.“
„Ich weiß“, antwortete Will heiser. „Und doch ist damals etwas in mir zerstört worden, das sich nicht wieder reparieren lassen wird, niemals wieder.“
Thomas hielt ihn, und Tränen liefen über sein Gesicht, vermischten sich mit denen Wills, als ihre Wangen sich berührten.
„Dann nehme ich dich so, wie du bist“, flüsterte er. „So und nicht anders.“
Lakota
Floyd zügelte sein Pferd. Eine seltsame Unruhe ergriff ihn, die Vorahnung eines Ereignisses, das in seinen Visionen der vergangenen Tage noch immer keine konkreten Formen angenommen hatte.
Seit er in das Reservat zurückgekehrt war, hatte es nur ein einziges Ziel für ihn gegeben: die Lücke, die sein Vater hinterlassen hatte, zu füllen, so gut er es vermochte.
Je stärker seine Verbindung zu den Geistern seiner Väter wurde, je deutlicher er spürte, dass er dieses Land nicht mehr werde verlassen können, selbst wenn er es wünschte, um so schmerzhafter wurde die Erkenntnis für ihn, dass die kurze Begegnung mit Walter das Einzige sei, was er jemals an Nähe erfahren durfte. Sein Weg, der Weg des Schamanen, musste alleine beschritten werden. Es gab keinen Platz für eine Freundschaft, die noch dazu an den Widerständen, die sich ihr auf den ersten Blick entgegen stellten, scheitern musste. Und doch, und obwohl Floyd sich sicher war, dass Walter und er durch Welten getrennt waren, wanderten seine Gedanken immer wieder zu dem Mann zurück. In den wenigen Tagen, die sie zusammen erlebt hatten, war er ein anderer geworden, hatte er sich verändert und der Lakota begann erst in diesem Augenblick zu erkennen, wie tief diese Veränderung reichte.
Floyd legte die Hand über die Augen, schützte sie vor der Sonne und starrte auf den Streifen Staubes, den der einsame Wagen auf der Landstraße aufwirbelte.
Konnte es wirklich sein? Sein Herz machte einen Sprung.
Er war es. Floyd wusste nicht warum, doch Walter war zu ihm zurückgekehrt, hatte über endlose Meilen hinweg empfunden, was Floyd ebenso gefühlt hatte. Dass sie zusammen gehörten. Dass vor ihnen ein Pfad lag, den sie gemeinsam beschreiten sollten.
Floyd lachte und die Ahnen in seinem Herzen lachten mit ihm.
Theater
Liam war atemberaubend.
Auch an diesem Abend wurde er wieder mit stehenden Ovationen belohnt. Auch an diesem Abend stand das Publikum in seinem Bann, ebenso wie Nathan selbst.
Mit einem Seufzer fuhr sich der blonde Mann durch sein struppiges Haar. Es fühlte sich an wie trockenes Stroh und Nathan seufzte bei dem Gedanken, dass es auch in Zukunft so bliebe, egal mit wie viel Spray und Gel er noch experimentierte. Seidig glatt wie Liams konnte es nicht mehr werden, die Chance war vertan.
Nathan schmiegte sich enger in den Vorhang, seinen bevorzugter Standort, von dem aus er den besten Blick auf die Bühne genoss.
Liams Haar fiel in weichen Wellen auf seine Schultern. Die Scheinwerfer warfen samtene Schimmer über das dunkle Braun, verwandelten jede Bewegung des Kopfes in eine schwingende Woge.
Wenn Nathan nicht wüsste, dass sich der Glitzer, den die Maskenbildnerin noch kurz vor Liams Auftritt über seine Haare verteilte, nach und nach löste und wie herabfallende Sternschnuppen um ihn glitzerten, seinem Tanz in einer schimmernden Wolke folgte, so würde er dieses Bild noch zusätzlich zu der Magie des Augenblicks addieren, die Liam folgte, wohin er sich auch wandte.
Und das nicht nur während seiner Auftritte. Liam versprühte diesen Zauber ohne Einschränkungen. Egal wo er sich befand, egal worin seine Aufgabe bestand, er erfüllte sie mit einer graziösen Leichtigkeit, um die ihn jedermann beneidete. Er besaß diese Wirkung auf Menschen. Und mehr als alles andere bestimmte ihn dieses Talent für die Bühne.
Nathan, selbst ein Kind des Theaters, war sich nur allzu bewusst, dass er selbst diese Macht nie besitzen würde. Diese Macht über das Publikum, das gebannt an Liams Lippen hing, sobald er sprach, sobald seine samtene Stimme in ihrem dunklen Tief erklang. Und noch mehr, sobald er sang, sobald er die schwierigsten Melodien und Sprünge meisterte, ohne dass es nur nach der mindesten Anstrengung aussah.
Nur manchmal erhaschte Nathan einen Moment, in dem Liam sich ungesehen glaubte. In dem er sich vom Publikum abwandte, einen Augenblick Luft holte, einen Augenblick nur zuließ, dass die Beherrschung, die er benötigte, kurz, für den Bruchteil einer Sekunde, zerbrach, Raum ließ für den Anblick der Erschöpfung, für die strengen Falten um Mund und Augen, für die hohlen Wangen, das rasche Heben und Senken des Brustkorbes, das keiner bemerken durfte, das die Illusion zerstörte, die er so bemüht war, aufzubauen.
Die aufzubauen seine Arbeit war.
Nathan riss erschrocken seine Augen auf. Die Musik ertönte lauter als zuvor, stieg an, riss die Zuhörer mit sich. Sie entführte die Menschen in fremde, schönere Welten. In Welten, in denen Märchen und Träume Wahrheit wurden.
Nur für Liam funktionierte die Illusion nicht. Und nur Nathan sah ihn straucheln, sah das schmerzverzerrte Antlitz, das sich blitzartig dem Hintergrund zuwandte, um die eigene, verbotene Schwäche zu verbergen.
„Liam“, wisperte Nathan unhörbar und der Schreck erfasste ihn ebenso wie die Liebe in seinem Herzen aufwallte. Die Liebe, von der er nur allzu lange wusste, doch die zu gestehen, er noch nicht einmal sich selbst gegenüber in der Lage war.
Zu weit entfernt, zu unerreichbar war diese Gestalt, der Mensch, der auf der Bühne König war und dessen Bild in Rüstung und weißem Umhang, Nathan bis in die Nacht hinein verfolgte.
Nathan biss sich auf die Lippen und krallte sich in den Vorhang. Er wusste, dass er nicht auf die Bühne laufen durfte. So sehr es ihn auch drängte, dem anderen zu Hilfe zu eilen. So sehr er sich auch wünschte, die Versicherung einholen zu dürfen, dass es Liam gut ginge, dass er sich nicht ernsthaft verletzt hatte, so gewiss war auch, dass es ihm niemand und am allerwenigsten Liam danken würde, sollte er sich dazu hinreißen lassen, seinen Platz aufzugeben und die Vorstellung zu stören.
Eine Vorstellung, in der seine eigene, kleine Rolle so wenig auffiel, dass selbst ein Eingreifen seinerseits beim Publikum keinerlei Erkennen oder zusätzliche Verwirrung auslösen durfte. Trotzdem hielt er sich an die Regeln, wie er es immer tat, umklammerte krampfhaft die Falten den schweren Stoffes, fühlte mehr als er sah, wie seine Knöchel weiß wurden, während er beobachtete, wie Liam versuchte, seinen Atem zu beruhigen, wie er vorsichtig seinen linken Fuß erprobte, weitere Takte verstreichen ließ, bevor er sich mit einem Nicken zur Seite umdrehte, und seinen Gesang wieder aufnahm.
Nathan beobachtete, wie achtsam Liam seine Schritte ausführte, wie vorsichtig er seine Drehungen und Sprünge mehr andeutete, als sie wirklich zu tanzen. Nur mit den ersten Worten schwang ein leichtes Zittern mit. Danach erklang Liams Stimme voll und sicher, so wie es von ihm erwartet wurde.
Langsam ließ Nathan die Luft aus seinen Lungen entweichen, verbrauchte Luft, die er unbewusst angehalten hatte.
Liams Mimik erschien gewohnt selbstsicher, seiner Rolle als König Arthur mehr als gerecht. Seine Stimme beherrschte und erfüllte den Saal. Und wie einstudiert, bewegte Liam sich um die wochenlang, monatelang studierten und geübten Schritte herum, lenkte den Blick des unwissenden Zuschauers von den unvorhergesehenen Mängeln in seiner Performance mit wilden Schwüngen seines silbrig glänzenden Umhanges ab, mit der spielerischen Handhabung des Schwertes, das mit Hilfe der Scheinwerfer als Blickfang fungierte und spielerisch jegliche Aufmerksamkeit von seinem Besitzer stahl.
Niemand bemerkte den bitteren Zug um Liams Mundwinkel, als er mit einer Verbeugung zur Seite wich, den Raum seinen Kollegen überließ, die den Hauptteil der im Anschluss folgenden Szene zu bestreiten hatten.
Niemand außer Nathan sah, dass er sich gegen die Dekoration lehnte, unsicher tastend eine Hand nach dieser ausstreckte, bevor sie ihm Halt gewährte.
Niemand sah den harten Glanz in seinen Augen, der nur von absoluter Selbstbeherrschung und dem unbeugsamen Willen herrührte, die Aufführung zu beenden, koste es was es wolle.
Auch als Nathan schließlich an der Reihe war, das Schlachtfeld zu betreten und seinen Teil in dem Finale zu leisten, fielen ihm die rasselnden Atemzüge des Herrschers, die Anzeichen steigender Erschöpfung auf, lenkten ihn von seiner eigenen Aufgabe, so klein sie auch war, empfindlich ab.
Er fühlte, dass Liam litt, spürte dessen Qual, ohne sie sehen zu können. Auch wenn Liam sich stolz aufrecht hielt, auch wenn er die Vorführung tapfer beendete, ohne dass jemand außer Nathan etwas zu bemerken schien, so wusste, hörte Nathan doch allein an der Stimme des anderen, dass ihm weder Worte noch Töne so leicht und schwerelos von den Lippen perlten, wie es ansonsten ihre Gewohnheit war.
Der Vorhang sank und Beifall brandete auf. Nathan rollte sich zur Seite, erhaschte einen Blick auf Liam. Dieser stand vornübergebeugt, sein Gewicht lastete auf dem unbeschädigten Bein, erlaubte dem Publikum den Blick auf die erstarrte Szenerie, auf den geschlagenen König, der inmitten seiner gefallenen Krieger aufragte. Liam hatte sich erhoben, strahlte in die Menge, verbeugte sich mit einer eleganten Handbewegung, der Geste, die er allabendlich wiederholte.
Auch an diesem Abend büßte sie nichts von ihrer Magie ein, zwang die Zuschauer, sich von ihren Sitzen zu erheben und ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen.
Ein weiterer Vorhang folgte und mit ihm eine weitere Atempause. Danach das endlose Vorbeiziehen der einzelnen Darsteller, nachdem der Vorhang gefallen war. Und wieder von vorne, mit weniger oder mehr Personen. Die Hauptdarsteller einzeln. Ein nicht enden wollender Strom, eine nicht enden wollende Geräuschkulisse aus klatschenden Händen, begeisterten Rufen.
Der Zauber der Musik, die Entführung in das Leben phantastischer Sagengestalten, das war es, was die Menschen immer und immer wieder in dieses Theater zog. Das war es, was auch in Nathan die Sehnsucht erweckt hatte, Teil dieses Zaubers sein zu dürfen, auch wenn die Realität anders aussah.
Sich zurückziehende Darsteller schoben und drängten ihn zur Seite, wiesen ihm unabsichtlich den Weg zur Garderobe, zum Ausgang.
Nur fort von dem Ort hinter der Bühne, an dem das Geschehen stattfand. Dem Ort, an dem Glückwünsche ausgetauscht, Kontakte geknüpft, der Abend, die Arbeit einen Ausklang und ihr Ende fand.
Fort von Liam, dessen unter der Maske erblasste Miene, dessen schmerzerfüllter Gesichtsausdruck, durchzogen von bislang verborgen gebliebenen, zusätzlichen, doch urplötzlich hervorgetretenen Falten, sich für immer in Nathans Erinnerung gegraben hatte.
Der Abbau, ein Rückzug begann und Nathan schlängelte sich durch die Menge, zögerte den Moment heraus, der die Rückkehr in sein kaltes, unbequemes Zimmer bedeutete.
Was er wollte, wusste er nicht in Worte zu fassen. Nur, dass er bleiben musste, dass ihn etwas Unaussprechliches in diesem Gebäude allabendlichen Zaubers festhielt. Eine undefinierte Sehnsucht, die ihn zwang auszuharren, die ihn dazu brachte, das langsame Verlassen, Erkalten, Erlöschen der Pracht mitanzusehen, die keine Pracht mehr sein durfte, wurde ihr das Publikum entrissen.
Er spähte über die Köpfe. Versuchte einen Blick zu erhaschen, versuchte zu erkennen, wer Liam wegführte, wer dafür sorgte, dass der die Ruhe fand, die er brauchte. Wer sich um ihn kümmerte, jetzt, da er Fürsorge benötigte.
Die üblichen gesichtslosen Anhänger scharrten sich um seine aufrechte Gestalt, zogen ihn mit sich. Wollten ein Stück von ihm hier, ein Stück von ihm dort. Eine Feier, einen Umtrunk, eine Ehrung, zu der Nathan nicht zugelassen war, niemals zugelassen sein würde.
Bestimmt hatten sie ihn längst in Beschlag genommen. Mit Sicherheit fort geführt in die Welt, die nicht die seine, die nicht Nathans Welt war.
Das Lachen und Lärmen verstummte. Nathan vernahm das Klacken der letzten Scheinwerfer, die ausgingen. Türen fielen ins Schloss. Dunkelheit senkte sich über ihn.
Nathan schüttelte den Kopf, über sich und über seine Dummheit. Er biss sich auf die Lippen, zuckte mit den Schultern und ging schließlich entschlossenen Schrittes auf die Garderobe zu. Trug er doch immer noch die Samt Uniform, die dazu gedacht war, im Scheinwerferlicht überirdisch zu schimmern, doch unter der sich die Hitze staute, bis sie unerträglich wurde.
Aber dann erstarrte Nathan. Er war nicht alleine. Natürlich war er nicht alleine. Wie naiv auch, dergleichen anzunehmen.
Wasser plätscherte in der Dusche. Jemand hatte bis zu diesem Augenblick gewartet, gewartet, bis es still geworden war, um sich frisch zu machen. Jemand, der allein sein wollte.
Nathan zuckte instinktiv zurück. Doch der kurze Blick hatte genügt, hatte ihm mehr gezeigt, als er jemals gehofft, jemals vermutet hatte.
Liam war nicht gegangen. Liam schlang sich in diesem Augenblick ein weißes Handtuch um die Hüften und stellte das Wasser ab. Liam, der sich an der Wand abstützte. Liam, der vorsichtig und langsam auf den glatten Fliesen, den Weg zur Bank zurücklegte. Der sich mit einem leisen Stöhnen darauf niedersinken ließ und dann zu seinem Knöchel herabbeugte.
Nathan konnte nicht anders. Er beugte sich erneut vor. Wollte sich nur versichern, dass alles in Ordnung war. Nur versichern, ob er nicht doch eine Hilfe sein konnte. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Und doch musste er es tun.
Sein Blick fiel auf den verfärbten Knöchel. Nathan sog erschrocken die Luft ein. Ein leichtes Geräusch, das dennoch ausreichte, um Liam hochfahren zu lassen.
Zu Nathans großer Verwunderung bemerkte er, dass auch Liams Gesicht dunkel anlief, als fühlte er sich ertappt, erwischt bei etwas Verbotenem.
Nathan öffnete verlegen den Mund. Er wollte etwas sagen, etwas Belangloses, ein Wort der Erklärung, vielleicht der Entschuldigung, doch kein Laut kam über seine Lippen.
Ihre Blicke trafen sich kurz, sehr kurz, nur um wieder voneinander weg zu driften. Wasser tropfte aus Liams Haar, ließ es schwarz wirken. Obwohl der Glimmer im Abfluss verschwunden war, glänzten die Strähnen, die sich auf seiner bronzenen Haut kringelten, im grellen Licht der Leuchtröhren.
Schließlich räusperte Liam sich, leckte sich die Lippen, schüttelte sein Haar. Erst dann drehte er sich zur Seite, legte den Kopf schief und sah Nathan auffordernd an.
Dieser spürte, wie ihm noch mehr Blut ins Gesicht schoss und er verwünschte verzweifelt seine Verlegenheit.
„Ich… ähm…“, begann er. „Ich wollte nicht stören. Ich… ich dachte, ich wäre der Letzte hier.“
Liam zuckte mit den Schultern. „Du störst nicht…“ Er ließ eine Pause einfließen, deutlich genug, um seine Frage indirekt zu formulieren.
„Nathan“, ergänzte der Blonde. „Ich spiele…“
Doch Liam unterbrach ihn, noch bevor Nathan den Satz vollenden konnte.
„Ich weiß, wen du spielst“, sagte er schnell, beinahe verlegen. „Du bist seit drei Monaten bei uns.“
Nathan nickte erstaunt und fühlte gleichzeitig eine undefinierbare Wärme in sich aufsteigen. Liam erinnerte sich an ihn.
Es war nun an ihm, sich zu räuspern. „Wie geht es dem Knöchel?“, fragte Nathan mit einem Blick auf Liams Fuß, den dieser vorsichtig massierte.
„Ach…“ Liam verzog die Lippen. „So auffällig?“
Nathan schüttelte rasch seinen Kopf. „Nein, ich hab nur… während der Aufführung ist es mir aufgefallen.“
„Ja.“ Liam stöhnte. „Ich bin unglücklich aufgekommen. Hab mich wohl nicht gut genug aufgewärmt. Und all das nur, weil…“ Er verstummte, seufzte.
„Immer diese Hektik“, sagte er schließlich und betastete die Schwellung.
„Ich wollte nicht, dass es jemand bemerkt.“ Er lächelte leicht. „Dumm, nicht wahr? So etwas wird immer bemerkt.“
Er schüttelte über sich selbst den Kopf, so dass winzige Tropfen Wassers durch die Luft stoben.
„Das ist nicht dumm“, wandte Nathan ein. „Nur zu verständlich.“
„Ja.“ Liams Lächeln verbreiterte sich. „Aber ein König sollte keine Schwäche zeigen.“
„Nein, das wohl nicht.“ Nathan lächelte ebenfalls, doch wurde gleich wieder ernst. Er überlegte einen Moment, ob er die Frage stellen dürfe, überwand sich schließlich. „Soll… soll ich dich vielleicht ins Krankenhaus bringen, dass sich jemand den Knöchel mal ansieht?“
„Nein. Nein danke“, erwiderte Liam rasch und erhob sich. „Es ist nicht so schlimm“, lächelte er entschuldigend. „Nicht so schlimm, dass es nicht mit einem Eisbeutel und einer Schmerztablette in den Griff zu kriegen wäre.“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Nathan zweifelnd und beobachtete die kläglichen Versuche Liams, sich fortzubewegen, ohne seinen linken Fuß zu belasten. Die Schwellung hatte eine seltsame Färbung angenommen, irgendwo zwischen rot und lila.
„Ich weiß wirklich nicht“, wiederholte er. „Ein Arzt könnte doch nicht schaden.“
„Nein“, schnappte Liam und sein Blick flackerte mit der Ablehnung. „Das ist wirklich nicht notwendig.“
Er betonte seine Worte, stieß sie beinahe ärgerlich hervor, ließ keinen Zweifel an seiner Überzeugtheit.
Doch in diesem Moment glitt sein guter Fuß auf dem nassen Grund aus, und er rutschte. Nathan erhaschte gerade noch den Schreck in Liams Augen, als sich sein eigener Körper bereits automatisch in Bewegung setzte, er die wenigen Schritte nach vorne eilte, und den anderen auffing, noch bevor der einen schmerzhaften Fall erleiden konnte.
„Ich hab dich“, stieß Nathan keuchend hervor und balancierte mühsam. Er verlagerte sein Gewicht zu gleichen Teilen auf beide Füße, hielt Liam fester und zog ihn hoch, bevor der in die Knie sank.
„Autsch“, fluchte Liam, doch klammerte sich zugleich an Nathans Körper. Offensichtlich war ihm die Vorstellung, auf den harten Kachelboden zu stürzen, weniger unangenehm, als die Hilfe des Kollegen.
Sobald er wieder festen Halt auf seinem rechten Bein gefunden hatte, atmete er zufrieden aus, und klopfte Nathan dankbar auf die Schulter.
Ein Zwinkern blitzte in seinen Augenwinkeln auf, als er sich zu ihm hinunterbeugte. „Danke, Mann. Das hätte mir heute gerade noch gefehlt.“
„Schon in Ordnung.“ Nathan zuckte mit den Achseln, doch konnte das Lächeln nicht zurückhalten, das sich warm auf seinem Gesicht ausbreitete.
„War mir ein Vergnügen.“
Liam sah ihn an und Nathans Lächeln vertiefte sich, als der Größere es erwiderte.
„Glaub ich gern“, sagte Liam und räusperte sich. „Ich werde jetzt mal lieber…“
Er deutete auf die Umkleidekabinen.
„Natürlich.“ Nathan nickte, und wenn er nicht die Hitze in seinem Gesicht bereits fühlte, würde ihm sein erneutes Erröten spätestens jetzt bewusst.
„Ich… ähm… ich werde auch…“ Er sah an sich herunter und erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er immer noch in seinem Kostüm steckte. Nathan drehte sich um, doch bevor er ging, sah er noch einmal über seine Schulter.
„Wenn ich dir doch noch helfen kann… du weißt schon… mit deinem Fuß…“ Er stockte, sprach dann weiter. „Sag es ruhig“, fügte er hinzu. „Ich tu das wirklich gerne.“
„Danke.“ Liam sah ihn nicht an, doch Nathan spürte, dass er es ernst meinte.
Sein Herz sang, als er seinen Schrank suchte, die Alltagskleidung, die ihn wieder in einen wirklichen Menschen verwandelte, hervorkramte, aus seinem Kostüm stieg und es trotz oder gerade wegen der dadurch erlittenen Strapazen liebevoll glatt strich, bevor er es auf einen Bügel hängte.
Er atmete auf, als er in Jeans und Sweatshirt den Umkleideraum verließ, genoss es, den Lufthauch um seinen Körper wehen zu spüren, als ein Ächzen an sein Ohr drang, Nathan auf dem Absatz umdrehen ließ.
Eiligen Schrittes ging er dem Laut nach, der, obwohl längst verklungen, doch für ihn noch immer in der Luft hing.
Liams Garderobe war nicht weit.
Nathan zögerte unmerklich an der Tür, doch da sie nur angelehnt war, stieß er vorsichtig dagegen und beobachtete, wie sie aufschwang. Durch den Spalt erkannte er Liam, der gegen eine Schranktür lehnte. Sein Hemd war offen, ein Bein steckte bereits in einer verwaschenen Jeans, während das andere noch unbekleidet war. Der Rest der Jeans hing lose herab, denn offensichtlich war der Stoff Liams Händen entglitten, noch ehe er sich ankleiden konnte.
Liam blickte auf, sein Gesicht schmerzverzerrt; Anlass genug für Nathan, die Tür komplett aufzustoßen und in den Raum zu treten. Liams Ausdruck veränderte sich nicht. Nathan konnte nicht erkennen, ob sein Eindringen unangenehm oder willkommen war. Trotzdem ging er auf den anderen zu, zwang sich zu einem entspannten Lächeln.
Liam sah zur Seite, als Nathan sich näherte. Doch er ließ es zu, dass der ihn zu der Bank an der Wand führte, ihn sanft zum Niedersetzen dirigierte. Liam schüttelte seinen Kopf, öffnete den Mund, als wollte er Einwand erheben, doch schien es sich im letzten Augenblick noch einmal zu überlegen, senkte den Kopf und schwieg, als Nathan sich bückte, um ihm in das zweite Hosenbein zu helfen.
Mit geübten Bewegungen zog er den Stoff über Liams Knie, verharrte dort, um zu ihm aufzusehen. Ein Zwinkern in seinen Augen löste auch Liams Spannung und er lächelte befreit und griff dankbar nach Nathans Arm, den dieser ihm zum Aufstehen reichte. Liam biss sich auf seine Lippen und doch entwich ein leises Stöhnen seiner Kehle, als er probeweise erneut sein Gewicht auf den schmerzenden Fuß legte.
Nathan fasste ihn um seine Hüften und schüttelte den Kopf. „Bist du sicher, dass du nicht…“
Er hielt inne, als er merkte, wie Liam sich bereits versteifte, wie er mit zusammengepresstem Mund seinen Kopf ruckartig erst nach links und dann nach rechts bewegte.
„Ist gut“, sagte Nathan. „Aber dann erlaube mir wenigstens, dir nach Hause zu helfen.“
Er errötete, als Liam wieder in seinem Griff erstarrte, schluckte trocken.
„Ich meine… ich will dir nur helfen. Nicht dass du irgendwo…“
Nathan drehte seinen Kopf und sah zu Liam auf. „Ich bin nicht sicher, ob du mit diesem Fuß Autofahren kannst.“
Liam erwiderte den Blick ruhig. „Ich bin nicht mit dem Auto hier“, antwortete er. „Ich wohne hier gleich um die Ecke. Das schaffe ich auch alleine.“
„Natürlich“, stimmte Nathan verlegen zu. „Ich dachte nur… für den Fall, dass…“
Liam atmete aus und versuchte einen Schritt vorwärts. „Das ist wirklich nett“, stieß er angestrengt hervor. „Ich… ich bin sicher, es schmerzt nur, weil ich etwas erschöpft bin.“
„Ja. Wieso eigentlich…“ Nathan unterbrach sich selbst, als ihm bewusst wurde, als wie indiskret seine Frage aufgenommen werden konnte.
„Wieso was?“ Liam stützte sich auf den Blonden und humpelte ein Stück weiter Richtung Tür. Er ergriff dort seine Jacke, blieb jedoch stehen, als interessiere ihn die Antwort brennend.
„Ach… ich…“ Nathan räusperte sich, fasste sich dann jedoch ein Herz. „Ich habe mir nur gerade gedacht… mich nur gerade gefragt, warum du so lange gewartet hast mit…“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Duschräume und verstummte verlegen.
„Warum ich mit dem Duschen und Umziehen so lange gewartet habe?“ Liam schnalzte mit der Zunge. „Wahrscheinlich wollte ich vermeiden, dass mich jemand sieht.“
„Hat nicht so ganz funktioniert“, rutschte es Nathan heraus.
„Nein, das allerdings nicht.“ Liam lachte. „Aber zumindest bin ich die Leute los geworden, für die das ein gefundenes Fressen wäre.“
„Verstehe ich nicht.“
„Naja“, Liam räusperte sich. „Es ist nicht gut, verletzlich zu erscheinen. Nicht in meiner Lage zumindest.“
Nathan stieß leicht gegen die Tür und sie öffnete sich problemlos.
„Aber… an deiner Position ist doch nichts auszusetzen. Als Hauptdarsteller… erfolgreich… da wirst du doch bewundert und…“
„Beneidet“, ergänzte Liam leise und humpelte an Nathans Arm hinaus in den Gang. „Ich weiß, wie dämlich das klingen mag, aber es gibt mehr als einen hier, der mich lieber heute als morgen los wäre.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Nathan. „Wir sind jeden Abend ausverkauft. Das weiß doch jeder, dass…“
Liam grinste. „Lass nur… ich weiß, was du meinst.“ Er schwieg eine Weile, konzentrierte sich aufs Gehen.
„Und was ist mit dir? Wieso bist du noch hier? Mittlerweile dürfte so gut wie alles abgeschlossen sein.“
Nun war es an Nathan, sich zu räuspern. „Ich hab mir Sorgen gemacht“, bekannte er freimütig.
„Aber nicht um mich?“ Liams Stimme klang verwundert und auch ein bisschen heiser.
„Doch.“ Nathan sah auf seine Schuhe. Durchgelaufene Turnschuhe. Er wünschte, er hätte sich mehr Gedanken um die Auswahl seines Schuhwerks gemacht, als er zur Arbeit aufgebrochen war.
Liam schwieg. Als er wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme tiefer als zuvor, bewegt. „Wenn du… wenn es dir wirklich nichts ausmacht?“
„Bestimmt nicht“, beeilte Nathan sich zu versichern und atmete erleichtert auf. „Ich helfe dir gerne.“
Er drückte versichernd in Liams Seite und sah zu ihm hoch. Liam blickte starr nach vorne, aber dennoch spielte ein Lächeln um seine Mundwinkel.
Sie kämpften sich eine Treppe hinauf und gelangten an die Hintertür, die nie verschlossen wurde. Beide traten gleichzeitig hinaus, spürten, wie die kühle Nachtluft sie angenehm umfächelte.
Es hatte aufgehört zu regnen und das Licht der vereinzelten Straßenlaternen spiegelte sich in den Pfützen. Stille umfing sie. Die Gegend war ruhig. Mit Ausnahme des Theaters spielte sich in diesen Straßen keinerlei Nachtleben ab. Besucher, denen die Vorstellung nicht ausgereicht hatte, zögerten nicht, ihre Wagen zu besteigen und ein gastfreundlicheres Viertel zum Zwecke der weiteren Zerstreuung aufzusuchen.
Dennoch oder gerade deswegen begann Liam sich zunehmend besser zu fühlen, je weiter sie vorwärts kamen. Die frische Luft belebte ihn, und selbst sein gelegentliches Stolpern, das mit beiden Füßen in einer Pfütze und durchnässten Socken endete, beeinträchtigte sein Hochgefühl nicht. Vielleicht lag es auch daran, dass Nathan ihm trotz seines Handicaps ermöglichte, sich sicher und selbstständig auf den Beinen zu halten. Der leise Zweifel, der ihm eingeflüstert hatte, dass es dumm sei, auf den Arztbesuch zu verzichten, verschwand mit der Sicherheit, die ihm Nathans Gesellschaft verlieh.
Er zögerte nicht, Nathan den kurzen Weg zu seinem Apartment zu beschreiben, ließ es zu, dass der Blonde ihn stützte, während er seinen Hausschlüssel heraus kramte. Wie selbstverständlich und mit zunehmender Sicherheit half Nathan Liam die Treppen hinauf, nachdem er einen kurzen Blick auf das „Außer Betrieb“-Schild, das schief an der verschlossenen Fahrstuhltür hing, geworfen hatte.
Erst vor der Wohnungstür zögerte Nathan einen Moment, doch Liam legte seine linke Hand auf Nathans Schulter, stützte sich auf ihn, während er aufschloss und dirigierte Nathan ohne Umschweife ins Innere des kleinen Apartments.
Es machte wirklich nicht viel her, hatte nichts von dem Glanz und der Pracht, die das Publikum aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Darsteller einer Sagengestalt in Verbindung brachte. Auch Nathan musste zugeben, dass er etwas enttäuscht war. Was er erwartet hatte, konnte er nicht sagen, doch mit Sicherheit war es nicht diese beinahe armselig ausgestattete, Unordnung atmende Wohnung.
Benutztes Geschirr stand auf dem Couchtisch. Gebrauchte Kleidung hing wahllos über Couch und Stühlen. Die Vorhänge waren geschlossen, verhinderten tagsüber die Sicht auf graue Mauern und einen tristen Hinterhof. Auf den Regalen und den wenigen Bilderrahmen lag Staub, ebenso wie auf dem winzigen Fernseher und dem tragbaren CD Player.
Nathan brach seine Inspektion ab, als er den Blick Liams auf sich fühlte, der inmitten des Raumes stehen geblieben war, nachdem sie den winzigen Korridor gemeinsam durchquert hatten.
Liams Gesicht zeigte einen Ausdruck peinlicher Berührung, als sei ihm jetzt erst bewusst geworden, in welch wenig vorzeigbare Umgebung er Nathan ungeplant gebeten habe, und als suche er nun verzweifelt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Nathan warf ihm ein Lächeln zu, das Liams Unwohlsein zerstreuen sollte, doch der Ausdruck verfehlte seine Wirkung. Nathan schluckte trocken.
„Ähm… ich sollte dann wohl gehen.“ Er wischte sich nervös ein unsichtbares Staubkorn von seiner Jeans, bevor er wieder aufsah. Liam zeigte keine Reaktion. Erst einen Moment später löste der Dunkelhaarige seinen Blick vom Boden. Ein befreites Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als habe er gerade eine Entscheidung getroffen. „Nein“, antwortete er. „Nein, das brauchst du nicht.“
Nathan leckte sich nervös über die Lippen, unsicher, was er denken sollte.
„Bist du dir sicher?“, fragte er schließlich zögernd.
„Natürlich bin ich das“, antwortete Liam prompt. „Es sei denn natürlich…“ Er stockte. „Es sei denn, du möchtest gehen, dann steht dir das natürlich frei. Das weißt du.“
Nathan räusperte sich, blinzelte.
„Ich bleibe gerne“, sagte er dann. „Nur um dir behilflich zu sein“, beeilte er sich rasch zu versichern.
„Du… soll ich dir etwas holen, etwas herrichten…?“
Er lächelte unsicher, verlegen, spürte das Blut erneut in seinen Kopf schießen.
Liam grinste anstelle einer Antwort, humpelte auf Nathan zu und legte ihm leicht seine Hand auf die Schulter. Nathan schauderte, als Liam sich langsam zu ihm vorbeugte bis seine Lippen beinahe Nathans Ohrläppchen berührten.
„Das ist nicht notwendig“, flüsterte der Größere und richtete sich wieder auf. In seinen dunklen Augen funkelte es belustigt.
„Nein?“, hauchte Nathan als Antwort. Seine Ohren glühten und seine Kehle erschien ihm mehr als ausgetrocknet. Wie dumm von ihm, sich hier zu benehmen wie ein Teenager, sich zu fühlen wie ein Teenager. In seinem Alter sollte er es besser wissen. Als habe Liam Nathans Gedanken gelesen, zog er sich von ihm zurück und betrachtete ihn prüfend. Seine Lippen umspielte wieder ein Lächeln, als er eine Handbewegung in Richtung Couch vollführte.
„Ich habe mich vielleicht geirrt“, murmelte Liam, ohne Nathan aus den Augen zu lassen. „Möchtest du uns etwas zu trinken holen? Im oberen Küchenschrank sind Gläser.“
Nathan räusperte sich. „Klar.“
Er fühlte Liams Augen in seinem Nacken, als er sich der Küchennische näherte, sich auf die Zehenspitzen erhob und streckte, um den Schrank zu öffnen und zwei Gläser zu entnehmen.
Was er nicht ahnte, war, dass Liam ihn nun, da er ihm den Rücken zuwandte, zum ersten Mal offen und genau betrachtete. Und dass dem Dunkelhaarigen gefiel, was er sah.
Als Nathan sich streckte, hob sich der Stoff seines kurz geschnittenen Sweatshirts und zeigte ein Stück weißer Haut. Unwillkürlich leckte Liam sich die Lippen. Unwillkürlich wanderten seine Gedanken in Richtungen, die er nicht erwartet hatte. Zumindest nicht an diesem Abend, in einer solchen Situation, und mit diesem Mann.
Nathan war ihm nie zuvor aufgefallen, wenigstens nicht wissentlich. Nicht absichtlich. Vielleicht hatte er einen Blick mehr riskiert, als er es im Vergleich mit den übrigen Kollegen gewohnt war. Vielleicht war ihm das helle Haar aufgefallen, das im Licht der Scheinwerfer wie Gold glänzte. Vielleicht hatte er Nathans Blick aufgefangen, das strahlende Blau bemerkt, das kristallklar aufleuchtete, sobald die Sonne im richtigen Winkel hineinschien.
Liam fühlte, wie sein Herz schneller schlug. Natürlich hatte er Nathan bemerkt. Nicht bewusst, nicht allzu bewusst. Und doch erinnerte er sich nun deutlich an die erste Probe, an das erste Mal, als er seine Worte, seine Lieder an den Neuen gerichtet hatte. Einfach, weil es immer irgendjemand sein musste, auf den er sich konzentrierte, der ihm einen Fixpunkt bot, während er seinen Auftritt absolvierte. Zumeist bemerkte derjenige es auch nicht, war zu sehr versunken in seine eigene Darstellung, die persönlichen hundert Probleme, die sich unerwartet auftaten, während der heimlich von Liam Erwählte selbst versuchte, so gut wie möglich, so elegant wie möglich, so beeindruckend wie möglich zu sein.
Doch auch, wenn er es vor sich selbst nicht zugegeben hatte, so erkannte Liam nun, dass Nathan von Anfang an anders gewesen war, und dass er selbst es gewusst hatte. Mehr noch, Nathan hatte seine Aufmerksamkeit ungeachtet der eigenen Aufgaben fast ausschließlich auf Liam gerichtet.
Mit einem Mal erinnerte Liam sich nur allzu deutlich an die vielen, kleinen Momente, in denen ihre Augen sich begegnet waren. Daran, wie Nathan unbeweglich an der Seite der Bühne gestanden hatte, stets an demselben Ort, mit einer Hand im Vorhang, als müsste er sich festhalten. Und immer blieb sein Blick auf Liam gerichtet, hielt ihn, führte ihn durch die Vorstellung.
Natürlich war Nathan ihm aufgefallen. Er sah gut aus, war nicht besonders groß, aber schlank und drahtig. Wenn man genauer hinsah, bemerkte man, dass er nicht ganz so jung war, wie er von weitem erschien. Um seine Augen herum hatten sich bereits zahlreiche Falten in die Haut gegraben. Ein strenger Zug um den Mund, zarte Linien auf der Stirn, gerade so tief, dass die Theaterschminke sie nicht mehr vollständig verdecken konnte. Die Haut des Gesichts war leicht gebräunt, ganz im Gegensatz zu seinem Rücken, zumindest zu der kleinen Stelle, die Liam ausgemacht hatte. Diese war bleich wie die Innenseite von Nathans Armen, ein interessanter Kontrast zu Liams eigener, dunklerer Haut.
Liam zwang sich wegzusehen, auch wenn Nathan die Gläser bereits geangelt hatte und sich nun bückte, um eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu nehmen. Nur aus den Augenwinkeln begutachtete Liam wie sich die Jeans während Nathans Bewegungen an den Körper schmiegte. Wie sie Rundungen zeigte, die bisher verborgen geblieben waren, aber an die sich Liam durchaus erinnerte, dachte er an den Moment zurück, in dem er bemerkt hatte, wie Nathan sich seiner weiten Samtjacke entledigte, nur um in den obligatorischen Strumpfhosen hilflos am Rande der Bühne zu stehen, während ihm einer der Requisiteure eine schimmernde Rüstung brachte. In diesem Augenblick, während Nathan nichts hatte tun können, während er verlegen auf den Bretterboden geblickt hatte, in diesem einen Moment hatte er Liams Herz berührt. Und genau jetzt erinnerte Liam sich wieder an exakt diesen Augenblick, der es bislang vermieden hatte, sich in sein Bewusstsein vorzuarbeiten.
Er schloss die Augen, schloss die Erinnerung weg, konnte sie doch zu nichts führen, ihm nichts geben. Durfte er sich nichts erhoffen.
Liam öffnete seine Augen wieder und blickte auf Nathan, der, zwei Gläser in der Hand haltend, vor ihm stand und ihn besorgt anstarrte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Nathan und runzelte die Stirn.
Liam atmete aus, nahm eines der Gläser und zwang sich zu einem Lächeln.
„Ja“, antwortete er. „Natürlich ist es das.“
„Gut.“ Nathan blickte immer noch skeptisch. „Du solltest dich setzen“, meinte er dann, platzierte sein Glas auf dem Couchtisch und begann das Sofa von Kleidung und Decken zu befreien. Die durcheinander gewürfelten Kissen, arrangierte er seitlich, so dass sie als Lehnen fungierten.
Liam biss auf seine Unterlippe, während er Nathan zusah. Er war nahe daran, Einwände zu erheben, doch die ungewohnte Fürsorge rief ein warmes Gefühl in seinem Magen hervor. Ein fast vergessenes Gefühl und eines, an das er sich nicht mehr erinnern wollte. Hastig, als wollte er es betäuben, trank Liam einen Schluck Wasser. Er verschluckte sich, hustete, und ehe er sich versah, war Nathan bereits an seiner Seite, ergriff das Glas, bevor es Liams Händen entgleiten konnte, stellte es neben seinem auf dem Couchtisch ab, während er mit der freien Hand den Größeren stützte.
Liam hob entschuldigend seine Hände, versuchte Luft zu holen. „Es geht schon“, murmelte er. „Geht schon…“
Sanft, jedoch bestimmt dirigierte Nathan ihn zur Couch und drängte ihn, sich zu setzen. Dankbar, trotz gespielter Gegenwehr, ließ Liam sich fallen, genoss es, in dem sorgfältig hergerichteten Sitz zu versinken.
„Moment. Das haben wir gleich“, murmelte Nathan und schob die Gläser ein Stück zur Seite, legte ein freies Kissen auf den Tisch vor Liam, und ehe der sich wehren konnte, hatte Nathan mit vorsichtigem Griff das schmerzende Bein angehoben und auf das Kissen gleiten lassen.
Mit einem Seufzer sank Liam noch tiefer.
„Besser?“, fragte Nathan mit einem Lächeln.
Liam nickte und erwiderte das Lächeln.
„Hast du Eisbeutel?“, fragte Nathan mit hochgezogenen Augenbrauen und Liam nickte, wenngleich mit skeptischem Blick. „Es geht schon“, wollte er erwidern. „Ich weiß nicht einmal, ob Eis überhaupt das Richtige wäre.“ Doch die Worte blieben ihm wie zuvor im Halse stecken. Zu angenehm war es, sich umsorgen zu lassen. Jemanden bei sich zu haben, der nicht auf seinen Vorteil aus war. Der nichts von ihm wollte.
Zumindest noch nicht, dachte Liam und ein bitterer Zug entstand um seinen Mund.
„Tut es weh?“, fragte Nathan mit gerunzelter Stirn und war drauf und dran, den kalten Beutel wieder von Liams Fuß zu nehmen. Doch der schüttelte seinen Kopf und griff nach Nathans Hand, um ihn aufzuhalten.
„Nein gar nicht“, sagte er sanft und fühlte, wie sich das Lächeln in seinen Augen vertiefte. Seine Hand ruhte nur einen Moment zu lange auf der des anderen, doch lang genug, um ihnen beiden etwas bewusst zu machen. Hastig zog Liam seine Finger zurück. Ein Ausdruck von Wehmut huschte über Nathans Gesicht, verschwand jedoch sofort wieder, als ebenfalls zurückwich. Jedoch schwebte sein Arm noch einen Augenblick unschlüssig in der Luft, als könnte er sich nicht überwinden, den Rückzug anzutreten.
Nathan räusperte sich unsicher, sah fragend in Richtung Liams. Der fuhr sich nervös durch sein Haar. Er wusste genau, was er jetzt sagen sollte. Aber ebenso stark fühlte er, dass er es nicht sagen konnte, nicht aus freien Stücken. Stattdessen perlten andere Worte wie von selbst von Liams Lippen, beschritt er genau den Weg, von dem er wusste, dass er in die Irre führte.
„Setz dich doch“, rutschte es ihm heraus und er wand sich unbehaglich, als reagiere sein Körper unbewusst auf eine Ahnung, die sein Verstand ihm nicht erlaubte zuzulassen.
Seine Lider flatterten und Liam verfluchte sich für seine Inkonsequenz. Als es ihm gelang, wieder aufzusehen, traf er auf den nachdenklichen Blick Nathans.
„Es sei denn, du möchtest jetzt…“, beeilte Liam sich zu versichern.
„Nein, nein.“ Nathan hatte offensichtlich seine Entscheidung getroffen. Er hob abwehrend beide Hände, ließ sie jedoch sofort wieder sinken und lächelte sein unsicheres, schüchternes Lächeln, das dafür sorgte, dass Liams Herz einen zusätzlichen Sprung machte.
„Ich habe mich nur gefragt…“, Nathan stockte und zuckte mit den Schultern, „aber nicht daran gedacht, dass du vielleicht keinen Alkohol trinkst.“
Liam zog seine Augenbrauen in die Höhe und brach dann in befreites Lachen aus. „Ich trinke wirklich nicht viel“, sagte er und nickte in Richtung eines schmalen Schränkchens, das an der Seite, neben der Küchennische befestigt war. „Bedien dich ruhig“, sagte er warm. „Für deine Hilfe hast du mehr als das verdient. Es geht mir auch schon besser. Ich bin sicher, dass ich morgen wieder problemlos laufen kann.“
Nathan lachte auch und folgte der Geste des Dunkelhaarigen. „Zum Glück ist keine Vorstellung“, sagte er mehr zu sich selbst und wählte mit sicherem Blick eine viereckige Flasche Whiskey aus, die noch zu drei Vierteln gefüllt war. Erfreut betrachtete er das Etikett, schloss die Schranktür und begab sich zu Liam, an dessen Seite er sich niederließ. Mit einem fragenden Seitenblick und nachdem er das bestätigende Nicken erhalten hatte, schraubte Nathan die Flasche auf, und machte Anstalten, dem anderen einzuschenken. Liam schüttelte dankend den Kopf und bedeckte sein Glas zusätzlich mit der Hand.
Achselzuckend gönnte Nathan sich einen gehörigen Schluck, der sich mit dem Wasser in seinem Glas mischte und ihm einen warmen Farbton verlieh. Das herbe Aroma des Getränks stieg auf und ließ Nathan genießerisch die Luft einatmen. Er verschloss die Flasche, hob sein Glas grüßend in Richtung Liams und trank durstig.
Liam beobachtete, wie sich die Augen des anderen schlossen, seine Kehle arbeitete, als das scharfe Getränk sie benetzte. Es sah aus, als sei Nathan gewohnt, zu trinken. Als habe er darauf gewartet. Als habe sein Körper darauf gewartet.
Liam presste die Lippen zusammen. Er kannte die Anzeichen. Nathan war nicht der Erste und mit Sicherheit nicht der Letzte, der versuchte, seine Dämonen mit Alkohol auszutreiben. Wider besseres Wissen. Wider der Überzeugung, dass jede Droge deren Macht nur verstärkte. Trotzdem blieb die zeitweise Betäubung der Sinne nach wie vor der einfachste und ein naheliegender Weg. Ein Weg, den Nathan vielleicht nur ein kleines Stück ging, vielleicht nur ein paar Meter. Woher sollte Liam das wissen? Er kannte den anderen nicht, hatte nur allzu wenige Worte mit ihm gewechselt.
Von Nathans Lebensweise wusste er nichts. Zudem durfte er, und er vor allen anderen, sich kaum das Recht herausnehmen, ein Urteil zu fällen.
Der Glanz, der in Nathans Augen entstanden war, zauberte trotz all seiner Vorbehalte, ein Lächeln auf Liams Lippen. Seufzend lehnte er sich zurück, genoss es, in dem Bewusstsein zu relaxen, dass auch Nathan zur Entspannung gefunden hatte. Alles andere spielte keine Rolle, nicht in diesem Augenblick.
Auch Nathan begann, sich besser zu fühlen. Die automatische Unsicherheit, die mit dem Betreten einer fremden Wohnung einherging, verschwand allmählich. Sie wurde ersetzt von dem bekannten, warmen Gefühl im Magen, das ihm bedeutete, er sei angekommen. Mit dieser gewonnenen Ruhe durfte Nathan sich Neuem zu wenden. Durfte anfangen, zu suchen und zu finden. Doch zuallererst sollte er den Grund entdecken, der ihn genau in dieser Nacht in genau diese Wohnung geführt hatte. Zuallererst eine Ahnung davon erhalten, wohin all dies ihn führen sollte.
Neben ihm entspannte Liam sich zusehends. Nathan bemerkte es an dem leisen Seufzer, dem Eindruck, dass der schlanke Körper tiefer in die Polster sank, als passte er sich den Formen dort an. Nathan wunderte sich keineswegs, dass Liams Geschmeidigkeit nicht nur auf der Bühne ein Zeichen seiner Persönlichkeit war. Dessen Bewegungen erschienen ihm stets fließend, mühelos, natürlich, als könnte er sich in jede Situation, in jede Umgebung einfügen auf eine Weise, die ihn mit allem verschmelzen ließ, was sich in seiner Nähe befand.
Nathan wusste nicht, wie viel Kraft und Jahre harter Arbeit es Liam gekostet hatte, diesen Eindruck zu erwecken. Er konnte nur raten. Nur vergleichen mit den zahllosen Lehrstunden, die er selbst mit dem Erlernen eines Handwerkes verbracht hatte, das nur allzu oft nur allzu gering geschätzt wurde.
Vielleicht erschien Liam ihm auch deshalb als die Perfektion in Menschengestalt. Wie er neben ihm saß, wie sein muskulöses Bein ausgestreckt vor ihnen auf einem Kissen ruhte. Wie sein dunkles Haar voll auf die Schultern viel. Wie er trotz seiner Erschöpfung die aufrechte Haltung eines Tänzers zeigte, all das bezauberte Nathan mehr, als jeder Auftritt es bis jetzt getan hatte.
„Du… du trinkst nicht?“, fragte er in dem Bemühen, das sich ausdehnende Schweigen zwischen ihnen zu unterbrechen. Just in diesem Moment fiel ihm das Unhöfliche seiner Fragestellung ein, die Gefahr, in einen Bereich der Persönlichkeit einzudringen, den Liam möglicherweise lieber verborgen hielt, und er senkte verlegen den Blick.
Doch Liam lächelte nur still, wie er es an diesem Abend schon so oft getan hatte und schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, nicht mehr“, gab er schließlich zu, nachdem er den Sekunden gelauscht hatte, die vorbeirannen, unwiederbringlich, angezeigt nur durch das regelmäßige Ticken der Uhr an der Wand.
„Nicht mehr“, wiederholte er und drehte sich zu Nathan, um ihm ins Gesicht zu blicken. Dieser schlug erneut die Augen nieder, und Liam konnte sehen, was es ihn kostete, ein erneutes Erröten zu verhindern.
„Ich… ähm… ich trinke auch nur manchmal…“, stammelte Nathan, doch verstummte, als Liams Lächeln sich verbreiterte.
„Ist schon gut“, sagte der Dunkelhaarige. „Ich habe kein Problem damit.“
Und ehe Nathan sich versah, lehnte Liam sich zu ihm hinüber und legte seine Hand auf Nathans Schenkel. Kurz nur, sehr kurz. Eine winzige vertrauliche Geste, vergangen, bevor Nathan sie richtig wahrgenommen hatte. Verspätet zuckte er zurück, verwirrt. Und doch fühlte es sich an, als führe immer noch ein Blitz durch seine Nervenbahnen, lief ein Kribbeln durch seinen Körper, begann, noch bevor es aufhören konnte, von Neuem in einem nicht enden wollenden Zirkel. Nathans Augen wurden groß und dunkel, als er Liam anstarrte, der sich zurücklehnte. Das Lächeln war aus dem Gesicht des Dunkelhaarigen verschwunden. Aufmerksam betrachtete er Nathan, verfolgte die Reaktion des Mannes. Nathan sog zitternd den Atem ein, bemühte sich, sein pochendes Herz zu beruhigen, indem er den Atemzug ausdehnte. Es funktionierte nicht. Sein Puls begann zu galoppieren. Ihm schien es, als würden seine Blutgefäße gesprengt, als explodierte sein Herz, wenn nicht in diesem Augenblick, dann doch im nächsten.
„Was… was hat das zu bedeuten“, flüsterte er, ohne es zu bemerken.
Liam zuckte mit den Achseln. „Nichts. Entschuldige“, antwortete er leise, beugte sich vor und griff nach seinem Glas.
„Warte, ich helf dir“, rutschte es Nathan heraus. Doch da hatte er sich bereits vornüber gelehnt und mit seinen Fingern die Hand des anderen umschlossen.
„Entschuldige“, brachte Nathan heiser hervor. Doch es gelang ihm nicht, den Griff um Liams Hand zu lösen. Im Gegenteil. Seine Hand lag sanft auf der des anderen, umschloss die langen, schmalen Finger Liams, die ihrerseits das Glas hielten.
„Ich…“ Er wollte sich wieder entschuldigen, wollte sich zurückziehen, etwas sagen, eine Erklärung abliefern, doch der Blick, den Liam ihm zuwarf, ließ ihm den Atem stocken. Tief tauchten Liams Augen in Nathans, forschten, suchten, fanden in seinem Inneren.
„Ich…“, wollte er sprechen, wollte ablenken von dem reglos starrenden Bild, das er abgab, das er bereuen werde, sobald er ausreichend bei sich war, um einer derartigen Emotion fähig zu sein. Doch Liams Augen ließen ihn nicht los, lähmten seinen Körper bis zu der Fähigkeit, Worte zu formen. Stattdessen ertrank Nathan in ihrer Tiefe, fühlte, wie Wellen über ihm zusammenschlugen, ihn hinab saugten, durch einen Strudel hindurch bis in eine Falle, der zu entkommen er sich nicht mehr wünschte.
Und Liam fand in den blauen Augen des Blonden, was er gesucht hatte. Er erkannte in deren Klarheit, deren eigenen, kühlen Dunkelheit, hinter dem spiegelnden Blick eine Sehnsucht, die er verstand, an die er sich seit zu langer Zeit gewöhnt hatte.
Langsam lehnte er sich vor, ein Stück nur, ein kleines Stück, denn er ahnte, dass nicht nur er es war, den es zu dem anderen zog. Nathan kam ihm entgegen, geleitet von einer Kraft, die außerhalb seines Verstandes und seiner Vorstellungskraft existierte. Magnetismus führte sie zusammen. Und als ihre Lippen sich berührten, war es wie das Versprechen einer Erfüllung, die in ferner Zukunft auf sie wartete.
Nathan schloss seine Augen. Liams Lippen fühlten sich an, wie er sie sich erträumt hatte. Sanft und gleichzeitig fest. Fordernd und doch zärtlich zugleich. Ein Hauch von Unsicherheit, ein Moment des Zweifels schwebte in dem Kuss, der viel zu flüchtig, viel zu schnell beendet war. Eine Kostprobe nur, ein Test.
Nathan schmeckte herb, fast würzig. Nach Whiskey und Theaterluft. Liam atmete den Duft, schmeckte ihn noch, nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten. Nathan fühlte sich an, wie Liam ihn sich vorgestellt hatte. Fest, aber doch anschmiegsam. Liam ahnte Sehnsüchte und Verlangen in diesem einen, kleinen Moment und er verharrte mit geschlossenen Augen. Als er die Augen aufschlug, sah er, dass Nathans noch geschlossen waren, erkannte an den bebenden Wimpern, an dem Ausdruck in Nathans Gesicht, an dem raschen Heben und Senken seines Brustkorbes, dass der mehr wollte, sich mehr wünschte. Dass er dasselbe ersehnte, wie Liam.
Als habe er es nicht gewusst. Liams Mundwinkel umspielte ein Lächeln, als er vorsichtig zwei Finger unter Nathans Kinn legte, sein Gesicht anhob.
„Ist das in Ordnung für dich?“, fragte er leise und beobachtete, wie die Augenlider Nathans flatterten.
„Ja“, flüsterte Nathan als Antwort. „Das ist es.“ Um seine Mundwinkel zuckte es ebenfalls. „Das ist es wirklich.“
Berührung
Sie berührten sich oft. Lange war das Janine nicht aufgefallen. Erst als Simon, halb im Scherz, halb mit Ernst begann, seine Bemerkungen fallen zu lassen, da erkannte auch Janine, dass seine Beobachtungen keineswegs übertrieben waren.
Simon war der Clown am Set, immer hatte er einen Scherz auf den Lippen und darin lag wohl auch der Grund, dass niemand sein Geplänkel wirklich ernst nahm.
Zudem kannten sie alle Calvin, kannten dessen Art. Er umarmte alles und jeden, und mit besonderer Vorliebe seine Kollegen. Als müsse er sich mit jedem verbünden, ein auch körperliche Bindung aufbauen, der ihm in einer Szene zuspielte, so küsste, knuffte oder fuhr er demjenigen durchs Haar, ob derjenige dies nun gut hieß oder nicht.
Es war der Preis dafür, dass er sich wohlfühlte. Und wenn Calvin sich wohlfühlte in seinem Spiel, dann agierte er brillant, einer Oskar-Nominierung würdig, so zumindest die Zeitungen. Wenigstens die Zeitungen, die sich mit einer durchschnittlichen Fernsehserie wie der Ihren beschäftigten.
Obwohl es auf das Ensemble ankam, so gab es doch kaum einen Zweifel, dass Calvins Talent die Show in die erste Riege katapultieren konnte, ließe man ihm genug Freiraum. Doch soweit war es noch nicht. Sein Charakter war wichtig, unbestritten. Ebenso wichtig wie der Kevins.
Dabei begann alles mit der Konzentration auf Kevins Rolle, seine Entwicklung, sein Schicksal. Doch nur nach wenigen Folgen konnten Drehbuchautoren ebenso wenig wie verantwortliche Produzenten die Dynamik übersehen, die beide Schauspieler aus dem Nichts heraus kreierten. Sie reagierten und gebaren neue Handlungsstränge, neue Ideen, überraschende Wendungen.
Und Kevin wuchs über sich hinaus, seine Fähigkeiten überstiegen rasch alles, was er bislang gezeigt hatte. So erstaunte es niemanden, der die beiden zusammen erlebte, dass der Jüngere stets nur in den höchsten Tönen und voller tiefer Bewunderung von Calvin sprach. Sie ergänzten sich und die Freundschaft, die sich entwickelte, kam natürlich und fließend, unvermeidlich.
Vielleicht lag es auch am Altersunterschied, am Mangel kollegialen Neides oder einfach an dem lockeren Umgang beider Darsteller mit dem plötzlich eintretenden Erfolg, dass es keinerlei Misstöne gab, dass beide in Interviews den anderen über das werbetechnisch notwendige Maß hinaus lobten und verehrten.
Für Janine war es ihre erste Rolle, ihre erste größere Rolle. Sie war jung und neu in dem Geschäft, mehr durch Zufall dazu gekommen, als durch ihren Ehrgeiz. Und trotzdem liebte sie es, liebte die Schauspielerei, liebte die Spannung, die Konzentration, das Abrufen höchster Leistungen unter Zeitdruck mehr als alles andere, was sie bislang versucht hatte.
Ihre ersten Schritte als Modell ließen sich besser verwerten, als ihre Agentin geglaubt hatte und so stieg sie rasch zu einer der beliebtesten Charaktere der Serie auf. Nicht von ungefähr und mit Sicherheit hilfreich war die Tatsache, dass sie dazu erkoren war, die große und heimliche Liebe für Kevins Charakter darzustellen. Ein Umstand, der ihr sehr entgegenkam, musste sie doch zugeben, einen schwachen Punkt in sich zu bemerken, jedes Mal, wenn Kevin auf sie zukam.
Auch aus diesem Grund machte ihr Herz einen ordentlichen Sprung, als sich dieser ihr eines Abends nach Drehschluss näherte.
Janine bemerkte den hilfesuchenden Blick und das darauf folgende, beinahe unmerkliche Nicken, mit dem Calvin Kevin antwortete, obwohl er sich gerade im Gespräch mit der Regieassistentin befand. Breit lächelnd und seinen Charme in alle Richtungen versprühend unterhielt er sich, doch seine Augen huschten von Zeit zu Zeit zu Kevin herüber, der nun ein wenig unsicher vor Janine stand.
Für einen Augenblick nur fragte sie sich, wie Calvins Frau es wohl aushielt, dass dieser mit jedem weiblichen Wesen flirtete, mittlerweile offensichtlich ohne sich selbst dessen bewusst zu sein.
Janine legte den Kopf schief und strich ihr rötlich schimmerndes Haar zurück, sich sehr wohl bewusst, dass das Freilegen ihrer weißen Haut am Nacken und der Anblick der weichen Linie, die sich zwischen Hals und Schultern dehnte, ausreichten, um mehr als einen interessierten Betrachter in seinen Knien schwach werden zu lassen.
Auch Kevin schluckte trocken, lächelte dann sein typisches schiefes, jungenhaftes Lächeln und fragte sie,wie erwartet, ob sie nicht Lust habe, mit ihm auszugehen.
Natürlich hatte sie, und selbst wenn seine schlanke, beinahe schlaksige Gestalt und seine dunklen Locken ihr kein angenehmes Kribbeln im Unterleib verursacht hätten, so würde sie doch alleine zusagen, um der Presse eine hübsche Story aufzutischen und somit ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Janine hatte schnell gelernt, wie das Geschäft funktionierte.
Der Abend verlief nett und harmlos. Sie tasteten sich vorsichtig einander an, lernten sich kennen, doch ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Als die Paparazzi auftauchten, nahm Kevin ihre Hand und hielt sie, bis beide sicher gehen konnten, dass alle Schnappschüsse gemacht waren.
„Das war sehr schön“, sagte sie zum Abschied und bot ihm ihre Lippen, die er pflichtschuldig und doch zärtlich küsste. Viel zu kurz, wie sie fand, aber doch ein Anfang.
Und wie sie es sich hätten denken können, war Simon am nächsten Morgen der erste, der einschlägige Artikel und Schlagzeilen zitierte. „Die junge Liebe“, neckte er Janine, die ihm empfahl, seinen Text noch einmal durchzugehen, anstatt dumme Gerüchte zu verbreiten. Schließlich war für gewöhnlich nicht sie es, die Dreharbeiten verzögerte.
Simon jedoch ließ sich nicht beeindrucken. „Du willst also behaupten, es wäre nichts zwischen euch?“, stichelte er weiter.
Gegen ihren Willen fühlte Janine, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Gar nichts“, zischte sie zurück und verteilte Puder auf ihren Wangen. „Wir sind nur Freunde.“
„Ach so“, meinte Simon und steckte die zu seiner Uniform gehörende Marke an, die ebenso falsch war, wie alles andere am Set. „Nur Freunde, so wie Kevin mit Calvin nur befreundet ist.“
Janine entging der giftige Unterton, als sie bestätigte. „Genauso. Wir waren nur essen.“
Simon stand auf und pfiff vor sich hin, zwei der Zeitschriften, die er mitgebracht hatte, vor sich her wedelnd.
Janine zuckte zusammen, als eine lange Gestalt sich plötzlich über sie beugte. Zuerst dachte sie, Kevin würde ihr sanft ins Ohr pusten, doch dann verstand sie die leisen Worte.
„Ich muss mit dir sprechen“, flüsterte er und Janine nickte nur, unfähig zu antworten, da ihr ganzer Körper vibrierte und ihr Blut in den Ohren rauschte.
Doch es schien, als habe Kevin weiter nichts sagen wollen, denn als sie wieder zu sich kam, war er bereits verschwunden.
Sie spielten eine Szene zusammen und Janine glaubte, die Spannung knistern zu hören. Jedoch kam das leise Knistern nicht gegen die Funken an, die zwischen Kevin und Calvin flogen, als sie an einem einzigen Drehtag den Bogen zwischen Streit und Versöhnung ihrer Charaktere schlugen.
Janine ging es wie den meisten anderen, die gebannt zusahen, obwohl sie sich eigentlich bereits hätten zurückziehen können. Heimlich bestätigte das Gesehene sie in ihrer Überzeugung, dass die beiden miteinander geübt haben mussten.
Die Zweifel, der Verrat und die unausweichliche Versöhnung entfalteten sich zu perfekt, zu flüssig. Deshalb war Janine auch nicht überrascht, als nach der Aufnahme Kevin die Hand Calvins ergriff und ihn zu ihr führte. Sie berührten sich, während des Spiels und in Wirklichkeit. Ihre Vertrautheit unterstützte ihre Kunst.
Erst als er vor ihr stand, ließ Kevin den anderen Mann los. „Ist es in Ordnung, dass Calvin mitkommt?“, fragte er leise.
Janine sah ihn überrascht an, nickte dann. „Ja doch, warum nicht“, antwortete sie trotz widerstrebender Gefühle.
„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte Calvin beinahe entschuldigend. „Aber wir können mit meinem Wagen fahren und zurück nehmt ihr ein Taxi.“
Kevin lächelte, also lächelte auch Janine und erntete von Calvin einen spontanen Kuss auf die Wange.
Es dauerte nicht lange, den Drehtag zu beenden und sich umzuziehen. Dennoch wartete Calvin bereits auf sie und auch auf Kevin. Er schien es wirklich eilig zu haben, ein Umstand, der Janine nicht weiter beunruhigte.
„Wohin fahren wir?“, fragte sie, nachdem sie sich gemütlich in die Polster zurückgelehnt und ihren kurzen Seidenrock glattgestrichen hatte.
Calvin antwortete und Janine nickte erfreut. Ein kleines Weinlokal mit abgetrennten Nischen und großer Betonung auf Privatsphäre. Offenbar war dieser Abend nicht als Futter für die Fotographen geplant.
Der Wein war schwer und süß und Janine fragte sich einen Moment, ob beide Männer ihr zuliebe die gleiche Bestellung getätigt hatten.
Sie deutete auf Calvins Karaffe. „Kannst du danach noch fahren?“
Calvin lächelte und legte eine Hand auf Kevins Arm. Überhaupt saßen die beiden sehr eng zusammen. Janine kam es vor, als berührten ihre Knie sich unter dem Tisch.
Nicht, dass sie kein attraktives Bild boten, das musste sie unumwunden zugeben. Beide dunkles Haar, kaffeebraune Augen und beinahe die gleichen Hemden, weiß und steif im Kragen. Sie könnten die Brüder sein, als die sie besetzt worden waren.
„Ich trinke nicht aus“, sagte Calvin. „Kevin bekommt, was mir zu viel ist.“ Ihre beiden Augen trafen sich und Janine bemerkte etwas wie Trauer oder Schmerz in dem dunklen Blick.
Dann sah er auf seinen Teller, sprach jedoch weiter. „Ihr versteht euch also gut, Kevin und du.“
Janine blinzelte. „Ja, ich denke schon.“ Verwundert wandte sie ihre Aufmerksamkeit Kevin zu, bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.
„Das ist schön.“ Calvin blickte immer noch nach unten. Mit Messer und Gabel schob er lustlos das Stück Baguette auf seinem Teller hin und her. „Sehr schön.“
„Ich… ich weiß nicht…“ Janine runzelte die Stirn, fühlte sich mit einem Mal bloßgestellt, unvorbereitet auf einer Bühne, ohne auch nur die leistete Ahnung zu haben, was von ihr erwartet wurde.
„Es… es ist ein wenig kompliziert“, murmelte Kevin und Janine bemerkte, dass seine Augenlider flatterten.
Calvin bemerkte dies auch. Er beugte sich zu Kevin, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Möchtest du das lieber ohne mich…?“, fragte er leise.
Kevin seufzte, drehte dann seinen Kopf, um den anderen direkt anzusehen. „Ich glaube ja“, sagte er leise. „Entschuldige bitte. Ich dachte zuerst, es wäre leichter, wenn du dabei bist… aber jetzt.“
„Ich verstehe.“ Calvin lächelte und küsste ihn auf die Wange. „Ruf mich an“, sagte er, bevor er sich erhob und zu Janine ging, diese ebenfalls liebevoll küsste. „Sei nicht böse auf mich“, wisperte er, ein Hauch nur, so dass sie nicht sicher war, ob die Worte auch für Kevin gedacht waren.
Janines Frage, warum in aller Welt sie denn böse sein sollte, blieb unausgesprochen, als Calvin der Kellnerin winkte und in der weltgewandten Art, die Janine eher aus seiner Rolle kannte, die Rechnung beglich.
Seine Augen trafen noch für einen Augenblick die Kevins, bevor er sich abrupt umdrehte, als würde ihm der Abschied anders nicht gelingen, und das Restaurant verließ.
Das Schweigen zwischen Janine und Kevin dehnte sich aus, wuchs zur Unbeweglichkeit. Endlich hielt Janine es nicht mehr aus, räusperte sich. Als erwache Kevin aus seinen Gedanken, richtete er sich plötzlich auf, griff nach Calvins Glas und stellte es neben seines. Seine Finger hielten den Stiel und er betrachtete scheinbar konzentriert die Farbe des Getränks, als er anhob zu sprechen.
„Ich wollte Calvin dabei haben, weil ich dachte, dann wäre es leichter, dir unseren… meinen Vorschlag zu unterbreiten.“
Er schwieg wieder und Janine begann unruhig auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Das wurde eindeutig immer merkwürdiger.
„Was denn für einen Vorschlag?“, fragte sie schließlich.
Kevin hob das Glas, nippte daran, setzte es dann langsam wieder ab. Erst dann blickte er auf, suchte ihre Augen.
„Janine“, begann er.
„Ja?“ Sie lächelte.
„Du bist eine wunderschöne Frau und ein unglaublich nettes Mädchen.“
Janine hob ihre Augenbrauen. „Danke – denke ich.“
„Doch, das bist du. Und… und du hast eigentlich nicht verdient, was ich vorhabe, dich zu fragen. Du verdienst Besseres.“
„Das… hört sich wahrhaftig seltsam an.“ Janina runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht, was du meinst.“
Kevin lehnte sich mit einem Seufzer zurück und fuhr sich durch das dunkle Haar. Dann erst wieder sah er sie an.
„Ich… ich liebe Calvin“, sagte er.
„Ach.“ Janines Mund klappte auf.
„Ich liebe ihn“, wiederholte Kevin. „Und er liebt mich, wir lieben uns. Wir… wir sind ein Liebespaar.“
Janine spürte, wie verlegene Röte ihr Gesicht überzog und sich gleichzeitig eine vage Übelkeit in ihrem Bauch ausbreitete. Das verlief definitiv nicht so, wie sie es sich erhofft hatte.
„Und… und warum erzählst du mir das?“, brachte sie mit Mühe hervor. Ihr Mund war plötzlich trocken und sie griff nach ihrem Wein, trank einen großen Schluck.
Als sie wieder aufsah, kam es ihr vor, als habe auch Kevins Gesicht eine rosa Tönung angenommen. Der Gedanke an seine Verlegenheit in Zusammenspiel mit der Wärme, die der Wein in ihrem Inneren verursachte, hob Janines Stimmung ein wenig und sie fürchtete beinahe, in Kichern auszubrechen. Eine Reaktion, die ihr dann doch nicht angemessen erschien, zumal sie den Anflug einer aufkommenden Enttäuschung auch nicht unterdrücken konnte.
„Ich meine… warum bist du dann mit mir ausgegangen?“, fragte sie.
Kevin seufzte und blickte ihr direkt in die Augen. „Kannst du es dir nicht vorstellen?“
Langsam nickte Janine. „Calvin ist verheiratet“, murmelte sie dann. „Er… er wird sich wohl nicht scheiden lassen?“
Kevin schüttelte den Kopf. „Das… das würde ich auch nicht wollen“, gab er zu und senkte den Blick. „Nicht wirklich.“
„Und ihr… und jetzt braucht ihr eine Ablenkung?“, riet Janine. „Einen Aufhänger für die Presse, damit das Offensichtliche nicht zu offensichtlich ist?“
Kevin stöhnte. „Du weißt, wie das Studio denkt über… über…“
„Gleichgeschlechtliche Liebe?“, fragte Janine. „Bei mir fänden sie es gut.“
Sein schiefes Lächeln blitzte auf, als Kevin antwortete. „Das ist bei Frauen immer noch ein wenig anders.“
Janine nahm noch einen Schluck. „Ich denke, ich fange an zu verstehen.“ Sie konnte es nicht verhindern, dass Bitterkeit in ihrer Stimme mitklang. „Die Show gestern war ein Test, ob es funktioniert. Und nachdem die Presse angesprungen ist, dachte Calvin, es sei an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.“
„Das war nicht Calvins Idee“, entschlüpfte es Kevin in härterem Tonfall, als beabsichtigt. „Er… ich denke, er würde es sogar öffentlich machen… wenn… wenn seine Frau nicht wäre und er ihr nicht wehtun wollte.“
Janine schnaubte. „Da kommt er jetzt drauf?“
Kevins Blick traf den ihren und wirkte nun so flehentlich, dass Janine nicht anders konnte, als sich zu fragen, wer eigentlich den dominierenden Part in dieser Beziehung einnahm. Und Kevins folgende Worte bestätigten ihre Vermutung.
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn… wenn alle Bescheid wüssten“, gab er gequält zu. „Nicht nur wegen…“ Er vollführte eine ungenaue Handbewegung, sank dann, wenn überhaupt möglich, noch tiefer in sich zusammen.
„Ich kann es einfach nicht… es geht nicht. Nicht jetzt… nicht zu diesem Zeitpunkt.“
„Und ich… ich soll deine Freundin spielen?“
Janine holte tief Luft, bemühte sich den Schmerz fort zu atmen, der in ihr aufstieg.
„Nein.“ Kevin sah wieder auf. „Nicht nur spielen.“ Er biss sich auf die Unterlippe und sah sie so unglücklich an, dass sie fast gerührt war. „Ich… ich möchte wirklich mit dir zusammen sein.“
„In der Öffentlichkeit… auf Premieren…“, ergänzte sie fragend.
„Auch“, gab Kevin zu. „Aber nicht nur.“
„Du… du möchtest eine Frau, für die Zeit, wenn Calvin mit seiner Familie zusammen ist“, schloss Janine.
„Ein normales Leben“, sagte Kevin schwach. „Wenigstens so viel davon, wie ich haben kann.“
Janine schwieg und begriff endlich. Ein normales Leben. Etwas, wovon sie lange nicht mehr bewusst geträumt hatte. Und obwohl sie wusste, dass sie es nie haben könnte, im Grunde ihres Herzens wahrscheinlich auch niemals haben wollte, blieb doch die Illusion, das rahmenhafte Gebilde ein Gerüst, an dem festzuhalten, sie sich wünschte. Ein unterschwelliger Wunsch, einer, der niemals ausgesprochen, nicht einmal in Gedanken formuliert wurde, existierte dennoch, glich er einer Sehnsucht, an deren Unstillbarkeit sie sich gewöhnt hatte.
„Ein normales Leben“, wiederholte sie laut, aber nachdenklich. „Du sprichst von Premieren, gemeinsamen Auftritten, Gastspielen, wie dem gestern.“
Kevin nickte vage. „Vielleicht auch mehr.“
„Mehr, wie zusammen wohnen?“
Kevin zog eine Augenbraue hoch. „Vielleicht. Warum nicht? Eines Tages?“
„Hm.“ Janine begann es sich vorzustellen.
„Wie viel von alldem wäre Show?“, fragte sie nach einer Weile sachlich.
Und plötzlich lächelte Kevin. „So viel du willst“, antwortete er.
Sie sah ihn an, spitzte nachdenklich die Lippen. „Du machst mir demnach einen Antrag mit allem Drum und Dran, nur unter der Voraussetzung, dass ich die Sache zwischen dir und Calvin akzeptiere und geheim halte.“
Kevin atmete aus. „Das wäre so ungefähr der Deal.“
Janine wog Vorteile gegen Nachteile ab und kam zu einem Schluss. „Du würdest alles tun, was ich dir sage?“
„Nun, vielleicht nicht alles.“ Kevin lächelte wieder. „Aber sicher das, woran du denkst.“
Janine kicherte. „Du wärst mein Traumprinz?“
„Dein was?“ Kevins Blick weitete sich belustigt.
Janine zuckte mit den Schultern. „Nun – irgendetwas möchte ich auch davon haben. Und ein Verhältnis mit einem Mann wie dir, einem gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der mir sicher in mehr als einer Hinsicht Wege ebnen kann, mir helfen wird, aus meinem Namen einen Begriff zu machen und der mich zudem auf Händen trägt, mich ausführt, öffentlich beschenkt…“
Sie kicherte wieder, nickte dann. „Ich denke, das wäre es mir wert.“
„Wirklich?“ Kevin sah sie gespannt an und Janine nickte, seufzte und legte dann ihre Hand auf seine.
„Wirklich und ehrlich. Ich gebe zu, dass meine Vorstellungen von unserer Beziehung ein wenig romantischerer Natur waren, aber letztendlich geht es doch in unserem Job darum, so pragmatisch wie möglich zu sein.“
Kevin nahm ihre Hand auf, drehte sie in seiner und küsste ihre Handinnenfläche. „Ich wusste, dass du die Richtige bist“, sagte er leise. „Danke.“
Janine lächelte. Wenn dies das Beste war, was sie bekommen konnte, dann sollte der Teufel sie holen, wenn sie es sich nicht nähme.
Schmerz
Mark starrte auf den Boden. Er merkte nicht, wie er auf den Boden starrte, spürte nicht, wie die Zeit verging, wie seine Kollegen an ihm vorbeiliefen, viele achtlos, viele während sie einen merkwürdigen Ausdruck in ihrem Gesicht trugen.
Er wusste, dass er wenigstens den Anschein erwecken sollte, zu arbeiten oder es zumindest zu versuchen, und konnte sich doch nicht dazu überwinden, seinen Text in die Hand zu nehmen.
Das würde bedeuten, dass er ihn festhalten müsste, seine Augen auf die Buchstaben richten, auf das grelle Weiß des Papieres, das in seinem Kopf schmerzte, wenn die Scheinwerfer es erfassten.
Vielleicht sollte er sich zurückziehen, einen Ort aufsuchen, an dem er alleine sein konnte. Aber Mark brachte die Kraft dazu nicht auf. Er war erschöpft. Erschöpft seit langem. Seit Tagen, Wochen mit Sicherheit. Und er wusste warum.
Dazu kam, dass er, wenn er wirklich ginge, die Chance versäumte, ihn zu sehen. Ihn nur zu sehen. Mehr erwartete er gar nicht mehr und eigentlich war es traurig, wie bescheiden er geworden war.
Er, den einst niemand hatte stoppen können, zur Hölle, den auch jetzt niemand stoppte.
Schließlich war es nicht so, als habe er nichts zu tun. Im Gegenteil, er füllte seine Tage und Nächte mit Aktivitäten. Sein Glück bestand in dem Netzwerk aus Freunden, das er sich aufgebaut hatte, den vielen grundverschiedenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und Unternehmungen, in die sie ihn nur allzu gerne einbezogen.
Nicht nur, weil er gerne mitmachte, weil er gerne unter Menschen war. Gesellschaft hatte er von Kindheit an dem Alleinsein mit seinen Gedanken vorgezogen. Zu quälend erschienen ihm diese häufig. Sie gingen in Richtungen, die mit Traurigkeit zu tun hatten, und gefährlich nahe an die Depression führten.
Ablenkung und Arbeit gingen eine angenehme Symbiose ein, wenn er sich die Andeutung eines eigenen Lebens vorgaukelte, unabhängig von dem Mann, um den trotz allem seine Gedanken ohne Unterlass kreisten.
Für die Freunde, die nun seine Zeit in Anspruch nahmen, stellte sich jeder Schritt, den er in Richtung Bekanntheit machte, als doppelt positiv heraus.
Sein Name bedeutete Werbung, seine Anwesenheit bedeutete Mädchen und Frauen, die Schlange standen, um sich ein Autogramm abzuholen oder ein Foto mit ihm zu ergattern.
Er beteiligte sich gerne auch an den Bemühungen der anderen. Es waren die kleinen Schritte, die zum Erfolg führten, und Mark machte sich nichts vor.
In der heutigen Zeit, in der jeder ein Star sein wollte, war er ein kleines Licht. Gut – er hatte in einigen Serien Gastrollen, und in einigen Filmen Nebenrollen bekleiden dürfen, aber bis auf die aktuell laufende Produktion, reichte keine der Rollen wirklich aus, um seinen Namen den Zuschauern im Gedächtnis haften zu lassen.
Obwohl es gut für ihn aussah, war er doch weit davon entfernt, durch seine Darstellung aufzufallen. Er war weit davon entfernt, Preise zu erhalten, Auszeichnungen oder auch nur lobende Erwähnungen seitens der Kritiker.
Die waren ihm vorbehalten, Norbert.
Natürlich – Norbert befand sich schon weitaus länger in diesem Geschäft, als er es tat. Norbert hatte Hauptrollen gespielt, und sich schon vor vielen Jahren einen Ruf geschaffen.
Er gehörte nicht zu den Großen, aber dem Zielpublikum, an das ihre Serie sich richtete, war er ein Begriff.
Bei Mark dagegen handelte es sich für die meisten um nicht mehr, als ein hübsches Gesicht. Er war einer der vielen jungen Kerle, die sich die Seele aus dem Leib spielten, aber dennoch nur von einem kleinen Teil der Zuschauer wahrgenommen wurden. Hauptsächlich von jenen, die in seinem Charakter etwas von sich wiedererkannten, denen seine Rolle etwas bedeutete. Nicht er, nicht der Schauspieler.
Selbst wenn sie sein Autogramm wollten, sprachen sie ihn mit seinem Serien–Namen an. Und Mark lachte dazu.
Warum auch nicht. Es war ein Schritt. Und er hatte Geduld. In den meisten Dingen.
Er stellte sich vor die Produkte, die seine Freunde fabrizierten, lächelte pflichtschuldig, fand warme Worte, stellte sein eigenes Wirken in den Hintergrund.
Zumindest versuchte er es.
Denn je mehr sein Bekanntheitsgrad anstieg, desto mehr Interesse wuchs trotz allem an seiner Person. Ein Interesse, das sich nutzen ließ. Ein Interesse, das allerdings auch Nachteile mit sich brachte.
Und je mehr er darüber nachdachte, umso wahrscheinlicher kam es ihm vor, dass Norberts Verhalten der letzten Zeit damit zusammen hing.
Es konnte nicht daran liegen, dass Norbert ihn nicht mehr für anziehend hielt. Es konnte nicht daran liegen, dass der Ältere zu seiner Frau zurückgefunden hatte, sich seiner Verantwortung als Vater stellen wollte.
Es konnte auch nicht daran liegen, dass die Produzenten zu ihnen gekommen waren, zu ihnen beiden, um ihnen zu sagen, dass sie ihre Serienbeziehung distanzierter angehen sollten.
Aber vielleicht war es doch gerade das?
Vielleicht war dies der Weckruf gewesen, der Norbert hochschrecken und sein Verhalten überdenken ließ.
Sie spielten Kollegen, Anwälte, die nebeneinander, miteinander arbeiteten. Kollegen in Freundschaft verbunden. Eng genug, dass ihr Schulterschluss bei der Aufklärung ihrer Fälle vorprogrammiert war, dass sie ihre Aktionen gemeinsam durchführten.
Aktionen, die Körpereinsatz erforderten, die Kontakt erforderten, Körperkontakt.
Sie zogen, stießen, schubsten sich gegenseitig in Deckung, flüchteten vor der Mündung einer Waffe oder warfen sich zu Boden während hinter ihnen eine Explosion imitiert wurde.
Eine Scheinwelt, in der mit allem gerechnet werden musste.
Kein Wunder, dass Norbert und Mark ihre Charaktere als sich nah begriffen. Miteinander verschweißt durch Erlebnisse der Vergangenheit und Bedrohungen der Zukunft.
Kein Wunder, dass sie ihre Verbundenheit durch Gesten und Blicke ausdrückten. Zumal ihnen sowohl Gesten, als auch Blicke nur allzu natürlich zuflogen, sich von selbst ergaben, je stärker auch das Band zwischen ihnen selbst und nicht nur zwischen den dargestellten Charakteren wurde.
Zuerst war es Freundschaft, gegenseitige Sympathie. Man ging Texte und Abläufe zusammen durch, trank Kaffee oder nach getaner Arbeit auch ein Bier.
Das gegenseitige Schulterklopfen verwandelte sich in ein Ritual, die gelegentlichen Umarmungen in eine Gewohnheit.
Bis eines Tages daraus mehr wurde.
Obwohl es nicht richtig war, obwohl sie beide wussten, dass es nicht sein durfte.
Schon allein, weil Norbert vergeben war.
Und doch geschah es, und es geschah wieder. Einmal damit begonnen, konnten sie nicht voneinander lassen.
An einem jener Abende war es passiert. Nach einer der Shows, der Preisverleihungen, an denen sie teilnahmen, da ihre Serie nominiert worden war. Nicht, dass sie gewann, darauf kam es auch gar nicht an. Es war das Ereignis, das zählte, die Aufmerksamkeit, die ihrer Arbeit zuteilwurde, und die ihnen die zweite Staffel sicherte.
Sie tranken vielleicht ein wenig mehr als sonst, ein wenig mehr, als ihnen guttat, ihnen beiden guttat.
Mark zog es im Allgemeinen vor, mit dem Alkohol behutsam umzugehen. Er kannte seine Neigung zu Drogen, die ständige Versuchung, die von dieser Seite auf ihn lauerte, und er hatte nicht vor, seine Fehler zu wiederholen.
Und Norbert berichtete hin und wieder von ähnlichen Erfahrungen aus seiner Jugend, von der Notwendigkeit, ein kritisches Auge auf sich selbst zu werfen.
Doch an diesem Abend warf niemand ein Auge, weder auf sich selbst, noch auf den anderen.
Und ihr Regisseur ließ nicht davon ab, nachzuschenken. Er ließ nicht davon ab, wieder und wieder dazu aufzurufen, anzustoßen, das Fest in die Länge zu ziehen. Immerhin war es der erste Auftritt der Besetzung gemeinsam vor den Kameras der Welt. Ihre Bilder würden den Weg über so gut wie jeden Kanal finden, in einem Großteil der Klatschblätter landen, und ihre Namen, sowie den der Serie über Grenzen hinaus bekannt machen.
Alle waren albern. Sie alle umarmten sich, tanzten, lachten, ließen den Abend nur widerstrebend ausklingen.
Es war nichts dabei, sich ein Taxi zu teilen, schließlich übernachteten Norbert und er in dem gleichen Hotel. In Zimmern, die zufällig nebeneinander lagen.
Während der Fahrt lehnte Mark seinen Kopf an Norberts Schulter, und Norbert legte seinen Arm um den Jüngeren.
Sie fuhren durch die Nacht, und Mark blinzelte gegen die Lichter der Straße und stellte sich vor, es seien Sterne. Er stellte sich vor, sie flögen, sie brausten durch das Weltall, und der warme Körper neben ihm gab ihm Halt und Trost, die Versicherung, dass sie ihr Ziel wohlbehalten erreichten.
Und das taten sie. Das Taxi hielt, und Norbert half Mark, der sich etwas tapsig anstellte und vernehmlich gähnte, aus dem Wagen.
„Das war wohl ein wenig viel heute“, hörte Mark die raue Stimme des anderen an seinem Ohr, als der ihn sicher vorwärts geleitete.
Er lächelte leicht und sah auf die weichen Teppiche, die ihre Schritte aufsaugten. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und schwankte ein wenig mit dem Gefühl, dass er sich in einem Kreis von Lichtern um sich selbst drehte.
„Ein schönes Hotel“, murmelte er, und lächelte breiter, als er von weitem den verräterisch schleppenden Ton seiner Stimme als unverkennbares Anzeichen eines Rausches erkannte.
„Das ist es.“ Mark sah zur Seite, hoch zu Norberts Lippen, die sich langsam bewegten, die feucht und warm aussahen, verlockend.
Unter Einfluss des Alkohols gestand er sich ein, dass diese Lippen ihn bereits seit langem verlockten, dass sich der Arm auf seiner Schulter gut anfühlte, dass die Wärme an seiner Seite Trost versprach und vielleicht sogar mehr. Vielleicht sogar die eine Art von Liebe, nach der er ständig auf der Suche war, und die zu finden er schon seit langem nicht mehr hoffte.
Mark stand still, als Norbert sich ihre Schlüssel aushändigen ließ, Worte mit dem Mann an der Rezeption wechselte, die im Strom von Marks Gedanken untergingen.
Er kam wieder zu sich, als Norbert ihm erneut seine Hand auf die Schulter legte, seine warme Hand – er spürte sie durch den Stoff hindurch – und ihn zum Fahrstuhl führte, vor dem sie kurz warteten, bis die Türen sich mit einem leisen Klingen öffneten.
Sie standen in der kleinen Kabine, und Norbert sah ihn an. Mark lehnte mit dem Rücken gegen eine Wand und hielt sich mit beiden Händen an der waagrechten Stange fest, während Norbert nur reglos vor ihm verharrte, ihn nicht berührte, nichts sagte, ihn nur ansah.
Mark konnte nicht anders, als zurück zu starren. Er blickte in diese großen, braunen Augen, die er lachen gesehen hatte oder weinen, die in der Lage waren, jede Art von Emotion, die seine Rolle ihm gebot, auszudrücken, zu verstärken.
Und er bemerkte die Wimpern, die länger waren, als es sich eigentlich für einen Mann gehörte. Er bemerkte das dunkle Haar, das einen beinahe scharfen Kontrast bildete zu der fast zu blassen Haut.
Norbert hatte abgenommen in der letzten Zeit, Mark sah es nun deutlicher, als er es zuvor wahrgenommen hatte.
Er war schlanker geworden, und bleicher. Er sah jünger aus. Sein Haar fiel ihm in die Stirn, seine Hände blieben vergraben in den Taschen des Anzuges. Und er blickte Mark unverwandt an, der seinerseits still zurückblickte.
Ein Ruck und das Klingen ertönte erneut, als sich die Türen wieder öffneten, als Mark endlich seine Augen von denen des anderen löste, und hinaustrat in den Gang.
Er stolperte leicht, als ihm der Unterschied zwischen dem Boden des Fahrstuhls und dem flauschig roten Teppich auffiel.
Doch schneller noch als er sich wieder fangen konnte, griff Norbert nach ihm. Norbert, der neben ihn getreten war, ohne dass Mark es bemerkt hatte. Norbert, der ihn festhielt und ihn sicher weiterführte, bis sie die Nummern erreichten, die ihre Zimmer anzeigten.
„Kommst du klar?“ Mark mochte es sich einbilden, doch klang Norberts Stimme nicht ein wenig heiser, ein wenig unsicher – zu unsicher für einen Mann seines Alters, der gerade den Höhepunkt seiner Karriere erreichte?
Mark drehte sich zu ihm, und seine Augen blieben wieder an den Lippen hängen, an den sanften Kurven. Er sah zu, wie Norberts Zunge kurz und nervös hervor blitzte, wie sie über einen Teil der Unterlippe fuhr, einen glänzenden Streifen Speichel dort zurückließ.
Mark konnte nicht antworten. Er konnte auch nicht wegsehen. Er starrte den Größeren weiter an, starrte dessen Lippen an, die leicht zitterten, bevor sie sich bewegten.
Und dann drehte Norbert sich von ihm weg, und für einen Augenblick fühlte Mark sich verloren und allein, bis er hörte, wie der andere den Schlüssel in das Schloss schob und mit einem Klicken die Tür öffnete. Und ohne nachzudenken stolperte Mark hinter ihm in das Zimmer. Es spielte keine Rolle, ob es sich um seines handelte oder um das von Norbert. Spielte keine Rolle, was passierte. Er wusste nur, dass er jetzt nicht alleine sein wollte. Dass er es nicht ertragen konnte, von Norbert getrennt zu werden, und sei es auch nur durch eine Wand zwischen ihnen.
Er stolperte in das Zimmer, blinzelte als das Licht aufflammte, zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihm wieder schloss, und ein Schatten vor ihn trat.
„Brauchst du Hilfe?“ Norberts Stimme klang fast besorgt und Mark lächelte, hob sein Gesicht zu dem des anderem.
„Nein“, sagte er, und seine Stimme kam wie aus weiter Ferne. „Nur dich.“
Norbert schluckte. Mark fühlte mehr als er sah, wie sich dessen Adamsapfel bewegte. Danach spürte er nichts mehr außer zwei starken Armen, die ihn umschlangen, zwei Lippen, die sich hungrig auf seine pressten.
Er seufzte in den Kuss, als sich sein Mund zugleich mit dem des anderen öffnete, als eine Zunge die Konturen seiner Lippen nachfuhr, an seinen Zähnen entlang glitt, auf seine eigene Zunge traf, mit ihr spielte, bis Mark stöhnte, bis er zurückwich und nach Luft rang.
Doch Norbert ließ ihn nicht fort. Er hielt Mark nah genug, dass der seine Wärme fühlte, seinen Atem atmete.
„Ist es das, was du willst?“, fragte Norbert rau, und Mark konnte nur nicken. Dankbar nicken, aufgeregt und ein wenig beschämt, dass er es zugegeben hatte.
Daraufhin zog ihn Norbert näher an sich, barg sein Gesicht an Marks Schulter. „Ich kann nur nicht… ich… ich kann nicht…“
„Ich weiß.“ Marks Hand streifte Norberts Kopf, fuhr dann mit seinen Fingern durch die dunkelbraunen Strähnen, die sich jedem Versuch sie in Form zu halten, unermüdlich wiedersetzten.
Er wusste es wirklich. Er wusste, wovon Norbert sprach, wusste, dass dieser nie seine Frau aufgäbe, nie seine Familie verließe.
Mark kannte ihn, hatte zugehört, aufmerksam zugehört, wenn Norbert von Affären berichtete, schuldbewusst und trotzdem auf eine derart entwaffnende Art ehrlich, dass es Mark nicht möglich war, ihn zu verurteilen.
Er wusste selbst, wie leicht es sein konnte, wie hinterrücks sich die Versuchung heranschleichen, einen – den einen günstigen Augenblick abpassen konnte, um schließlich zu einer Handlung zu führen, die nicht zu verzeihen war, nicht wenn sie bekannt würde, nicht, wenn die Öffentlichkeit davon erführe.
Und so wusste er auch, dass Norbert seine Bindung ernst nahm, wusste und verstand es.
Er umfasste Norberts Kopf mit seiner ganzen Hand, und zog ihn näher, näher an seinen Hals.
„Ich weiß“, wiederholte er noch einmal. „Es macht nichts“, fügte er hinzu, als er fühlte wie sich Norberts Lippen gegen seine Haut bewegten, wie der sanfte Küsse seinen Nacken hinunter regnen ließ.
Als habe Norbert darauf gewartet, drückte er Mark näher an sich, drückte ihn fest genug, dass er dessen Erektion spürte, den Beweis dafür, dass es nicht nur Mark war, der sich die Nähe zwischen ihnen ersehnte.
Später, als sie im Bett lagen, ineinander verschlungen, ein konfuses Gemisch aus Armen, Beinen, aus verschwitzter Haut und erschöpften Gliedmaßen, küsste Mark die haarlose Brust auf der sein Kopf ruhte.
„Ich danke dir“, sagte er, und sah auf, als ein glucksendes Geräusch, ein Lachen an sein Ohr drang. „Du – dankst mir?“, fragte Norbert leise. „Ich bin es, der dir danken sollte. Du ahnst nicht, wie lange ich… wie sehr ich mich danach gesehnt habe.“
Mark stützte sich auf. „Dann ist es nicht zu Ende?“, fragte er, und erlaubte es seiner Stimme zu zittern.
„Nein“, antwortete Norbert. „Es ist nicht zu Ende.“ Und er ließ es zu, dass Mark sich über ihn warf, und sein Gesicht mit offenen Küssen bedeckte.
„Oh Gott… das ist… das ist…“
Mark fehlten damals die Worte, und er bewahrte diesen Augenblick in seinem Herzen wie einen Schatz, wohl wissend, dass er für eine lange Zeit der Vollkommenste in seinem Leben sein sollte.
Obwohl es viele schöne Momente gab. Die Momente, die sie teilten, in Abgeschiedenheit, in Heimlichkeit, gestohlene Momente, fern vom Set, fern von den Verpflichtungen, die das Leben ihnen auferlegte.
Es gelang. Sie teilten und sie unterstützten sich. Sie traten gemeinsam auf, nutzten die Möglichkeiten, die ihnen allein durch die Arbeit geboten wurde.
Wann immer sie konnten, schlossen sie eine Tür hinter sich, flohen vor den Augen der Öffentlichkeit, vor den Augen anderer, und ergaben sich ihrer Leidenschaft.
Bis… bis vor ein paar Monaten alles anders geworden war. Nicht plötzlich, nicht von einem Tag auf den anderen. Sondern langsam, stückweise, ohne dass Mark die Veränderung zunächst in Worte oder auch nur in Gedanken fassen konnte.
Eine langsam wachsende Distanz. Sie entstand mit dem Gespräch, das die Produzenten mit ihnen geführt hatten. Und mit jedem Tag vergrößerte sich der Abstand, weitete sich die Kluft zwischen ihnen. Mark kannte den Grund nicht. Ob es daran lag, dass Norbert seine Rolle in den Alltag übernahm, oder ob es andere Beweggründe gab, Vorsichtsmaßnahmen, Bedenken, die ihn zurückweichen ließen, blieb ein Rätsel.
Sie lernten nicht mehr zusammen, erhielten weniger gemeinsame Szenen. Ihre Charaktere trugen Differenzen aus, deren Intensität Mark auch noch spürte, wenn die Kameras längst ausgeschaltet waren.
Norbert war nicht mehr zu fassen. Er ließ sich nicht sprechen, nicht von ihm, und Mark ertappte sich dabei, wie er Nacht für Nacht dagegen ankämpfte, dass der Klumpen, den er in seinem Hals spürte, sich vergrößerte, stieg, sich in einem Schrei entlud oder in einem Sturzbach von Tränen.
Wie sollte er das erklären?
Wie jemand anderem, wie sich selbst deutlich machen?
Er hatte es gewusst, gewusst, dass es nicht von Dauer sein konnte, gewusst, dass Norbert nie für ihn da sein würde.
Und trotzdem wuchs der Schmerz in ihm an, bis er unerträglich war, bis Mark sich auf seinem Bett zusammenrollte und wartete, dass er vorüber ging, dass die Welle anstieg und dann wieder abflachte, erträglich wurde, wenigstens für eine Weile, bis die nächste Welle heran rollte.
Seine Tage vergingen in dumpfer Gleichgültigkeit. Bis er sich an einem Ort wie diesem wiederfand, umgeben von Kollegen, von Freunden, die nicht wussten, nicht wissen konnten, was er fühlte, die vielleicht über ihn lachten, oder ihn geflissentlich ignorierten, den Hoffnungsträger, der geholfen hatte, die Serie hochzubringen, doch der nun alle Anzeichen dafür aufwies, sich auf dem absteigenden Ast zu befinden.
Und er wartete, wartete auf ein Zeichen, auf ein Wort, einen Blick. Er wartete darauf, dass Norbert wiederkam, dass er zu ihm zurückkam, dass er seine Vorbehalte vergaß und vor ihm stand, seine dunklen Augen in die Marks tauchte und ihm versicherte, dass er es nun erkannt habe. Dass sie zusammengehörten. Dass es nichts auf der Welt gab, das sie trennen konnte, nichts und niemanden.
Doch nichts dergleichen würde geschehen. Nie geschehen.
Mark fühlte die Träne, die sich aus seinem Auge löste, die langsam, wie in Zeitlupe fiel, tiefer und tiefer, bis sie auf dem Boden aufkam und dort zerplatzte.
Es sollte nur eine sein, eine von vielen.
Held
Es machte Olaf verrückt, wenn Christian sein Haar aus der Stirn warf. Diese eine, lässige Kopfbewegung wirkte auf ihn gleichzeitig lächerlich und auf eine verbotene Art anziehend, die er nicht wagte, vor sich zuzugeben.
Manchmal fragte Olaf sich, was seinen Bruder dazu trieb, eine Frisur zu behalten, die derart unpraktisch war. Davon abgesehen, dass er sich nicht vorstellen konnte, warum Christian es ertrug, sein Gesichtsfeld permanent mit diesen dicken, schwarzen Strähnen einzuschränken.
Der Verdacht, er wollte sich hinter einem Vorhang verstecken, den er jederzeit nach Belieben zuziehen konnte, wollte er sich von der Welt abgrenzen, in seiner eigenen, verschrobenen Vorstellung des Lebens verbleiben, holte Olaf regelmäßig wieder ein.
Und doch musste er zugeben, dass Christians Haar zu dem Jungen passte, weitaus besser als die anderen Haarschnitte, die der während seiner rebellischen Jugendphasen ausprobiert hatte.
Anders als Olaf, der sein Haar stets kurz und praktisch geschnitten trug, funktionell, wie er sich ausdrückte.
Die beiden waren nicht nur in dieser Hinsicht vollkommen verschieden und der Grund dafür lag nicht nur in ihrem Altersunterschied, sondern vor allem in ihrem Wesen begründet.
Christian war ein Träumer, ein Weltverbesserer, wohingegen Olaf von dem Wunsch nach Macht angezogen und geleitet wurdet, nach Einfluss, getrieben von dem Drang, etwas zu seinen Gunsten zu verändern.
Olaf seufzte und stellte das Glas zurück, ohne davon getrunken zu haben. Manchmal fragte er sich, ob es seine Schuld war, seine Eigenheit, die Unruhe in ihm, die ihn stets wach hielt, in Alarmbereitschaft, die ihn zum handeln zwang. Oder ob es nicht doch an ihren Eltern lag, die ihm von Anfang an eine andere Behandlung hatten zukommen lassen als dem kleinen Bruder.
Als Erstgeborener lasteten von Anfang an die Erwartungen auf ihm, und damit ein Druck, den Olaf von Jahr zu Jahr zunehmend als Last empfand. Nicht, dass er sich je dagegen gewehrt hatte. Nein, keine Sekunde hatte er jemals gezögert, sich keinen einzigen Zweifel erlaubt. Es wäre ihm unfair vorgekommen, nach allem, was seine Eltern für ihn getan hatten, nach der teuren Ausbildung, den Elite-Internaten und den Chancen, die ihm auf dem Silbertablett dargeboten wurden.
Selbstverständlich waren sie auch immer deutlich gewesen, worin im Gegenzug seine Pflichten lagen, wie er zu Handeln habe und inwiefern er seine Dankbarkeit immer und immer wieder von Neuem zu Beweis stellen musste.
Und manchmal, wenn auch nur selten, beneidete Olaf Christian um dessen Freiheit, um die Möglichkeit, zu tun, was immer ihm in den Sinn kam, ohne den festgefahrenen Mustern folgen zu müssen, in die er selbst von Kindheit an gepresst worden war.
Und doch wusste Olaf sehr gut zu welch hohem Preis Christian sich diese Freiheit erkauft hatte, ob es denn in dessen Absicht gelegen hatte oder auch nicht.
Seit seiner Geburt hatte Christian sich nie mit den Erwartungen auseinandersetzen müssen, die auf Olaf lasteten. Christians Freiheit bestand in einer Gleichgültigkeit, die Olaf nur deshalb nicht spürte, weil seine Leere mit den Aufgaben und Pflichten erfüllt wurde.
Nur in den seltensten Momenten bemerkte Olaf die wohl verborgene Missachtung seiner Eltern. Es waren dies die Momente, in denen er selbst nicht ganz in der Spur lief, die wenigen Augenblicke, in denen er versuchte, eine eigene Meinung zu entwickeln, einen Gedankengang zu verfolgen, der nicht mit dem seiner Familie konform lief.
Dann fühlte er einen Hauch der Kälte, der Christian ständig ausgesetzt war und der sein Bruder nur entkam, indem er sich in Phantasien verstrickte, die ihn aus der Welt, wie sie sich ihm bot, entführten. Indem er Ziele entwickelte, die so entfernt von denen ihrer Eltern waren, dass sie zumindest die Geringste aller Reaktionen hervorriefen.
Standhaft hatte er sich geweigert, die Militärschule zu besuchen oder eines der anderen Internate, die ihm vorgeschlagen worden waren.
Olaf war ihm in dieser Beziehung spontan und für ihn selbst überraschend zur Hilfe gekommen. Sah er doch nicht, dass ein sensibles Kind wie Christian in einer Hierarchie, in der es hauptsächlich um Konkurrenzdenken und Ellbogen ging, bestehen konnte.
Nein, hatte er damals zu seinen Eltern gesagt, in einem der Augenblicke, die ihn in deren Augen neben die Spur brachten. Nein, das ist nichts für Christian. Und sie mussten ihm glauben, wusste er doch besser als jeder andere, wovon er sprach.
Als Christian dann Krankenpfleger werden wollte, anstatt in die Anwaltskanzlei einzusteigen, hatte er ihm wieder den Rücken gestärkt. Es war das Mindeste gewesen, was er für ihn tun konnte, ein winziges Zeichen von Solidarität, die jedoch niemals die langen Phasen seiner Abwesenheit von zu Hause gut machen konnte, die Zeiten, in denen er Christian allein ließ. Allein mit der Kälte und Lieblosigkeit eines großen und dunklen Hauses, allein in einer Hoffnungslosigkeit, die jeden Menschen früher oder später erdrückte.
Aber Christian erdrückte sie nicht. Irgendwie schaffte er es, diese Jahre zu überstehen, ohne den leeren und düsteren Blick ihrer Eltern anzunehmen, ohne die stumme Gefühllosigkeit zu übernehmen, welche diese atmeten.
Olaf gelang es meist, seine Schuldgefühle beiseite zu drängen. Immerhin war es nicht seine Aufgabe, sich um den kleinen Bruder zu kümmern. Er hatte Besseres zu tun, Wichtigeres. Er musste sein Leben führen, das Beste leisten, zu dem er imstande war, bis an die Grenzen gehen. Und er war bereit und willens, diese Aufgabe auf sich zu nehmen, war es immer gewesen.
Lediglich während der pflichtgemäßen Familientreffen, der wenigen Ferien, die er zu Hause verbrachte, bäumte sich das Gespenst auf, wollte ihn nicht los lassen. Bis er wieder fort war, eine Weile fort und eingebunden in sein eigenes Leben, das ihm alles abverlangte.
Mehr als auf alles andere, freute er sich dennoch jedes Mal darauf, Christian wiederzusehen. Mehr als auf seine Eltern, mehr als auf das Zimmer, in dem er seine ersten Jahre verbracht hatte, und das immer noch die Comics und Spielsachen enthielt, für die er damals bereits zu wenig Zeit gehabt hatte.
Und jedes Mal wieder war er überrascht, vielleicht sogar ein wenig erschrocken, sobald er der Veränderungen gewahr wurde, die in dem Jungen vorgegangen waren, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Christian wuchs für ihn in Schüben, verwandelte sich in Sekundenschnelle vom Kleinkind zum Sechsjährigen, vom Schulkind in einen Teenager.
Und immer sah er ihn an mit diesem Ausdruck, den Olaf nur als stumme Frage deuten konnte. Als die Frage, die er sich selbst auch immer stellte: Wie nur brachte Olaf es fertig, ihn so lange alleine zu lassen.
Als Christian größer wurde, sich der Schwelle zum Erwachsenwerden näherte, begann sich zu Olafs Schuldgefühlen etwas anderes zu addieren, etwas, das er lange nicht erkannte, dann verleugnete und das er sich immer weigern würde, zuzugeben. So dachte Olaf.
Und er gab Christian die Schuld. Christian, der sich so anhänglich zeigte, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, sobald er eingetroffen war. Christian, der seine Hände nicht von ihm lassen konnte, der ihn umarmte, sich an ihn hängte, ihm durch das kurze Haar strich, als gäbe es nichts Faszinierenderes auf der Welt. Nichts Faszinierenderes, als die Widerspenstigkeit von Olafs meist streng zurückgekämmten Haar, das er so sorgfältig in Schach hielt, und dem doch nicht viel fehlte, um ihm ein wildes, wirres Aussehen zu verleihen, kamen die Strähnen durcheinander, entwickelten ein Eigenleben und standen plötzlich in alle Himmelsrichtungen ab.
Zu dieser Zeit fiel Olaf auch Christians absurde Frisur auf, die Art, wie er die dunklen Strähnen während des Dinners über die Stirn fallen ließ, um mit seinen dunklen Augen darunter hervor zu linsen. Olaf wusste, dass Christian ihn beobachtete und er wusste ebenso gut, dass Christian glaubte, er würde es nicht merken, dass sein Haarschopf ihn vor der Entdeckung schützte.
Christian war sein kleiner Bruder und er würde es auch immer sein. Auch, wenn es Olaf bislang nicht gelungen war, seiner Rolle nur annähernd gerecht zu werden, so vergaß er doch nicht, worauf es dabei ankam.
Es war seine Pflicht, Christian zu beschützen. Und wenn es sein musste, dann auch vor sich selbst zu schützen.
So dachte Olaf und hob sein Glas an die Lippen, um endlich zu trinken.
Daran änderte sich auch nichts, nachdem Christian erwachsen geworden war, ihr Elternhaus verlassen und sich in einem kleinen, in Olafs Augen schäbigen Apartment eingemietet hatte.
Christian war nun ein Mann, er übte einen Beruf aus, so verächtlich ihre Eltern auch über diesen sprechen mochten, und er führte sein eigenes, selbstständiges Leben, unabhängig von all dem, womit die Familie Olaf für immer an sich gebunden hatte und immer an sich binden würde.
Und Olaf fühlte wieder den leisen Stachel der Eifersucht, der ihn doch noch gelegentlich quälte, erlaubte es sich vorzustellen, wie sein Leben aussähe, hätte er sich von Anfang an gegen die Bevormundung, gegen die Fremdbestimmung von außen gewehrt.
Olaf trank. Die Flüssigkeit rann scharf seine Kehle hinunter. Es hatte keinen Sinn darüber nachzudenken, und Olaf war zu pragmatisch, um weiterhin seine Zeit mit nutzlosen Betrachtungen zu verschwenden.
Selbst wenn es für ihn eine Wahl gegeben hätte, so stünde er nun nirgendwo anders. Er gehörte an diesen Ort, sein Leben gehörte zu ihm. Es war richtig und sofern etwas wie eine Bestimmung existierte, so war dies die seine.
Olaf sah auf, als sich der Schlüssel im Schloss drehte.
Rasch trank er einen weiteren Schluck und füllte dann sein Glas wieder, ohne dabei zuzusehen, wie die Tür sich öffnete. Er wusste auch so, wer es war.
Diese Stadtwohnung war Olafs heimliche Zuflucht. Den wenigsten Menschen gab er die Adresse und der Einzige, der einen Schlüssel besaß, war sein Bruder.
„Chris“, sagte Olaf ohne aufzusehen, lauschte nur dem vertrauten Schritt, dem Plumpsen des Rucksackes, den Christian neben der Tür fallen ließ, ebenso wie dem Geräusch der Jacke, aus der der Jüngere schlüpfte, nur um sie ebenso achtlos auf den Boden fallen zu lassen.
Olaf unterdrückte ein Lächeln. Der Einzige, dem er dies durchgehen ließ, war sein kleiner Bruder. Bei jedem anderen hätte er längst verlangt, dass er seine Sachen ordentlich aufräumte, doch bei Christian war er in der Lage, die Unordnung zu übersehen.
„Was tust du hier?“, fragte er immer noch ohne aufzusehen.
Schnelle Schritte näherten sich und Christian ließ sich mit einem Seufzer neben ihm auf das Sofa sinken.
Erst jetzt wand Olaf sich zu ihm um und erschrak leicht über die Blässe in Christians Gesicht.
„Was ist los?“, fragte er unwillkürlich und es gelang ihm gerade noch seine Hand zu stoppen, die sich wie von selbst auf Christians legen wollte.
„Was ist geschehen?“ Doch Christian schüttelte nur den Kopf, erlaubte es seinen Strähnen das bleiche Gesicht zu verdecken.
Und noch ehe Olaf wusste wie ihm geschah, hatte der Jüngere seine Arme um ihn geschlungen und sich gegen ihn gelehnt. So wie er es Jahre zuvor, noch ehe er zum Mann geworden war, noch ehe er zumindest ein Mindestmaß an Zurückhaltung gelernt hatte, stets getan hatte.
Olaf erschauerte und er verwünschte den letzten Drink, wusste er doch nur zu gut, wie es um seine Selbstkontrolle unter Alkoholeinfluss bestellt war. Auch ohne benötigte er wenig Überredungskunst, gab er seinem Verlangen zu oft und zu rasch nach, als gut für ihn war.
Doch wenn er getrunken hatte, fand er sich gelegentlich in Situationen wieder, die ihm noch im Nachhinein die Schamesröte in die Wangen trieben.
Am schlimmsten war es, wenn er sich am Morgen den großen Augen eines jungen Mannes gegenübersah, eines Mannes, der verdächtige Ähnlichkeit mit Christian aufwies, der lange, dunkle Haare trug, hinter denen er sein jugendliches Gesicht versteckte. Eines Mannes, der für sein Alter fast zu schmächtig wirkte und der dennoch, wenn es um das Eine ging, eine Direktheit an den Tag legte, die Olaf erröten ließ.
Jedes Mal wieder verabscheute er sich selbst im Nachhinein, verabscheute sich für diese kranke Begierde, für das Verlangen, von dem er genau wusste, dass er es niemals zulassen durfte, wenn nicht alles noch viel schlimmer, noch viel schwieriger werden sollte, als es ohnehin schon war.
Deshalb bemühte Olaf sich, seinen Alkoholkonsum in Grenzen zu halten. Deshalb trank er meist nur hinter verschlossenen Türen, wenn er sicher war, und wenn er sich in ausreichender Entfernung zu Christian aufhielt.
Doch jetzt war Christian bei ihm und Olaf spürte die Wärme seines Körpers, fühlte das seidig weiche Haar, das seinen Hals kitzelte. Und er stöhnte leise.
„Was ist?“, war es diesmal an Christian zu fragen. „Was hast du?“
Doch Olaf schüttelte nur seinen Kopf, unfähig zu antworten. Er presste seine Zähne zusammen, spürte seinen Körper erzittern, als Christians Hand seinen Arm hinauf wanderte.
„Es ist in Ordnung“, flüsterte Christian. „Ich fühle es auch.“
Nieselregen
Er stand auf dem Dach und hielt sein Gesicht dem Regen entgegen, als fühle er ihn zum ersten Mal.
Sein Haar klebte an der Stirn und seine Kleider waren bereits durchtränkt, obwohl es sich um nicht mehr als ein leichtes Nieseln handelte.
Doch er befand sich inzwischen lange genug an dieser Stelle, um die kalte Flüssigkeit wie eine nasse Folie auf seiner Haut zu spüren.
Es war ein gutes Gefühl. Der Regen kühlte die Hitze, die in ihm aufstieg. Hitze, die einzuordnen ein Problem darstellte, über das Sebastian sich noch weigerte nachzudenken.
Und wenn doch, dann versuchte er sich davon zu überzeugen, dass es Scham war, die sein Gesicht glühen ließ, Scham, die ihn dazu trieb, sich vor den Blicken anderer zu verstecken, indem er über die Nottreppe den Weg auf das flache Dach des Gebäudes wählte.
Andererseits glich die Scham, die er fühlte, gefährlich der Erregung, die er zu leugnen suchte.
Sebastians Augen blieben geschlossen, als er den Mund öffnete, spürte, wie die feinen Tropfen Lippen und Zunge benetzten.
Es war einfach zu lächerlich. Wie ein kleiner Junge stand er dort in der Dunkelheit und versuchte vergeblich, den tobenden Herzschlag zu besänftigen, das Rauschen des Blutes in seinen Ohren zu ignorieren. Und das nur, weil er sich endlich überwunden hatte, die Wahrheit zu sagen.
Sebastian öffnete mit einem Ruck die Augen, presste zugleich seine Lippen zusammen. Bis jetzt war es ihm gelungen, die Konsequenzen seines Handelns zu verdrängen.
Doch nun überfielen sie ihn mit wilder Macht, legten sich schwer auf seine Brust und lähmten seine Atmung, bis er plötzlich zu ersticken glaubte.
Sebastian nahm einen tiefen Atemzug und starrte in die Nacht. Er konnte nichts erkennen mit Ausnahme der dünnen Fäden des Regens, in denen sich das Licht der Straßenlaternen spiegelte, eine ständige Bewegung erzeugte, die zu seiner Nervosität beitrug.
Was, wenn Adam ihn nun hasste. Er hatte keinen Grund zu glauben, dass der Mann seine Gefühle erwiderte. Und nur weil Sebastian in einem weinseligen Moment seinen Kopf verlor, nicht anders konnte, als ihn in den Lagerraum des Büros zu ziehen, und ihm mit gesenktem Blick zu offenbaren, dass er, seit er unter ihm arbeitete, sich auch wünschte unter ihm zu liegen, hieß das lange nicht, dass Adam diese Meinung teilte, geschweige denn dass er sie tolerierte.
Sebastian schloss seine Augen. Diese verdammten Betriebsfeiern. Er schüttelte den Kopf, dass sein nasses, ein wenig zu langes Haar zusätzliche Tropfen versprühte.
Oder dieser verdammte Alkohol, wenn er schon ehrlich zu sich war. Es war schließlich nichts Neues, dass er nichts vertrug, was sich auch nur geringfügig auf seine Gehirnchemie auswirkte. Jeder einzelne Schluck führte unweigerlich in eine Peinlichkeit oder Katastrophe. Oder wie in diesem Fall in beides.
Sebastian wischte sich mit beiden Händen durch sein Gesicht. Die Hitze verflog und seine Finger berührten klamme Haut. Eine Rasur konnte er auch vertragen. Sebastians Gedanken sprangen im Quadrat, als er seine Finger wieder senkte und die bleichen Handrücken betrachtete.
Wie käme er auch darauf, dass Adam sich nur im Geringsten von einem Anfänger wie ihm angezogen fühlte. Von jemandem, der zu tief ins Glas sah, und sich dann zu viel herausnahm.
Wieder biss er sich auf die Lippen. Das hatte er großartig hingekriegt. Sein Mantel klebte inzwischen an seinem Körper und Sebastian erschauerte.
Was für ein Dilemma.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sebastian blinzelte. Eine dunkle Gestalt stand neben der Tür, die ihn auf das Dach geführt hatte.
Sebastian blinzelte erneut, doch mehr als einen Umriss konnte er nicht erkennen. Er senkte den Kopf und strich sich nervös das nasse Haar aus der Stirn.
Die Gestalt kam näher und Sebastians Herz stockte. Das konnte nicht sein. Es war nicht möglich.
Doch mit jedem Schritt schwand ein Stück seines Zweifels, bis er sich sicher war.
Sebastian drehte sich verlegen zur Seite. Und obwohl er nur unter dem Vorhang seiner nassen Haare und aus seinen Augenwinkeln hervor blinzelte erkannte er mit jeder Faser, jedem Nerv seines Körpers den Mann, der letztendlich vor ihm stehen blieb.
Sebastian fühlte Adams Lächeln auf seinem Gesicht und neigte sein Gesicht tiefer, wohl wissend dass sein Haar nun dazu diente, die aufsteigende Röte zu verbergen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagte die sanfte Stimme tadelnd. Wie oft hatte Sebastian sich gewünscht aus diesem Mund Worte zu hören, die nicht mit der Arbeit zu tun hatten, Worte, die persönlicher waren als „Guten Morgen“ oder „Auf Wiedersehen.“
Er wollte sich räuspern, wollte etwas erwidern, doch die Laute blieben in seinem Hals stecken.
Und plötzlich fühlte Sebastian, wie eine Hand sein gesenktes Kinn berührte, wie dieses behutsam angehoben wurde. Und anstatt zurückzuzucken gab Sebastian der Bewegung willig nach, hob sein Gesicht und blinzelte unter den Regentropfen, die in seinen Wimpern hingen, hervor.
„Ich …“, versuchte er zu sagen, doch in diesem Moment sah er es. Adam lächelte. Trotz der Dunkelheit erkannte Sebastian den warmen Schein in den Augen des Älteren. Adam neigte sich näher zu ihm. „Hast du gedacht, du könntest davonlaufen?“
„Ich wollte nicht …“ Sebastians Stimme klang heiser, brach, als Adam sich noch ihm noch ein weiteres Stück näherte, als sein Mund sich Sebastians Ohr näherte. „Was wolltest du nicht?“, flüsterte er. „Mich dazu bringen, dir zu folgen? Dich zu suchen?“
Adam schüttelte den Kopf und lachte leise, eine Vibration, die Sebastian zittern ließ, sich in Hitze verwandelte, die direkt in seinen Schoß wanderte.
„Ich bin fast verrückt geworden, als ich dich nicht sofort gefunden habe“, wisperte Adam. „Nach dem, was du mir gesagt hast?“ Er legte seine Hand auf Sebastians klammen Ärmel. „Und dann einfach wegzulaufen.“ Adam schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich glaube, du möchtest, dass dir jemand Manieren beibringt?“
Sebastian schluckte, wandte den Kopf, so dass er direkt in Adams Augen sah. Kleine Fältchen bildeten sich in dessen Augenwinkeln und Sebastian sehnte sich danach, diese küssen zu dürfen.
„Ja“, flüsterte er. „Bitte.“
Und Adam lächelte.
Stern
„Geh nicht“, flüsterte Lasse in Giovannis Ohr. „Ich kann nicht so lange ohne dich sein.“
Giovanni hielt den jüngeren Mann fester, zog ihn näher an sich, obwohl größere Nähe physisch kaum möglich schien. „Ich muss“, antwortete er leise in Lasses Ohr. „Ich habe es dir doch erklärt. Es… es ist zu schwer für mich.“
Lasse lehnte seinen Kopf an Giovannis Schulter, rieb seine Wange gegen den kratzigen Wollpullover. „Bitte bleib bei mir“, flehte er noch einmal.
Giovanni atmete mit einem Seufzer aus, einem Laut, der zugleich Schmerz als auch Erleichterung ausdrückte. „Dann komm mit mir“, flüsterte er. „Wir könnten zusammen sein. Wir könnten an Deck schlafen, über uns die Sterne.“
Lasse schluchzte. „Du weißt, dass ich nicht gehen kann“, wisperte er. „Es gibt zu vieles hier, zu viele Verpflichtungen, zu viele Zwänge.“
„Und genau deshalb muss ich gehen“, antwortete Giovanni. „Ich kann dir nicht dabei zusehen, wie du dich zerstörst, wie du all das versteckst, was dich ausmacht, wofür du bestimmt bist.“
„Ich verstecke nichts“, wehrte sich Lasse. „Das ist mein Leben. Meine Pflichten, meine Beziehung, meine Familie – alle verlassen sich auf mich. Keiner könnte es verstehen.“
„Du gibst ihnen auch keine Chance.“ Giovanni drückte Lasse einen Kuss auf die Stirn. „Aber das ist in Ordnung. Das bist du. So bist du, und ich liebe dich auch aus diesem Grund, weil du so bist.“
„Giovanni“, flüsterte Lasse und barg sein Gesicht an Giovannis Schulter. „Es… es tut mir so leid.“
„Stell dir nur vor, wie es sein könnte“, sagte Giovanni auf einmal heiser. „Stell dir nur für einen Augenblick vor, was wäre, wenn wir uns nicht auf diesem Steg befänden. Wenn ich nicht die Leine des Bootes hinter mir wüsste, bereit gelöst zu werden, sobald ich meinen Fuß auf das Schiff setze. Wenn wir nicht hier wären, Gefangene unserer Leben, all der Pflichten, die uns eine verschwendete Zeit, die wir ohne einander verbringen, auferlegten.
Lasse schloss die Augen und stellte es sich vor. Seine Hände krallten sich in den Stoff der Kleidung, die Giovanni trug, und er fühlte, wie der andere seine Arme enger um ihn schlang, wie er ihn emporhob, ihn in eine Fantasie entführte, die er bislang nur vage und mit wenigen Worten entworfen hatte.
Die Luft trug ihn, ebenso wie Giovanni ihn trug, bis sie mit einem Ruck an ihrem Ziel ankamen. Lasse blinzelte, als der Boden unter seinen Füßen zuerst vibrierte und dann begann zu schwanken. Oder er hatte schon immer geschwankt, nur dass Lasse die Bewegung jetzt erst wahrnahm. Keine unangenehme Bewegung, eher ein sanftes Schaukeln, das weder Sorgen noch Unruhe verursachte. Nicht, solange Giovanni ihn festhielt, solange er seine starken Arme um Lasse geschlungen hielt und keine Anstalten unternahm, keinen Versuch, ihn jemals wieder loszulassen. Lasse schloss die Augen erneut und stieß einen zufriedenen Seufzer aus, der von einem tiefen Lachen beantwortet wurde, welches schwach an sein Ohr drang, welches er mehr in Giovannis Brust spüren konnte, als dass er es hörte.
„Was ist so lustig“, flüsterte er gegen den warmen Stoff, ohne seine Augen wieder zu öffnen. Stattdessen rieb er seine Stirn gegen den Körper des Größeren und seufzte erneut zufrieden.
„Nichts“, wisperte Giovanni zurück. „Nur deine Fantasie. Sieh, wohin du uns gebracht hast.“
Lasse deutete ein schwaches Kopfschütteln an. „Ich will es nicht wissen“, gab er zu. „Ich will nur sein, wo du bist.“
„Sieh nur hin“, ermunterte ihn Giovanni erneut. „Wir sind alleine. Du hast uns an den ruhigsten, einsamsten und gleichzeitig schönsten Ort geführt, den ich mir nur erträumen könnte.“
„Und wo sollte das sein?“ Nun blinzelte Lasse doch, drehte seinen Kopf und schmiegte seine Wange gegen den Stoff, während er aufsah. „Oh“, stieß er hervor.
„Nicht wahr?“, lachte Giovanni glücklich.
„Wo sind wir?“, fragte Lasse. „Es sieht aus als flögen wir… durch die Sterne.“
Amüsiert schüttelte Giovanni seinen Kopf. „Auf ruhiger See“, antwortete er leise. Die Sterne spiegeln sich in der glatten Oberfläche und wir schweben. Wir schweben über das Wasser.“
„Ja“, murmelte Lasse. „Und wir sind allein.“
„Niemand kann uns sehen“, bestätigte Giovanni. „Niemand wird je wissen, wo wir sind, oder was wir tun.“
„Dann lass uns hier bleiben“, antwortete Lasse. „Auf unserem eigenen Stern. Wie ich wünschte, dass es immer so sein könnte. Wenn du nur wüsstest wie sehr.“
„Aber das weiß ich doch“, flüsterte Giovanni zärtlich. „Glaub mir, ich weiß es.“